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Altenburg Zahl der jüngeren Verschuldeten wächst
Region Altenburg Zahl der jüngeren Verschuldeten wächst
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09:15 13.07.2018
Auch im Altenburger Land gibt es viele Bewohner, die auf die professionelle Hilfe von Schuldnerberatern angewiesen sind. Quelle: Archiv
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Altenburg

Immer wenn bei Janet Helbig im Büro das Telefon klingelt, hat sich irgendwo im Altenburger Land jemand getraut, einen wichtigen Schritt zu gehen. Denn die gelernte Erzieherin und studierte Sozialpädagogin arbeitet seit zwölf Jahren bei der Schuldnerberatung des Landkreises. Insgesamt 6700 Mal gaben sie und ihre Kollegin im Vorjahr telefonisch Hilfestellungen für finanzielle Notlagen, weitere 2212 Personen suchten Rat direkt vor Ort.

„Die Gesamtzahl hat sich in den letzten Jahren auf diesem Level eingepegelt“, so Helbig und ergänzt: „Mehr wäre auch schwierig.“ Denn auch so sind beide Beraterinnen jede Woche ausgebucht. „Einfach so“ auftauchen, wäre der Sache nicht dienlich, betont die Expertin. Denn ihr erklärtes Ziel ist es, sich Zeit für jeden Klienten nehmen zu können – egal ob dieser dann unter „Einmal-Beratung“ erfasst oder zu einem von 537 „Fällen“ werde, für dessen Lösung es oft mehrere Jahre braucht. Durchschnittlich habe jeder der hier Hilfe suchenden Schuldner zwischen 45 000 und 50 000 Euro Miese, wobei es auch Spitzen mit 2,8 Millionen in der Kreide gebe.

Wachsende Zahl der jüngeren Verschuldeten macht Sorgen

Während die Hauptgruppe der Verschuldeten zwischen 26 und 60 Jahre alt und berufstätig ist, macht Janet Helbig vor allen Dingen die wachsende Zahl der jüngeren Fälle Sorgen. 132 ihrer 2017er „Schäfchen“, wie sie sie nennt, waren unter 25 Jahre und hatten meist Schulden von 10 000 bis 18 000 Euro angesammelt.

Zwar sei der Einstieg ganz klassisch fast immer noch das zu teure Handy. Viel öfter hänge die Schieflage aber mit dem Umzug in die erste eigene Wohnung oder dem Beginn der Lehre und dem daraus resultierenden „Reichtum“ zusammen. „Das Problem ist, dass die Jugendlichen mit dem Geld noch gar nicht umgehen können, weil es ihnen an Finanzkompetenz mangelt, und zwar durch alle Schichten hindurch. Die unterschreiben einfach Verträge, ohne sich der Tragweite ihres Handelns bewusst zu sein“, weiß die Expertin aus langjähriger Erfahrung.

Künftig noch mehr Prävention an Schulen

Entsprechend soll eines der Hauptaugenmerke der Schuldnerberatung künftig noch stärker auf der Präventionsarbeit liegen. Neben der Zusammenarbeit mit Bildungsträgern möchte sie mit ihrem Team in die Schulen gehen. „Wir denken darüber nach, Projektwochen anzubieten, in denen der Umgang mit Geld geübt und Finanzkompetenz entwickelt wird.“ Denn oft sei der Jugendliche nicht der Erste aus der Familie, der an ihrem Beratungstisch Platz nimmt. „Oma, Mutter, Vater, Bruder, Onkel, Tante, die waren alle schon hier. Ganze Verschuldungsbiografien innerhalb der Familie existieren da.“ Oftmals kämen zu den finanziellen Problemen auch noch Drogenmissbrauch, kriminelle Aktivitäten oder Ähnliches hinzu.

Früher mehr Finanzberater, heute mehr Sozialarbeiter

Ein Aspekt, der inzwischen in all seiner Komplexität und in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen berücksichtigt wird. Denn die Zahl der Beratungen mag sich in all den Jahren nicht groß geändert haben, die Art und Weise schon. „Früher war es eine reine Finanzberatung im Sinne von: So hoch sind die Schulden, so machen wir das, fertig. Heute sind wir Sozialarbeiter.“ Deren Wirken noch längst nicht bis in alle Ecken des Altenburger Landes vorgedrungen ist, wie Janet Helbig zugibt: „Das Wieratal oder Langenleuba-Niederhain sind Ecken, die wir nicht abdecken. Oft erreichen uns die Leute nicht mangels Mobilität oder auch aus gesundheitlichen Gründen.“ Daran würden sie und ihr Team gerne etwas ändern, fragen sich jedoch: Wie? „Vom Gefühl her, das wir aus den Beratungen mitnehmen, würde ich sagen, wir kommen zu Leuten vor Ort. Aber ist das wirklich gewollt?“

Der Wille, etwas an der eigenen finanziellen Situation zu ändern, sei der Grundbaustein für die Hilfe, so Helbig. Manche kämen einmal und nie wieder, andere irgendwann erneut mit einem noch größeren Berg Schulden im Schlepptau. Und manche, die hätten sich einfach mit ihrer Situation arrangiert: „Die wissen, sie haben nix. Die Briefe, die sie kriegen, stören sie nicht, und denen reicht es, wenn sie einmal im Jahr herkommen, sich ihre Bescheinigung abholen und ihr P-Konto von der Bank erneuert wird. Das ist für mich als Berater sehr schwierig, aber ich akzeptiere das.“

Positive Entschuldungsfälle als Kraftquell

Umso mehr Kraft und Bestätigung zieht sie aus Fällen, die von einem Happy End gekrönt werden. „2017 hatten wir zum ersten Mal eine hohe Zahl von Entschuldungen. Insgesamt 45. Diese Jahr sind es bereits 40.“ Ein spezieller Fall trieb ihr letzten Monat die Tränen in die Augen: „Über fünf Jahre haben wir eine Familie betreut. Beide hoch verschuldet, die Ehe stand auf der Kippe. Letzten Monat haben wir beide als ,entschuldet‘ verabschiedet. Sie haben es aus eigener Kraft mit unserer Unterstützung geschafft. Wir haben alle drei geweint, als wir hier saßen.“

Von Maike Steuer

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