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Altenburg Wenn der Gang in die Schule zur Qual wird
Region Altenburg Wenn der Gang in die Schule zur Qual wird
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19:01 26.08.2013

Die sogenannte Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung in Grund- und Regelschulen, der in Thüringen massiv forciert wird, sei aber momentan noch nicht für alle die beste Lösung.

Als Peter, der in Wirklichkeit anders heißt, 2009 in die Schule kam, lief zunächst alles gut. Doch nach und nach gab es die ersten Probleme: Peter konnte sich schwer konzentrieren, störte den Unterricht, seine Leistungen wurden immer schlechter. Die zweite Klasse musste er wiederholen, wenig später wurde bei ihm die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) diagnostiziert. "Der Gang zur Schule wurde für unseren Sohn zur Qual", berichtet die Mutti, die lieber anonym bleiben will.

Um ihn besser fördern zu lassen, wollten sie und ihr Mann Peter im Förderzentrum einschulen lassen. Obwohl die Schulleitung der Grundschule den Wunsch unterstützte, war dies keine Formalität. Denn nachdem sich das Team zur Qualitätssicherung der sonderpädagogischen Begutachtung (TQB) das Kind angesehen hatte, ließ das erforderliche Gutachten lange auf sich warten. "Als es dann endlich vorlag, war darin eine Weiterbeschulung in der Grundschule vermerkt." Für Peters Eltern keine Option. "Unsere Sorgen um die Weiterentwicklung wuchsen ins Unermessliche."

Elternsprecherin Corinna Krause kennt diese Probleme. "Dieses Beispiel steht für viele Fälle, in denen die Eltern nur mit Hartnäckigkeit erreichen, dass ihre Kinder aufs Förderzentrum gehen dürfen", erzählt sie. Zum einen würde es mitunter mehrere Monate dauern, bis die Gutachten geschrieben sind, zum anderen werde es immer seltener, dass die Gutachten sich für eine Beschulung im Förderzentrum aussprechen. Was die Mutter anspricht, ist mehr als eine subjektive Wahrnehmung.

Tatsächlich hat sich die Inklusionsquote im Altenburger Land in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert (OVZ berichtete): Gingen 2008 etwa 13 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eine normale Grundschule, sind es inzwischen 22,5 Prozent. Damit liegt das Altenburger Land allerdings noch deutlich hinter den Inklusionsraten in anderen Ostthüringer Landkreisen. Für das Erich-Kästner-Förderzentrum bedeutet das: "In den vergangenen Jahren wurden jeweils nur vier Erstklässler eingeschult, vorher waren es immer zwölf bis 15 Schüler", so Corinna Krause. Ihre Befürchtung ist, dass das Förderzentrum wegen Schülermangels bald geschlossen wird.

Keine unbegründete Sorge: Im ersten Entwurf der Schulnetzplanung war vorgesehen, eines der beiden Förderzentren im Altenburger Land zu schließen - entweder Schmölln oder Altenburg. "Wir sind ja nicht gegen Inklusion, aber für manche Kinder funktioniert der gemeinsame Unterricht nicht", erklärt Krause ihre Position. Zwar würden sich die Lehrer in den Grund- und Regelschulen viel Mühe geben, aber es laufe nicht wie in der Förderschule ab.

Peter zum Beispiel bekam zweimal wöchentlich Förderunterricht in seiner Grundschule, allerdings wurde er dafür aus dem Unterricht herausgeholt und verpasste in dieser Zeit Lernstoff. "Diese Stunden sind nicht mit der Förderung im Förderzentrum zu vergleichen. Hier gibt es kleine Klassen, Logopädie, Physio- und Ergotherapie sind integriert." Deshalb müssten die Eltern ihrer Ansicht nach das Wahlrecht haben. "Und das ist im Moment untergraben."

Auch Sabine Fache, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Kreistag, kennt die Problematik: "Nicht nur in Altenburg, auch in Schmölln gibt es diese Probleme." Zudem merkt sie an, dass selbst bei inklusiven Klassen noch Ausgrenzung, die mit dem gemeinsamen Lernen unterbunden werden soll, stattfindet. "Das hat sich einfach auf eine andere Ebene verlagert: Für viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist es schwer, Freunde in den Grundschulen zu finden. Die Inklusion ist noch nicht auf dem Niveau, dass es funktioniert." Fache hält es für richtig, die Inklusion langsam in der Gesellschaft zu verankern.

Übrigens: Peter besucht inzwischen - nach mehreren eindringlichen Telefonaten und langen Diskussionen - den Unterricht im Förderzentrum. "Zurzeit lernt unser Sohn sehr gut und hat auch den verpassten Lernstoff wieder aufgeholt", erzählt seine Mutter. Durch die ganztägige Förderung durch die Lehrer, Sozialpädagogen und Ergotherapeuten sowie das Lernen in einer kleinen Gruppe seien auch die Verhaltensauffälligkeiten fast komplett verschwunden. "Wir sind optimistisch, dass unser Sohn ab der 5. Klasse in eine Regelschule gehen kann."

Jenifer Hochhaus

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