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Zug um Zug ein Hit - Chess zieht im Landestheater nicht nur eingefleischte Musical-Fans in seinen Bann

Zug um Zug ein Hit - Chess zieht im Landestheater nicht nur eingefleischte Musical-Fans in seinen Bann

Mit jedem gespielten Spiel beraubt man sich einer Variante der Möglichkeit - die Erkenntnis stammt nicht aus einer Einführung in die Differenztheorie, sondern aus dem Prolog zum Musical Chess, das am Sonntag im restlos ausverkauften Landestheater Altenburg seine gefeierte Premiere hatte.

Altenburg.

 

 

 

 

Von Tatjana Böhme-Mehner

Eigentlich wollen sie nur spielen. Schach. Wie kleine Jungen sitzen sie gegen Ende mitten auf dem Schlachtfeld des Kalten Krieges. Doch genau der macht das Nur-Spielen unmöglich. Wie jeder Sport und wie kaum ein anderer wurde das Schachspiel durch den Kalten Krieg vereinnahmt. Das Musical ist inspiriert von jenem konkreten Weltmeisterschaftsduell des Jahres 1972. Wie zwei Prinzipien treffen der exzentrische Individualist aus den USA und der gebändigte Perfektionist aus der UdSSR aufeinander und sind sich doch ähnlicher, als es den Kriegsparteien lieb sein kann. Eine Liebesgeschichte zwischen den Lagern und überraschende dramaturgische Wendungen geben dem Ganzen die theatrale Würze.

Schachspielen ist Philosophie. Diese Geschichte ein Stück weit auch. Aber weil kein Geringerer als Musical-Legende Tim Rice das in Text verwandelt hat, kann man dem folgen wie einem wirklich guten alten James-Bond-Film. Eben aus Zeiten, als der Kalte Krieg noch die Wahrnehmung lenkte und trübte.

Als das Werk allerdings 1986 mit Musik aus der Feder der beiden "B" von Abba - Benny Andersson und Björn Ulvaeus - auf die West-End-Bühne kam, war der Kalte Krieg noch nicht beendet und das Publikum vielleicht noch nicht bereit für eine solche Parabel. Vielleicht hatte man aber auch schlicht nicht damit gerechnet, dass Benny und Björn eine so vielschichtige Partitur abliefern würden. Vielleicht sind die Voraussetzungen 2012 in Altenburg eben schlicht andere. Denn das hier ist der Hit.

Dennoch ist Chess keines jener Musicals, die sich auf einen oder zwei hitträchtige Einfälle reduzieren lassen. Vielmehr stellt man immer wieder staunend fest, dass dieser Song auch noch aus diesem Stück stammt und jener sowieso. Deshalb ist vieles bekannt, selbst wenn man beim Stichwort "Chess" erst zum Musicalführer greifen musste.

Trotzdem lässt sich das Stück nicht auf die Hits allein reduzieren. Thomas Wicklein steht am Pult eines stilsicher Musical spielenden Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera und vollbringt mit Roland Hansen, der für den Sound zuständig ist, absolut Erstklassiges. Souverän agieren Opernchor, Popchor und ein grandioses Solistenensemble. Alexander Melcher, Christian Alexander Müller und Anne-Mette Riis als Gäste sind Musical-Spezialisten von der faszinierenden Sorte - finden ihre Figuren, singen und tanzen dazu, wie es sein muss. "Hauseigene" Ensemblemitglieder wie Vanessa Rose, Alexander Voigt, Kai Wefer und Erik Slik lassen das Ganze dann noch zum Triumph des Stadttheaterensembles werden. Mehr geht wirklich nicht.

Geschlossen und konsequent erzählen Kuntze und sein Ausstatter Duncan Hayler Geschichte und Parabel, finden zu einer überzeugenden geschlossenen Ästhetik, die im Wechselspiel zwischen Konkretheit und Symbolkraft in ihren Bann zieht. Hayler entwickelt ein ebenso funktionales wie effektvolles Bühnenbild, sorgt in poetischen Bildern für die perfekte Illusion - zwischen Glamour und purer Poesie ist hier alles möglich. Wie beim Schach wird da manches über Farben geregelt, über ein intelligentes Farbkonzept, das sich dennoch nicht aufdrängt.

Die Gesellschaft ist ein Schachspiel. Deshalb funktioniert diese Geschichte - und weil sie musikalisch wie dramaturgisch so vielfältig ist, dass man nicht anders kann, als mitzufiebern, dranzubleiben und sich trotzdem an allem freuen kann, was das bunte Genre Musical so braucht. Am Ende hat man nicht mehr gewonnen als ein Spiel, heißt es später sinngemäß im Prolog zum zweiten Teil. Sie spielen. Schach. Zug um Zug. Spiel um Spiel. Und doch halten sie ein Happy End für möglich. Im Leben. Zumindest manchmal. Und irgendwie immer wieder.

Sensibel vermeidet Kuntze unnötiges Pathos - gerade in einem durchaus riskanten Schluss. Eine Produktion, die in ihrer Vielfalt und Tiefe geradezu zum mehrmaligen Besuch zwingt. Ostthüringen hat wieder richtig starkes Musical.

Nächste Aufführungen in diesem Jahr am 13. und 26. Oktober, 6. November und 28. Dezember, jeweils 19.30 Uhr. Karten an der Theaterkasse (☎ 03447 585160) und in der OVZ-Geschäftsstelle (☎ 03447 574942) - Abonnenten erhalten an beiden Kassen zehn Prozent Rabatt - sowie unter www.tpthueringen.de.

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