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Zu Besuch beim Herzog auf dem Altenburger Schloss

Neue Ausstellung Zu Besuch beim Herzog auf dem Altenburger Schloss

Mit der neuen Ausstellung „Herzogliche Gemächer 19./20. Jahrhundert“ wird erstmals seit 1918, als der letzte Herzog von Sachsen-Altenburg abgetreten ist, die historische Flucht der fürstlichen Prachträume dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Präsentation wartet mit ungewöhnlicher Konzeption auf. Die OVZ hat sie sich schon vor der Eröffnung angeschaut.

An diesem Schreibtisch (vorn) im Arbeitszimmer saßen die Herzöge Ernst I. und Ernst II.. Die Möbel fanden sich im Fundus des Schlosses.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Am Garderobenständer im Arbeitszimmer hängt sein schwarzer Gehrock und der Zylinder. Auf dem Schreibtisch stehen Tintenfass mit Federkiel und Fotos der Familie, unter anderem ein Bildnis des letzten russischen Zaren. Es erweckt unweigerlich den Eindruck, Herzog Ernst II. sei gerade eben mal aus der Tür gegangen. Nun, zwar sind diese Utensilien nicht wirklich vom letzten Schlossherrn. Doch das Ansinnen rechtfertigt diese Idee allemal – einen möglichst originalgetreuen Blick in die bis dato verschlossenen herzoglichen Gemächer auf dem Altenburger Residenzschloss zu gewähren.

In gut einer Woche wird dies für alle Neu- und Wissbegierigen möglich sein. Denn mit der neuen Ausstellung „Herzogliche Gemächer 19./20. Jahrhundert“ wird erstmals seit 1918, als der letzte Herzog von Sachsen-Altenburg abgetreten ist, die historische Flucht der fürstlichen Prachträume dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht (die OVZ berichtete). Der neue Ausstellungsbereich umfasst insgesamt acht Räume, die sich auf der ersten Schlossetage im barocken Corps de Logis erstrecken. Hier wird das Wirken der fünf Herzöge seit dem Jahr 1826 dargestellt. Ihre Regierungszeit ist auch als die der jüngeren Linie von Sachsen-Altenburg bekannt.

Auf der Suche nach den alten Möbeln und Gemälden

Dafür wurde in nur einem Jahr neben dem Arbeitszimmer auch die Bibliothek, das Jagdzimmer, das Schlafzimmer, ein Vor- und ein Gästezimmer sowie die Repräsentationsräume – das Empire- und das Alexandra-Zimmer – so gut es ging in historischem Zustand wieder hergerichtet. Ein Verdienst ganz besonders von Restaurator Mario Gawlik, basierend auf einem Buch aus dem Jahr 1875 mit der Beschreibung des Residenzschlosses. „Wir haben versucht, die Räume wieder so einzurichten, wie sie auf den Fotos abgebildet waren“, erzählt er.

Eine wahre Sisyphusarbeit. Im Winter und damit ohne Heizung hat er beispielsweise wochenlang hartnäckige Ölschichten abgetragen, oder akribisch nach Utensilien aus herzoglichem Besitz geforstet. Der Schreibtisch, die Stühle und das dreiteilige Sitzmöbel mit den Initialen des Herzogs, das dank des Altenburger Schlossvereins restauriert werden konnte, fanden sich im eigenen Fundus.

Eine fast 1:1-Abbildung gelang im Jagdzimmer, das zu DDR-Zeiten vom Institut für Lehrerbildung als Abstellkammer genutzt wurde. Dieses Zimmer lag Gawlik besonders am Herzen. „Ich habe beispielsweise im Mauritianum angefragt, ob wir aus ihrem Arsenal Geweihe für dieses Zimmer bekommen könnten,“ erzählt er. Er durfte stöbern, und fand tatsächlich drei Damhirschgeweihe, die auf der Rückseite die mit schwarzer Stempelfarbe aufgedruckte Nummer „Eig. S. H. d. H. 1294“ – also „Eigentum seiner Hoheit des Herzogs Nr. 1294“ zieren. Das Lindenau-Museum steuerte für das Empire-Zimmer als Dauerleihgabe ein Bildnis der Großfürstin Alexandra Josifowna Romanowa, geborene Alexandra von Sachsen-Altenburg, bei. Ihr Ehemann ist auf einem anderem Gemälde in diesem Raum zu sehen. Freilich an einer braun-gelben Mustertapete. Gawlik hofft, dass später vielleicht noch die finanziellen Mittel für die einstige Wandbespannung aus blauer Seide zur Verfügung stehen. „Dann würden die goldenen Rahmen ganz anders zur Geltung kommen“, schwärmt er.

Auch sonst ist es noch nicht in allen Zimmern gelungen, sie nach dem Original einzurichten, weil die Möbel verschollen sind. Deshalb blieben beispielsweise in zwei Räumen Rudimente der bislang dort zusehenden Prinzenraub-Ausstellung erhalten.

Ungewöhnliche Konzeption einer freischaffenden Künstlerin

Wer angesichts dieser Offerten nun beim Besuch der neuen Exposition erwartet, allein in längst vergangene Zeiten zurückversetzt zu werden, der irrt gewaltig. Denn der Schloss- und Kulturbetrieb unter Leitung seines neuen Chefs Christian Horn wollte diesmal eingetretene Pfade verlassen und hat mit der Ausstellungskonzeption die freischaffende Bildende Künstlerin Andrea Flemming aus Halle beauftragt. Sie hat auf multimediale und vor allem visuelle Darstellungsformen setzt.

Schauspieler präsentieren Wissen und Charaktere

So wird der Eindruck einer feudalen, mit Gemälden reich bestückten Geschichtsausstellung bereits im zweiten Raum gebrochen. Hier stellen sich die fünf Herzöge auf einem Videobildschirm mit Monologen vor. Die Produktion dieser Videotrailer ist eine Kooperation mit dem Altenburg-Geraer Theater. Die Darsteller der Herzöge beziehungsweise in einem Fall der Gemahlin sind Mitglieder des Schauspielensembles. Für die Erarbeitung der Texte ist umfangreich in den Archiven geforscht worden, ist nach Kräften wissenschaftlich gearbeitet worden, um historische Daten und Ereignisse exakt wiedergeben zu können. „Doch die Schauspieler präsentieren nicht nur Wissen, sondern auch Charaktere“, freut sich Christian Horn über diese Form der Informationsvermittlung, die Flemming weitgehend auf die sonst in den Ausstellungen üblichen Texttafeln verzichten ließ.

In der Bibliothek, die die Zeit seit ihrer Schließung 1918 unbeschadet überstanden hat, entschied sich die Künstlerin für die Erarbeitung eines Comics zur Informationsvermittlung. In der von Herzog Ernst II. aufwendig ausgebauten Bibliothek ist von ihm auch ein Bildprogramm platziert worden. Reliefs zieren die Fensternischen und thronen über den Flügeltüren. In diesen Bilddarstellungen ist die Geschichte der Schrift und der Wissensweitergabe beginnend mit den frühen Kulturen des Morgenlandes beschrieben. Das in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Nadia Budde gestaltete Comic erklärt das Bildprogramm auf zeitgenössische Weise. „Mit der Wahl eines Comics als Vermittlungsmedium wird die Geschichte der Schrift zudem in ein populäres Leseformat der Gegenwart überführt“, so Christian Horn. Das Comic wird in deutsch, englisch und sogar russisch ausliegen, denn die russische Verwandtschaft der Altenburger Herzöge war immer sehr präsent.

OB sieht in neuer Ausstellung einen doppelten Schatz

Der neue Ausstellungsbereich ist für Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) mehr als ein ausschließlich musealer Zugewinn. „Er hat eine touristische Schlüsselfunktion und ist damit ein doppelter Schatz. Neben dem Blick in die wunderschönen neuen Bereiche des Schlosses ist er ein Schaufenster in die Geschichte Mitteldeutschlands und für unsere Reiseregion“, sagt Wolf auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Tourismusverbandes Altenburger Land. So konnte der für Tourismus verantwortliche Thüringer Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) für ein Interview gewonnen werden. Das Video hat der Kultur- und Schlossbetrieb in seinen Social Media online gestellt. Ein weiteres Beispiel für die ungewöhnliche Konzeption.

Entsprechend wird auch die Eröffnung der neuen Ausstellung am 23. September zu einer „multimedialen Performance“, in der sich Redebeiträge, Bilder der Geschichte und live in den Festsaal übertragene Szenen aus den historischen Gemächern überlagern werden (siehe nebenstehendes Programm). Zur festlichen Eröffnung um 14 Uhr wird es deshalb auch keinen Festredner geben, „der uns die Geschichte des 19. Jahrhundert erklärt“, so Christian Horn.

Wer an der Festveranstaltung teilnehmen möchte, muss sich anmelden. Anmeldungen werden ab dem 20. September entgegengenommen und in der Reihenfolge ihres Eingangs und nach Verfügbarkeit berücksichtigt. Denn aufgrund der Vielzahl der geladenen Gäste ist die Teilnehmerzahl begrenzt (Tel. 03447 512710 oder info@residenzschloss-altenburg.de).

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Mit der neuen Ausstellung „Herzogliche Gemächer 19./20. Jahrhundert“ wird erstmals die historische Flucht der fürstlichen Prachträume dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht – 99 Jahre, nachdem der letzte Herzog von Sachsen-Altenburg abgetreten ist.

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Von Ellen Paul

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