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Zwei Männer ganz nackt erleben emotionale Achterbahnfahrt

Premiere in Altenburg Zwei Männer ganz nackt erleben emotionale Achterbahnfahrt

Nein, ganz hat sich die Hoffnung des Intendanten auf Überstundenabbau in der Kostümabteilung nicht erfüllt. Die Protagonisten der Komödie „Zwei Männer ganz nackt“, die jetzt ihre Altenburger Premiere erlebte, agieren doch nicht komplett hüllenlos. Eine emotionale Achterbahnfahrt erleben sie aber trotzdem.

Was ist hier los? Cathérine Kramer (Christine Nothofer) greift in ihrer Not zum Gewehr, um die Wahrheit zu erfahren.

Quelle: Sabina Sabovic

Altenburg. Nein, ganz hat sich die zur Spielzeit-Eröffnungsgala – freilich augenzwinkernd – ausgesprochene Hoffnung des Intendanten auf Überstundenabbau in der Kostümabteilung nicht erfüllt. Die Protagonisten der Komödie „Zwei Männer ganz nackt“, die am vorletzten Tag des alten Jahres ihre Altenburger Premiere erlebte, agieren doch nicht komplett hüllenlos. Sie kleiden sich in Bettlaken, Nachthemden oder sogar feinen Zwirn. Nach den vielen Splitternackten, die beim Drama „Kruso“ jüngst auf der Bühne des Landestheaters agierten, wäre dies womöglich für das skatstädtische Publikum ohnehin zu viel des Guten gewesen.

Dass es aber auch ohne Nackedeis in diesem Stück echt was zu erleben gibt, hat sich seit dem Start in Gera im Oktober ganz offensichtlich herumgesprochen, denn dort waren seither sämtliche Vorstellungen ausverkauft. Gleiches galt nun ebenso für die Premiere als auch tags darauf das Silvester-Special im Heizhaus. Es erweist sich als kluger Schachzug des Altenburg-Geraer Theaters, sich die Rechte für die deutsche Erstaufführung der französischen Boulevardkomödie gesichert zu haben.

Es ist eine ziemlich abstruse Geschichte, die sich der Franzose Sébastien Thiérys da ausgedacht hat und deren deutsche Fassung von Jakob Schumann Schauspieldirektor Bernhard Stengele für Theater&Philharmonie Thüringen in Szene setzte: Alain Kramer ist schockiert, als er am frühen Abend splitternackt in seiner Wohnung erwacht und neben sich seinen Angestellten Nicolas Prioux vorfindet. Ebenfalls nackt. Beide sind außer sich, denn sie können sich an nichts erinnern. Wie sind die beiden Anwälte in diese delikate Situation geraten? Wurden sie unter Drogen gesetzt? Steckt deutscher Voodoo dahinter? Noch während die beiden die absurdesten Theorien aufstellen, platzt Alains Frau Cathérine in die Szenerie mit den zerwühlten Betten und verschwundenen Klamotten und findet zu allem Überfluss ein benutztes Kondom. Für sie gibt es keine andere Schlussfolgerung, als dass ihr Ehemann, der Vater ihrer beiden Kinder, sie nicht nur betrogen hat, sondern sich nun als verklemmter Homosexueller entpuppt. Sie greift zu dem Gewehr, das schon ihr Gatte in seiner Verzweiflung auf den Angestellten gerichtet hatte.

In den nächsten zwei Stunden überschlagen sich die Ereignisse auf der mit Bett, Stuhl und Sessel, einem Wohlfühl-Teppich sowie einem übergroßen Porträt von Juliette Gréco stilvoll eingerichteten Bühne (Marianne Hollenstein). Denn der Autor schickt seine Protagonisten auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. In wunderbar witzigen Dialogen und absurder Situationskomik wird weit mehr hinterfragt als nur die verfängliche Situation, in die die beiden Männer geraten sind. Zutage tritt über Jahre angestauter Ehe-Frust, offenbart werden Gewissenskonflikte und die schwierige Suche nach dem eigenen Ich und der Wahrheit. Nicht umsonst bekennt Cathérine zum Schluss, dass sie sehr wohl mit der Tatsache leben könne, wenn ihr Mann schwul wäre, nicht aber mit seinen Lügen.

Die temporeiche Komödie lebt vor allen von ihren beiden Hauptdarstellern Bruno Beeke (Kramer) und Ulrich Milde (Prioux). Ihr exzellentes Spiel lässt tief in die menschliche Seele blicken. Vor allem Milde besticht durch seinen weitgehenden Verzicht auf große Theatralik. Den beiden Frauen, Christine Nothofer als Cathérine und Öykü Oktay in einer Nebenrolle als Prostituierte, räumt das Script hingegen weit weniger Präsenz ein. Umso mehr weiß Nothofer mit im Stück gespielten Chansons von Edith Piaf, Juliette Gréco und Yves Montand zu überzeugen, wunderbar begleitet am Klavier von Olav Kröger. Man könnte sich bei dieser Stimme und Interpretationskunst durchaus einen Chansons-Abend à la „Heute Abend: Lola Blau“ mit Mechthild Scrobanita vorstellen.

Weil Sébastien Thiéry selbst sagt, dass ihn an seinen Stücken nicht die Antworten, sondern vor allem die Fragen interessieren, bleibt das Publikum am Ende im Ungewissen, warum die beiden Männer denn nun ganz nackt im Bett lagen. Auch wenn große Kunst so etwas für sich in Anspruch nimmt: Ich hätte gern eine Auflösung gehabt. Vielleicht auch viele Zuschauer, was der zwar herzliche, bisweilen aber auch nur freundliche Schlussapplaus nach solch herrlichem Stück zumindest vermuten lässt.

Nächste Vorstellungen am 14., 17. und 27. Januar sowie 4. Februar. Karten an der Theaterkasse (Tel. 04447 585160, wieder besetzt ab 10. Januar) oder in der OVZ-Geschäftsstelle in Altenburg, Baderei 1 (Tel. 03447 574942).

Der Autor: Sébastien Thiéry

Nach seiner Ausbildung zum Schauspieler wandte sich Sébastien Thiéry, 1970 in Paris geboren, vermehrt der Filmschauspielerei zu. Mit 30 begann er für das Theater zu schreiben. Sein erstes Stück „Sans ascenseur“ erschien 2005 im Théâtre du Rond Point in Paris, wo er die Hauptrolle spielte, wie in vielen anderen seiner folgenden Stücke, etwa „Deux hommes tout nus“ („Zwei Männer ganz nackt“), wo er zur Pariser Uraufführung am 16. September 2014 im Théatre dela Madeleine die Rolle des Prioux übernahm. Bei der 27. Nacht der Verleihung des Molière-Preises im April 2015 erregte Thiéry öffentliches Aufsehen. Er hielt vor dem Publikum und im Beisein der französischen Kulturministerin Fleur Pellerin – ganz im Sinne seines Stücks – nackt eine Rede, in der er die Arbeitsbedingungen für Theater-Autoren anprangerte.

Von Ellen Paul

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