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"Wenn es Nacht wird in Meuselwitz"

"Wenn es Nacht wird in Meuselwitz"

Nachts in Meuselwitz - ein Schauplatz, der die Fantasie anregt. Was passieren könnte, wenn es Nacht wird in der thüringischen Provinz, führt das Schauspielensemble des Altenburg-Geraer Theaters seit Sonnabend im Heizhaus, der kleinen Bühne des Landestheaters, vor.

Altenburg.

 

 

 

Wenn es Nacht wird in Meuselwitz, dann erwacht das Leben im Biergarten "Zur Grotte". Nicht mehr und nicht weniger grottig als in anderen Kneipen geht es zu, wenn Silvano (Manuel Struffolino), ein italienischer Wirt aus Thüringen, wieder die bunten Lämpchen (Ausstattung Marianne Hollenstein) anknipst und ein bisschen Idylle ins triste Leben zaubert. Da geistern sie alle herein mit ihren Geschichten: Benno (Henning Bäcker), der Fußballer im Rollstuhl, der andauernd und bei jedem nach Anerkennung sucht. Maike (Johanna Paliege), die Bedienung, die es eigentlich so sehr in die Ferne zieht. Oder Barbara (Mechthild Scrobanita), die nicht mehr ganz junge, adrette Dame mit Bedürfnissen, Ronni (Philipp Reinheimer), ein Mann mit nachhaltigen sexuellen Erfahrungen, Ramona (Vanessa Rose), Polizistin mit Träumen, Günther (Manuel Kressin), ein von vornherein im falschen Körper geborener Beamter, und Wolfgang (Heinrich Diemer), der trommelnde Poet.

 

So wie diese Nacht verbringen sie wohl fast jede - ein in sich kreisender Kosmos, das Leben in einer Provinzkneipe. Doch wie in jeder guten Novelle, jedem ordentlichen Drama, passiert auch hier das Unerwartete beziehungsweise es kommt ein Unerwarteter: ein einsamer schwarzer Cowboy (Ouelgo Téné). Das personifizierte Fremde reißt alle Varianten der Projektionsfläche auf - Sehnsüchte und Ängste. Eine liebenswürdig absurde Hymne auf die Heimat beschließt ein kurzweiliges Theaterspektakel. Ferien in Deutschland, daheim in Thüringen, im Altenburger Land - was will man mehr?! Hier ist alles wie in Silvanos Kneipe. Hier kennt man sich, weiß um die Stärken und Schwächen des anderen, man ist intimer als es einem immer lieb sein kann, ist verzweifelt und zufrieden - nicht selten beides zugleich. Vertraute Rollenmuster werden zum Flucht- und Schutzpunkt, zum Gefängnis und zur Trutzburg. Verzweiflung und Zuversicht hängen nicht selten nur von der Perspektive ab, sind zwei Seiten derselben Medaille.

 

Und wie es nur ein ganz schmaler Grat zwischen dem vertrauten Heimat-idyll und dem finsteren Hort ist, an dem die Träume von Freiheit begraben werden; unternimmt Schauspieldirektor Bernhard Stengele (Inszenierung) mit seinem Ensemble eine intelligente Gratwanderung zwischen bitterböser Satire und Collage zum Thema Heimat Thüringen. "Wenn es Nacht wird in Meuselwitz" - da wird es zunächst einmal dunkel. Ob die nächtliche Dunkelheit in Meuselwitz eher finster oder heimelig ist, hängt von der Perspektive ab. Meuselwitz ist überall, wo Menschen sich in der Provinz heimisch fühlen. Und doch lebt Stengeles Lieder-Revue von der Liebe zum gut recherchierten und dezent eingeflochtenen Detail, vom unaufdringlichen Lokalkolorit, von der scharfen Beobachtung einer Welt, in der man so typisch deutsch auf die Tafel über dem Thresen schreibt: "Zapfe kaputt - Sori".

 

Doch vielleicht ist es die ganz besondere, die eigentliche Stärke dieses dichten und vielschichtigen musikalischen Theaterabends, dass er so viele verschiedene Zugänge bietet. Dass er ganz unaufdringlich den intellektuellen Zweifler genauso mitnimmt wie den eigentlich zufriedenen bekennenden Thüringer, den Haselbacher wie den Meuselwitzer, den Altenburger wie den Berliner. Es ist egal, ob man jeden der manchmal originalen, manchmal im Hinblick auf das nächtliche Meuselwitz bearbeiteten Titel einer musikalisch-literarischen Quelle zuordnen kann. Nina Hagen oder Karussell, Pur oder Veronica Fischer - alles gewinnt eine bemerkenswerte musikalisch-dramaturgische Eigendynamik. Mal witzig, mal schmerzlich.

 

Schauspielkapellmeister Olav Kröger hat zusammen mit Stengele Konzept und dichte Liedfolge entwickelt, schafft am Klavier ein musikalisch-theatralisches Kontinuum, mal groovig, mal kommentierend und immer souverän - großartig eben. Ulrich Pakusch hat die kommentierenden Chöre einstudiert, die messerscharf und pointiert verfremden. Überall ist Meuselwitz. Eine Aufforderung, sich hier einfach unreflektiert einzurichten im Vertrauten, soll dieses Theater nicht sein. Dass jeder über seinen Zugang auch etwas mitnimmt aus diesem Theaterabend, macht schon der Beifall deutlich - angekommen ist diese Premiere mit Sicherheit beim Publikum.

 

iDie nächste Aufführung in Altenburg am 19. Dezember ist bereits ausverkauft. Weitere Termine sind bislang leider nicht bekannt. Sie werden erst in den Monatsleporellos veröffentlicht. Karten gibt es noch für den 1. Dezember in Gera (Tel. 03447 585161).

Tatjana Böhme-Mehner

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