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05:15 08.11.2018
Gemeinsam mit Antje Köhler geht es leichter: Salma und Rani machen Hausaufgaben im „Abstellgleis“. Quelle: Maike Steuer
Altenburg

Dienstage finden Shania und Nele doof. Für die zehnjährigen Freundinnen sind sie der langweiligste Tag der Woche, denn dann bleibt die Tür von „ihrem“ „East Side“ in der Platanenstraße in Süd-Ost zu. „Bürotag“ nennt sich das – und zwar in der ganzen Stadt. Heißt: Auch in Nord haben Rani (16), Salma (10) und Bara (12) dann ein Problem: Keiner hilft bei den Hausaufgaben oder leiht ein Ohr für ihre kleinen und größeren Sorgen. Denn Antje Köhler vom „Abstellgleis“ steht nicht zur Verfügung.

Tags darauf ist die Welt wieder in Ordnung. Während Praktikant Robin an diesem Mittwochnachmittag im Bastelzimmer mit Bara, Salma und einigen anderen Kindern Kastanien-Tiere baut, brütet Rani über einem Schulprojekt. Einen Podcast soll die Zehntklässlerin zu einem Thema ihrer Wahl erstellen. Das dazugehörige Arbeitsblatt ist kompliziert und für die Tochter syrischer Eltern schwer zu verstehen. Antje Köhler geht es mit ihr durch, gibt Tipps, lässt ihr Raum, sich eigene Gedanken zu machen und bestärkt die schüchterne Schülerin.

Allein verantwortlich für 40 Kinder

Zuhören, helfen, da sein – für die Leiterin des „Abstellgleises“ Alltag im Umgang mit täglich um die 40 Kinder und Jugendlichen. Seit 2005 arbeitet sie in der Einrichtung. Seit dem Weggang ihres Kollegen Rico Schwertner diesen Sommer nur noch unterstützt von einer Mitarbeiterin des zweiten Arbeitsmarktes und gelegentlichen Praktikanten. Hieße im Umkehrschluss: Urlaub oder krank werden sind seitdem keine Option mehr? „Falsch“, betont Ines Quart, Leiterin des Referats für Soziales, Jugend und Sport, „weil der aktuelle Jugendförderplan den gesamten Landkreis in Sozialraum I und II unterteilt.“ Für jeden stünden jeweils mehrere Sozialarbeiter zur Verfügung, die sich gegenseitig vertreten sollen. „Die vorübergehende Nichtnachbesetzung ist zwar nicht optimal, aber dadurch möglich.“

Besucher werden immer jünger

Dass ihre Arbeit vor allem dringend nötig ist, diese Aussage würden sowohl Antje Köhler als auch ihr Kollege Klaus Liebig unterschreiben. Seit 24 Jahren leitet er das „East Side“ zusammen mit insgesamt drei Mitarbeitern. „Im nächsten Jahr feier ich Silberhochzeit“, witzelt der Sozialarbeiter. Nicht anspruchsvoller, sondern anders empfinde er seine Arbeit heutzutage. „Anstrengend ist unser Job immer, aber früher habe ich mich kurz geschüttelt und weiter ging’s. Das klappt mittlerweile nicht mehr“, bekennt er. „Ich werde ja auch nicht jünger“ – die Stammgäste beider „Jugendclubs“ schon. Egal in welcher Ecke der Stadt, die Mehrheit der täglichen Besucher ist zwischen sechs und zwölf Jahren. Ein Trend, der im „Abstellgleis“ schon einsetzte, als in Süd-Ost noch verstärkt Teenager abhingen. „Deshalb sag ich immer, wir sind ein Kinder- und Jugendtreff, denn das trifft es viel besser“, so Köhler.

Hauptprobleme Kinderarmut und Verwahrlosung

Hinsichtlich der Gründe für die große Zahl an Grundschülern müssen beide nicht lange überlegen. Denn egal ob deutsche, syrische oder afghanische Kinder, sie alle suchen Zuflucht in den Einrichtungen. „Kinderarmut ist eines der Hauptprobleme. Nicht wenige kommen aus schwierigen Verhältnissen und haben zu Hause offenbar keinen, der ihnen zuhört“, weiß Liebig aus Erfahrung. „Die kommen hier her und schütten uns förmlich mit ihren Problemen zu. Wir sind Seelsorger, ein bisschen Familienersatz, aber vor allem so gut es geht da für ,unsere‘ Kinder.“

Antje Köhler nickt. „Viele huschen nach der Schule nur kurz mal nach Hause und direkt wieder weg – zu uns.“ Weil sie hier in geballter Form finden, was sie im Elternhaus oft vermissen: Geborgenheit, Aufmerksamkeit, immer was zu essen und trinken, Wärme und viel Platz zum spielen und toben. Der damit einhergehende Lärmpegel schrecke die Älteren auch ab. „Bis 18 Uhr ist hier die Hölle los. Wie Kindergeburtstag mit 40 Kindern“, so Liebig. Statt einem Ort zum Abhängen suchten Jugendliche eher seine Unterstützung bei Behördenfragen, bei Problemen mit der Ausbildung oder anderem Papierkram. „Unsere Dienstage nutzen wir, um Jugendliche auf Ämter zu begleiten, helfen beim Bewerbungen schreiben oder dergleichen. Das ist mir persönlich ein sehr großes Anliegen“, betont Klaus Liebig.

Offenes Angebot ohne Betreuungsschlüssel

Anders als in Kita, Schule und Hort gelten für „Abstellgleis“ und „East Side“ keine Betreuungsschlüssel. Sie sind eigentlich „nur“ offene Angebote für die Freizeitgestaltung und doch längst viel mehr als das, wie Ines Quart hervorhebt: „Am Anfang waren es vor allem ,Jugendtreffs‘. Das hat sich gewandelt zu Betreuungseinrichtungen für die Nachmittagsstunden, denn Zehnjährige sind einfach noch nicht so weit, dass sie alleine bleiben können.“ Eine riesen Herausforderung sei das und eine Aufgabe, deren Tragweite oft unterschätzt werde. Wertschätzende Worte seitens der Stadt, die sich jedoch (noch) nicht in zusätzlichen Stellen niederschlagen. Zwar stehe die Nachbesetzung von Rico Schwertner in Kürze bevor, so Quart, aber mehr nicht. Dürfte sich Antje Köhler trotzdem etwas wünschen, wäre es ein weiteres Teammitglied. „Das würde viel für die Beziehungsarbeit bedeuten. Viele Kinder brauchen so viel Aufmerksamkeit – das kannst du selbst zu zweit gar nicht leisten.“

Von Maike Steuer

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