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Altenburg Zipsendorfer legen Geschichte frei
Region Altenburg Zipsendorfer legen Geschichte frei
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00:20 12.08.2017
Günter Anders präsentiert den „Boten von der Schnauder“ vom 26. März 1912, den er gerade aus der Kapsel geholt hat. Quelle: Mario Jahn
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Zipsendorf

Historischer Moment am Dienstag in Zipsendorf: Mitglieder des Gemeindekirchenrates und Gäste begaben sich auf Schatzsuche an der Kirche – und legten Geschichte frei: Münzen, Baudokumente, alte Zeitungen. Mehr als hundert Jahre waren die stummen Zeitzeugen verkapselt und verborgen im Turmknauf in rund 30 Metern Höhe. Im Zuge der aktuellen Sanierungsarbeiten wurde ans Licht geholt, was die Vorfahren einst hinterließen.

Zelebrierte die Öffnung: Günter Anders. Quelle: Mario Jahn

„Das ist heute eine Gelegenheit, die sich nur sehr selten bietet“, unterstrich Günter Anders die Bedeutung des Augenblicks. „Schließlich“, so der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, „haben wir schon sehr lange nicht mehr am Dach gearbeitet.“ Seit wenigen Wochen ist der Turm der evangelisch-lutherischen Kirche Zipsendorf eingerüstet. Haube und Krone müssen dringend saniert beziehungsweise erneuert werden, weil der Zahn der Zeit an Dichtheit und Statik genagt habe. „Schon seit Längerem regnet es rein, wir müssen Eimer aufstellen. Und weil einige Balken inzwischen morsch sind, droht das Dach instabil zu werden“, schilderte Anders. Ein Architekturbüro aus Gera habe den Handlungsbedarf bestätigt, unter anderem anhand eines Holzgutachtens. Die Schiefereindeckung am Turm soll nun komplett ersetzt werden, ebenso Teile des Gebälks. Auch eine neue Wetterfahne muss her.

Weshalb die rund 70 Zentimeter hohe Turmkugel, die die Fahne trägt, kürzlich zu Boden geholt wurde. Und mit ihr die eingeschlossene Zeitkapsel. Was da wohl verborgen sein mag? Die Spannung bei der Öffnung des Behälters war gestern fast greifbar. Auch bei Pfarrerin Ulrike Schulter, die erst seit einer Woche die Pfarrstelle vor Ort innehat: „Dass ich gleich zum Start so einem Ereignis beiwohnen darf, ist wunderbar.“

Die Zeitkapsel barg ein spannendes Innenleben – zum Beispiel diese historischen Dokumente. Quelle: Mario Jahn

Günter Anders zelebrierte den Moment mit dem Geschick eines Dramaturgen, zog sich sogar weiße Handschuhe über. Dann ging’s ans Auspacken. Eine Reihe von Münzen fielen in die Hände, die meisten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einige deutlich älter. Außerdem ein Zollstock und natürlich verschiedene Zeitungen: der „Bote von der Schnauder“ vom 26. März 1912, das „Tageblatt für den Amtsbezirk“ vom Folgetag, zudem der „Reichsbote“ aus Berlin.

1912, das wurde erst bei der Öffnung klar, war die Kapsel zum letzten Mal neu befüllt worden. Damals hatte die gesamte Kirche eine Renovierung erfahren, wovon auch ein historischer Bauplan kündete. Und weil die Renovierungs-Feier offenbar sehr schön war, steckten die Ahnen auch noch den Speiseplan in die Hülse. Krebssuppe hatte es 1912 gegeben, dazu Zunge mit Gemüse und Champagner von Rotkäppchen.

Auch in der Zeitkapsel: historische Münzen. Quelle: Mario Jahn

Am Dienstag gab’s nix. Die Arbeiten am Turm sind schließlich noch nicht beendet, währen laut Plan noch bis zum Jahresende. Außerdem muss die Kirchgemeinde sparen, um die rund 170 000 Euro teure Sanierung zu stemmen. Seit 2011, als der Gemeindekirchenrat die Baumaßnahme beschloss, wurde um Fördermittel gerungen. Nach längerer Durststrecke nun mit Erfolg: „80 Prozent der Kosten sind über Zuschüsse gedeckt, unter anderem aus Denkmalschutz- und Städtebaumitteln. Die Stadt Meuselwitz und das Kreiskirchenamt haben uns hier sehr unterstützt. Aber den Rest muss die Gemeinde selbst aufbringen“, so Anders. Etwa 6000 Euro konnten bislang an Spenden gesammelt werden, weitere Einnahmen ergaben sich zum Beispiel aus dem Verkauf des Pfarrhauses.

Eine der historischen Zeitungen: Der Bote von der Schnauder. Quelle: Mario Jahn

Die Gemeindeglieder hoffen nun, dass der Kostenplan nicht aus den Fugen gerät. „Wenn am Ende noch etwas Geld übrig ist, wollen wir die Turmfassaden streichen lassen. Das wertet die Optik auf“, sagte Anders.

Und natürlich soll zum Abschluss der Turmknauf mit aktuellen Dokumenten ergänzend bestückt werden. „Wer Ideen hat, was hinein müsste, kann sich gern melden.“ Bis zur Neubefüllung sollen die alten Zeitungen, Pläne und Münzen öffentlich zu sehen sein. Günter Anders hat da schon eine Idee: „Die zeigen wir in den nächsten Wochen im Meuselwitzer Heimatmuseum.“

Von Kay Würker

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