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Zu Besuch auf zwei Oktoberfesten im Altenburger Land

Zu Besuch auf zwei Oktoberfesten im Altenburger Land

19.45 Uhr kommt die erste Maß. Das goldgelbe Gebräu schmeckt wunderbar. Der erste Schluck dauert lang, dafür war der Blick auf die Getränkekarte vor der Bestellung kurz.

Altenburg/Mehna.

 

Stilles Wasser - nein, Leikheim frei (?) - lieber auch nicht. Oktoberfestbier - jawohl. Ich sitze in der Tenne der Brauerei und bin Gast des Oktoberfestes vom Rotary Club Altenburg. Um mich herum viele gut gelaunte, mehr oder weniger Wiesn-gewandete Gäste, in Lederhosen, Trachtenhemd, Dirndl. Es eilen Kellner durch den Keller, die im wahren Leben nicht kellnern, sondern Firmenchefs sind oder Anwälte. Heute räumen sie Geschirr ab. Bis auf einen. Rotarier Frank Quas räumt nicht mit. In einer Art Mix aus moderner Altenburger Bauerntracht und Wiesen-Gewand verbreitet er an den Tischen gute Laune und ist offenbar abkommandiert, um mit den Besuchern für Erinnerungsfotos zu posieren.

"Essen und trinken Sie besonders viel, je größer ist der Erlös!", spornt Rotarier-Präsident Holger Sparbrod die Gäste an. Leicht irritiert proste ich deshalb sofort auf die Gemütlichkeit und sehe den Haxn und Hendl hinterher, die auf großen Tabletts durch den Saal schweben. Damit warte ich noch, denn erst muss die echte bayerische Brotzeit verputzt werden. Leberkäs, Regensburger, Emmentaler, Radieschen, Brezen. Der Rettich, auf bayerisch Radi, soll erst dann richtig schmecken, wenn er geweint hat, weshalb man ihn salzen soll, lese ich. Ich salze lieber nicht. Ich proste.

In der Tenne wird es lauter, die Stimmung steigt, die Argeter Buam spielen Wiesn-Klassiker und gleich darauf das Prosit auf die Gemütlichkeit. Leider kann ich jetzt nicht mit anstoßen, weil mein Glas leer ist - ein Zustand, der gottlob nicht lange anhält.

Als der Saal fast kocht, gehe ich. Es wartet ein zweites Oktoberfest. Als Wegzehrung nehme ich eine Brezen mit, weshalb die Sicherheitsleute am Eingang grimmig gucken, mich aber passieren lassen. Ich werde nach Mehna gefahren. Dort leuchtet ein großes Festzelt, in dem ebenso Oktoberfest gefeiert wird, was man unschwer an den Menschen erkennt, die auf den Tischen stehen, viele wieder in Lederhosen und Dirndl. Während die Rotarier zum elften Mal zur Wiesn-Gaudi laden, ist es in Mehna das dritte Oktoberfest. Ich erfahre umgehend, dass der Fest-Erfinder in Mehna ein Karli Fischer ist. Karli Fischer streitet das ab und verweist stattdessen auf Feuerwehrvereinschef Marcus Reuer. Mit beiden stoße ich an. In den Krügen leuchtet original Münchner Paulaner Festbier. "Es gibt gekünstelte Oktoberfeste und echte", klärt mich Karli Fischer auf. Seins ist echt. Die einigermaßen belastbare Mehnaer Oktoberfest-Entstehungsstory lautet: Die Feuerwehr war zu Gast bei Fischers 20-jährigem Firmenjubiläum, der in Pontewitz einen Agrarbetrieb führt und zu jenem Fest die Rohrer Kärwa Blousn aufspielen ließ. Die Band stammt aus Fischers Heimat Rohr in Franken. Die Kameraden um Marcus Reuer waren so begeistert, dass noch im gleichen Jahr das erste Mehnaer Oktoberfest ausgerichtet wurde.

Jedes Mal dabei sind eine Busladung junger Leute aus Rohr und natürlich die Rohrer Kärwa Blousn. Gerade spielen sie: "Glory glory hallelujah". Es sind so viele Musiker, dass ich sie nur schwer zählen kann, vor allem weil die Genussnebenwirkungen nun nicht mehr zu vernachlässigen sind. "Die Band hat neun Haxn, vier Hendl und einen Wurstsalat bestellt", zählt Karli Fischer für mich. Und er zählt weiter, aber jetzt wird's kompliziert: "Pro Stunde trinkt jeder von ihnen drei Maß."

Es geht auf zwölf. Für heute reicht's.

Jens Rosenkranz

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