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Altenburg „Wir können nur immer wieder nerven!“
Region Altenburg „Wir können nur immer wieder nerven!“
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10:13 05.01.2019
Christian Hoffmann ist Vorsitzende des Sprechergremiums des Kreiselternbeirats. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Christian Hoffmann, selbst Vater von zwei Kindern, ist Vorsitzender des Sprechergremiums des Kreiselternbeirats. Mit der OVZ spricht er über Aufgaben, Hürden und Wünsche des Kreiselternbeirats.

Herr Hoffmann, seit zwei Jahren sind Sie Teil des Kreiselternbeirats. Wer oder was ist das eigentlich?

Wir sind kein Verein oder Unternehmen, sondern ein schulartübergreifender Zusammenschluss aller Schulelternsprecher im Altenburger Land. Ende 2015 fand im Rahmen des Audits „Familiengerechter Landkreis“ eine erste Elternkonferenz statt. Ziel war es, die Elternvertreter zu vernetzen, um einen gemeinsamen Informationsaustausch zu gewährleisten, Probleme aufzuzeigen, diese zu diskutieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen beziehungsweise diese anzuregen.

2016 wurde auf der zweiten Elternkonferenz der Kreiselternbeirat mit Geschäftsordnung ins Leben gerufen und ein Sprechergremium gewählt. Es übernimmt hierbei keine Aufgaben, die nach Schulordnung den Elternvertretern auf Schul- beziehungsweise Schulamtsebene zugeordnet sind, sondern fördert und organisiert den Gedankenaustausch der Elternvertreter aller Schularten und wirkt in Angelegenheiten, die für die Schulen von allgemeiner Bedeutung sind, beratend mit.

Bedeutet aber auch: Wir haben wenig Möglichkeit, direkt Einfluss zu nehmen, sondern sind eigentlich immer „nur“ die, die das Schulamt nerven. Wenn wir gebündelt als 46 Schulen sprechen, hat das aber eine andere Wirkung.

In Zeiten von Lehrermangel und bröckelnden Schulgebäuden aller Orten nerven Sie wahrscheinlich sehr viel und sehr oft, oder?

Oh ja, wobei wir generell das Problem haben, dass Infos selten direkt an uns durchgereicht werden und es ein Akzeptanz-Problem gibt, weil wir wie gesagt kein echter Verein sind, sondern nur ein Gremium. Aber Stück für Stück gelingt uns mehr Außenwirkung – und wir werden auch mehr in beratende Dinge eingebunden, zum Beispiel in die kommende Schulnetzplanung 2019 bis 2024. Einem der großen Themen im nächsten Jahr.

Apropos: Der neue Schulnetzplan schreibt Mindestschülerzahlen vor, die aber zahlreiche Standorte nicht erfüllen können. Welche Lösungsvorschläge hat der Kreiselternbeirat für dieses Problem?

Das stimmt! Wir fragen uns: Wie könnten alle Standorte erhalten werden beziehungsweise wie bekommen wir es hin, dass die verfügbaren Lehrer und die Standorte effektiver genutzt werden? Dafür braucht es unserer Ansicht nach Kooperationsmodelle oder die Spezialisierung einzelner Standorte als Alleinstellungsmerkmal. Wir möchten natürlich ungern, dass Lehrer in der Zehn-Minuten-Pause von A nach B fahren müssen, sondern sich eher tageweise reinteilen. Wir wünschen uns generell mehr Flexibilität aller Beteiligten. Wir müssen umdenken und weg von starren Mustern.

Was wäre die Alternative, wenn alles bleibt, wie es ist?

Wenn die Schülermindestzahlen wirklich bindend eingefordert werden, wäre die Hälfte aller Schulen im Altenburger Land gefährdet und im ländlichen Raum würde so ziemlich jede noch existierende Grund- oder Regelschule wegbrechen. Zudem wären auch drei von vier Gymnasien gefährdet. Perspektivisch würde sich das Lernen gebündelt nach Altenburg verlagern und alle Kinder zentral an großen Schulen unterrichtet.

Was geht Ihnen durch den Kopf beim Blick auf die Rückmeldungen der einzelnen Elternsprecher zur aktuellen Lehr-Situation an den Schulen im Landkreis?

Es ist grob fahrlässig, was da an den Schulen passiert. Die Eltern erwarten, dass der Bildungsauftrag stattfindet. Selbst wenn sie ihre Kinder unterstützen könnten, schafft es niemand, alles abzudecken und sein Kind auf die Prüfung vorzubereiten. Da bricht der gesamte Mittelbau weg. Das kann auch nicht die Lösung sein. Klar finden die Schüler das toll, wenn Unterricht ausfällt, aber der Stoff fehlt am Ende. Und bei der zentralen Abschlussprüfung interessiert es keinen, ob die Kinder das überhaupt wissen können. Denen ist die Tragweite nicht klar, uns schon. Vor allem, da die Bandbreite an Kindern und ihren Bedürfnissen heutzutage viel größer geworden ist.

Warum engagieren Sie sich im Kreiselternbeirat?

Mit der Einstellung „nach mir die Sintflut“ kommen wir nicht weiter. Wir können doch unsere Kinder nicht aufgeben! Das ist doch unsere Zukunft, die da in die Schulen geht. Deshalb engagieren wir uns, fragen immer nach, pieken das Schulamt und bieten Hilfe an. Ich trete Leuten gern auf die Füße. So krass die Lage ist, macht dieses Ehrenamt auch sehr viel Spaß!

Mal abgesehen vom Lehrermangel: Was verhindert eine Besserung der Situation?

Die vorhandenen Mittel müssen leichter abrufbar sein für Schulen mit Lösungsansätzen. Da gibt es viel zu viele Hürden und die Entscheidungswege sind zu lang. Zudem braucht es konkrete Programme für Lehrergewinnung und eine „reale“ Abbildung der ausfallenden Stunden. Denn eine „betreute“ Stunde ohne Fachunterricht zählt nicht als Ausfallstunde.

Generell müsste die oberste Etage einfach mal auf die Idee kommen nachzufragen. Gern auch bei uns! Zusammenfassend kann man sagen, wenn alle offener rund um die schulischen Themen miteinander umgehen, kommen wir schneller zu Lösungsansätzen. Das bedeutet, dass die Meinungen und Hinweise vom direkten schulischen Umfeld hoch zur ministerialen Ebene auch ausgesprochen werden dürfen und sollten und vor allem dort ernst genommen werden müssen. Es hilft schlussendlich niemanden, wenn an den Schulen weiterhin mit aller Kraft versucht wird, es durch Hin- und Herschieben irgendwie zu schaffen. Das geht zulasten der Kinder und Lehrer, verzögert Lösungen und somit eine Verbesserung der Situation.

Lehrermangel – so sieht es im Landkreis konkret aus

Wie sieht es aus an den Schulen im Altenburger Land, fragte der Kreiselternbeirat alle Elternvertreter, woraufhin 15 ihre Beobachtungen und Hinweise in Worte fassten. Eine Liste, die ein düsteres Bild zeichnet:

Roman-Herzog-Gymnasium Schmölln: Ein Französischlehrer geht in absehbarer Zeit in Rente, damit hängt der Unterricht der 11. und 12. Klassen ab dem 2. Halbjahr derzeit noch in der Schwebe. Insgesamt herrscht ein hoher Altersdurchschnitt, sodass bei Renteneintritt mehrerer Lehrkräfte von Problemen in der nächsten Zeit ausgegangen werden muss.

Freie integrative Grundschule Känguru: Englisch und Sport sind weggebrochen, ein zusätzlicher Grundschullehrer wäre wünschenswert, damit Ausfallstunden flexibel vermieden werden können.

Grundschule Platanenschule: Derzeit kein Englisch und die gesamte Stundentafel läuft in der Mindestabdeckung am unteren Ende.

Staatliche Grundschule Geschwister Scholl, Ponitz: Pensionierte Lehrer haben ihre Unterstützung angeboten, aber eine Vertragsvergabe beziehungsweise ein Vertragsangebot vom Schulamt erfolgte erst etwa 14 Tage nach Schuljahresbeginn.

Grundschule Posa: Auch hier ist man inzwischen am Rande der Kapazitäten angelangt. Um Ausfälle zu kompensieren, wird klassenstufenübergreifend gemeinsam unterrichtet. Drei Lehrer sind in den Ruhestand gegangen. Keiner davon wurde bisher durch einen neuen ersetzt.

Staatliche Grundschule Gößnitz: In den oberen Klassen entfällt als Dauerlösung die dritte Sportstunde. Außerdem werden die Fächer Schulgarten, Werken und Ethik in etlichen Klassen zu einem geringeren Umfang gegeben. Nach wie vor ist eine Klassenleiterstelle nicht besetzt.

Grundschule Karolinum: Zur Betreuung der Kinder gibt es acht Erzieherinnen, davon sind drei langzeiterkrankt und drei gehen im nächsten Jahr in Rente.

Gebrüder-Reichenbach-Schule: Im Moment wird zeitweise die GU-Lehrerin abgezogen, dies ergibt ein Defizit von knapp drei Monaten. In der 8. Klasse kann weiterhin keine Sozialkunde unterrichtet werden – und damit erfolgt auch keine Notenerteilung. In den Klassenstufen 7 bis 10 fehlen insgesamt sieben Theoriestunden im Fach WRT.

Grundschule Windischleuba: In diesem Schuljahr wurde bisher nur eine einzige Stunde Englisch erteilt.

Staatliche Regelschule Treben: Der Englischunterricht wird nur teilweise erteilt, Schüler und Eltern haben Befürchtungen um die Prüfungsergebnisse, da dort keiner fragt, wie viel Unterricht wirklich erteilt wurde und ob die Schüler angemessen vorbereitet werden konnten.

Förderzentrum Erich Kästner: Ausfallstunden in den Fächern Sport, Kunst, Musik, SPE, Hauswirtschaft/Textil, Werken, Ethik. In den Klassenstufen 7 bis 10 zusätzlich noch Mathe, Deutsch und Gesellschaftskunde.

Erich-Mäder-Gemeinschaftsschule: Zehn erkrankte Kollegen, davon fünf Langzeiterkrankte. Es wird zu weiteren Stundenkürzungen kommen, die Betreuung der 5. und 6. Klassen wird, bei Bedarf, versucht zu ermöglichen. Die Eltern wurden gebeten sicherzustellen, dass zu Hause die den Kindern von der Schule mitgegebenen Arbeitsaufträge und Arbeitsblätter zum Üben und Festigen genutzt werden. Das Schulamt ist informiert und wurde um Unterstützung gebeten.

Grundschule Lucka: Die Ergänzungsstunden wurden gestrichen, Schulgarten, Sport und Musik wurden auf eine Wochenstunde gekürzt. Englisch wird von der kommissarischen Schulleiterin unterrichtet, die gleichzeitig Klassenlehrerin ist. Bis vor Kurzem hat sie zwei Klassen zusammengelegt und unterrichtet. Die Situation ist sehr angespannt, da alles auf das Nötigste beschränkt wird und die Qualität auf der Strecke bleibt.

Regelschule Lucka: Musik wird momentan nur in den Klassen 9 und 10 unterrichtet, damit eine Prüfungsvorbereitung gegeben ist. Dies gelingt nur durch Hilfe aus einer anderen Schule. Es wird versucht, alle anderen Fächer so gut wie möglich abzudecken. Dennoch ist von etwa 30 Ausfallstunden pro Woche die Rede. Im vergangenen Schuljahr war der Ausfall noch höher.

Regelschule Dobitschen: Der Unterricht kann, bis auf minimale Kürzungen, abgedeckt werden. Dies gelingt durch die Bereitschaft der Lehrer, auch fachfremd zu unterrichten. In den kommenden beiden Schuljahren gehen zwei Lehrer in Rente, deren Stellen nachbesetzt werden müssen.

Von Maike Steuer

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