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Bad Dübener Kantor Lothar Jakob verabschiedet sich in den Ruhestand

Letztes Konzert Bad Dübener Kantor Lothar Jakob verabschiedet sich in den Ruhestand

Finale furioso: Der Bad Dübener Kantor Lothar Jakob (63) wird am Sonnabend zum letzten Mal ein Konzert mit seiner Dübener Kurrende dirigieren. Vor dem Ruhestand zieht er noch mal alle Register – wie fast 40 Jahre lang.

Lothar Jakob, Bad Dübener Kurrende-Kantor seit fast 40 Jahren, geht jetzt in den Ruhestand.
 

Quelle: Daniel Kaiser

Bad Düben.  Mozart am Freitagabend, ausgerechnet der schwierige Mozart, am Ende einer langen Woche in der Aula der Evangelischen Grundschule Bad Düben. Draußen Gewitterstimmung, drin lädt sich ebenso die Energie auf. „Passt auf“, ruft es forsch mitten im Gesang und der Mann hinter dem Piano springt mit schnellen Armbewegungen auf. „Ihr müsst mehr binden, das könnt ihr besser. Schluss, nochmal.“

Lothar Jakob, Kurrende-Kantor seit fast 40 Jahren, ist in seinem Element. Der Freitagabend, die Hauptprobe des Chors, ist der wichtigste Termin der Woche für ihn und seine Kurrende-Sänger. Neben den wöchentlichen Einzelstimmenproben. Und der Posaunenchorprobe für die Blechbläser. Fehlen im Prinzip verboten, wenige Ausnahmen werden höchstens geduldet. Und Störungen im konzentrierten Arbeiten an den Kantaten und Oratorien gehen schon gar nicht.

„Eh, was quatscht ihr da“, donnert er los, „das ist doch zum Piepen.“ Das Getuschel im Sopran reicht für ein erstes kräftiges Gewittergrollen mitten in der Aula. In der Pause geht Jakob dann in die selbe Sitzreihe und fragt lächelnd nach: „Ihr geht nachher zur Geburtstagsparty? Bringt ihr mir was Leckeres mit, ja?!“. Es ist derselbe Jakob, als ob vorher nichts gewesen wäre.

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Ein Urgestein geht in den Ruhestand: Kurrende-Kantor Lothar Jakob gibt diesen Samstag sein Abschiedskonzert im Dübener Heide Spa. Die Galerie gibt einen Rückblick auf fast 40 bewegte Jahre – als Chorleiter von immerhin 400 Kurrendanern.

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Preußische Strenge und väterliche Fürsorge – von diesen beiden Seiten ihres Kantors können alle Kurrendaner ein Lied singen. Streng kann er sein, auch unerbittlich. Es gibt Geschichten von Bläserrüstzeiten aus Erfurt Anfang der 80er-Jahre, da flossen auch Tränen. Weil die gerade mal Zehn- oder Zwölfjährigen Jungs immer wieder schwierige Achtelnotenläufe einzeln im Zimmer üben und vor der Gruppe vorspielen mussten, bis die quietschenden Nebentöne weg waren.

Oder die Geschichte von der durchgescheuerten Hose: Jakob beklagt sich bis heute, dass er seine gute Levis-Jeans zu DDR-Zeiten geopfert habe, um auf Knien rutschend den Posaunenchor-Spielern das Taktzählen mit dem Fuß beizubringen. Und natürlich die Anekdote von Hans Rosenthal: Diesen Spitznamen hatte Jakob zwischenzeitlich. Weil er – wie einst TV-Master Rosenthal beim legendären „Dalli, Dalli“ – in die Luft sprang, wenn die sinkende Probendisziplin seine Nerven auf eine harte Probe stellte.

Einmal Kurrende-Sänger, immer Kurrende-Sänger

Dabei geblieben sind sie fast alle – ein harter Kern singt nun schon 30 Jahre oder länger in den grün-weißen Chorgewändern mit. Und selbst diejenigen, die gegangen sind – weil Studium oder Job sie in andere Landesteile oder ins Ausland verschlugen – sind im Herzen geblieben. „Einmal Kurrendaner, immer Kurrendaner“, auf diese einprägsame Formel bringt es Ralf Höhnemann, seit sechs Jahren Chef des eingetragenen Vereins Kurrende und selbst seit Kindestagen Sänger. Diese prägende Erfahrung in der Chorgemeinschaft vergisst keiner. Denn neben der musikalischen Ausbildung, die spätestens mit dem Erlernen der Ward-Methode seit den 90er-Jahren erstklassig ist, lernt eine Kurrendesänger vieles, was ihm im Leben weiterhilft: Konzentration aufs Wesentliche, Rücksichtnahme auf andere, Pünktlichkeit und Disziplin.

Und es gibt die Erfolgsgeschichten, die für immer verbinden: Wer einmal „Jauchzet, frohlocket“ aus Bachs Weihnachtsoratorium im Chor zusammen mit einem großem Orchester in einem ausverkauften Konzertsaal gesungen hat, der kennt den unvergleichlichen Rausch der Musik.

Anfangs schwierige Jahre in Bad Düben

Den Boden dafür hat in tiefen DDR-Zeiten der junge Absolvent der Kirchenmusikschule Halle bereitet, der Ende der 1970er-Jahre in Bad Düben alles vorfand, nur keinen fruchtbaren Acker für eine reiche musikalische Ernte. „Manche haben mich für verrückt erklärt, hier einen christlichen Kinder- und Jugendchor aufzubauen“, erinnert sich Lothar Jakob. Schwierige Jahre waren es, zusätzlich erschwert durch die Unterbrechung der zwangsverordneten Armeezeit.

Aber danach, im Mai 1981 gab es kein Halten mehr: Aus den Anfängen entwickelte sich rasch ein vierstimmiger Chor, der über die Grenzen Bad Dübens hinaus für Furore sorgte. Und dabei noch nicht einmal über eine richtig geeignete Konzertstätte verfügte. „Die anderen haben die besseren Kirchen, wir haben aber dafür den besten Chor“, sagte mal der ein frühere Dübener Pfarrer Christoph Werner.

Chorfahrten mit der Deutschen Reichsbahn

Vielleicht war die mangelnde Akustik der Stadtkirche und die Beengtheit der katholischen Kirche auch ein Grund dafür, dass die Dübener Sänger immer wieder gern auf Chorfahrt gingen. 1984 gab es die Premiere: Die Kurrende bereiste die alte Heimat des Kantors in Sachsen-Anhalt. Nienburg, Thale, Zerbst... Die ganze letzte Ferienwoche im August war der damals 30-köpfige Chor unterwegs. Mit der Deutschen Reichsbahn. Und einem angespannten Reiseleiter, der mehrmals den gesamten Zug durchlief und seine Schäfchen zählte.

Auch das gehört zur Kurrende

Auch das gehört zur Kurrende: Ausflug auf den Fichtelberg mit Kantor Jakob Mitte der 80er Jahre.

Quelle: privat

Das sollte nicht die einzige Aufregung bleiben: Wenn die Kurrende mit ihrem Kantor auf Reisen ging, dann konnte sie wirklich was erzählen. Zum Beispiel von einem Ausflug zum Fichtelberg – am einzigen konzertfreien Tag. Spontan sang der Chor auf dem Freisitz Volkslieder. Ein Hut machte die Runde und schon war die nächste Getränkerunde bezahlt. Oder die Geschichte von der Diskonacht: Nach Konzertschluss machte die Nachricht die Runde, dass in der Dorfkneipe noch ein Tanzabend stattfindet. Nur leider hatte auch der Chef davon Wind bekommen und ging abends auf Kontrollgang. Und schickte postwendend diejenigen in die Betten, die noch nicht im Diskoalter waren. Die Strafe: Im nächsten Ort gab es für die Ertappten die unbeliebten privaten Einzelquartiere. Wobei die oft sogar die schönsten waren.

Stasi in Ledermänteln zum Konzert am 7. Oktober 1989

Nur einmal blieb für Lothar Jakob ein Reisekonzert in düsterer Erinnerung: 1989 hatte die Kurrende ausgerechnet am 7. Oktober in Burg einen Auftritt – am 40. Geburtstag der DDR. Und im Publikum saßen auffällig viele betont Unauffällige in Ledermänteln, die selbst der Pfarrer aus Burg noch nie in seiner Gemeinde gesehen hatte. Die Angst der SED-Mächtigen ging um in einem Land, welches wenige Monate später aufhörte zu existieren.

Die Kurrende schaffte auch den Sprung ins neue Deutschland, aber ihr Kantor war plötzlich zu teuer für die Dübener Kirchgemeinde, die ihn bis dahin bezahlte. Es folgten unruhige Jahre für Jakob, mit ABM-Anstellung und kurzer Arbeitslosigkeit. Hat er mal ans Weggehen gedacht? „Ja, es gab Angebote, die mich gereizt haben“, sagt Jakob. Er blieb dennoch, auch weil er sein Lebenswerk nicht einfach so aufgeben wollte. Darauf ist er stolz. Besonders auf die großen Festmusiken, die den Chor bis an seine Grenzen führten. Und auf das Abendsingen, das er einführte und das inzwischen zur Kurstadt gehört wie die Thomaner-Motette zu Leipzig.

Koch, Diakon, Kantor

Geboren wurde Rolf-Lothar Jakob am 16. Mai 1953 in Ziesar bei Wüstenjerichow – der kleine Ort liegt ziemlich genau zwischen Magdeburg und Brandenburg an der Havel. Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern.

Nach der Schulzeit absolvierte Jakob von 1969 bis 1971 eine Lehre als Koch in Magdeburg und sang in dieser Zeit bis 1972 im Magdeburger Domchor mit.

Ab 1972 absolvierte er eine Ausbildung zum Diakon in Neinstedt (ein Ortsteil von Thale im Harz).

Von 1974 bis 1978 studierte Jakob an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik und bestand seine Prüfung zum Kirchenmusiker in den Fächern Chor, Orchesterleitung und Gesang mit Auszeichnung. In der Studienzeit leitete er einen Studentenchor.

Bei einer Rüstzeit für Chöre lernte er Gundel Geipel aus Bad Düben kennen, die ihn im August 1978 in die Kurstadt einlud. Da hier die Kantorenstelle frei und Jakob eine Wohnung versprochen wurde, griff der 26-Jährige zu.

Mit dem Schulbeginn im September 1978 begann der Aufbau der Kurrende. Bereits im Advent des Jahres gab es das erste gemeinsame Konzert mit dem Nikolaichor.

Von Oktober 1979 bis Mai 1981 musste Jakob zum NVA-Dienst, bei dem er den Dienst mit der Waffe verweigerte und deshalb als „Bausoldat“ diente.

Ab 1984 gab es die Kurrende vierstimmig, die erste Chorfahrt folgte und die Einkleidung in die grün-weißen Kurrendegewänder.

Nach dem Herbst 1989 folgte die Neustrukturierung der Kurrende als eingetragener Verein. Jakob war von 1991 bis 1993 in ABM-Anstellung der Stadt Bad Düben. Erst danach fand sich eine Finanzierungslösung über Kulturraumförderung, Sponsoren und Eigeneinnahmen, die bis heute die Chorleiterstelle sichert

Und stolz ist er auch auf die Evangelische Grundschule, zu deren Gründung er als CDU-Stadtrat Ende der 90er-Jahre den entscheidenden Anstoß gab. Und deren musische Prägung er ganz besonders beeinflusst hat: 1991 erlernte Jakob in Köln die Wardmethode, eine Form der musikalischen Früherziehung, bei der Kindern alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden.

Keine Wiederholung des Repertoires

Mehr als 1000 Dübener Kinder haben bei Lothar Jakob den Musikunterricht durchlaufen, etwa 300 bis 400 Kurrendaner sangen insgesamt im Chor. „Die meiste Zeit ging für die Organisation drauf“, sagt der Kantor rückblickend. Besonders zufrieden ist er deshalb, dass es immer gelang, neue Stücke einzustudieren und das Repertoire zu erweitern. Kein Oratorium, keine größere Festmusik wurde im Folgejahr wiederholt. „Noten müssen auch mal ruhen“, so seine Begründung.

 Musik im Advent

Musik im Advent: Die Dübener Kurrende im Konzert unter Leitung ihres Kantors Lothar Jakob.

Quelle: Nico Fliegner

Am Sonnabend steigt Lothar Jakob das letzte Mal auf sein Dirigentenpult. Eine Festmusik im Dübener Heide Spa soll das Beste aus fast 40 Jahren Kurrende präsentieren. Der Abend ist seit langem ausverkauft, mit viel Glück gibt es vielleicht noch einzelne Restkarten an der Abendkasse. Alle wollen noch einmal erleben, wie Jakob seinen Chor zur Höchstleistung führt und diesen unvergleichbar berührenden Kurrende-Sound aus den Sängern herauskitzelt. Viele ehemalige Kurrendaner werden dabei sein und mitsingen. Sie alle wollen anschließend eine Party feiern, von der es wieder so einige Geschichten zu erzählen geben wird.

Kurrende-Chef-Nachfolge ist noch offen

Was aber bleibt für den Spiritus Rector der Dübener Kultur? „Ich bin aufgeregt, wie vor jedem Konzert. Aber ich werde es genießen. Und dann freue ich mich auf die Nachfolge“, sagt Jakob. Noch wird ein neuer Kurrende-Chef gesucht, die Bewerbungsfrist läuft bis 30. Juni. Er sehe das entspannt, sagt der scheidende Kantor. Sein Rat für die oder den Neue(n): „Du musst die Menschen, die du vor dir hast, ehrlich mögen. Dann ist das eine anstrengende, aber schöne Arbeit hier.“ Selbst nach einer langen Woche, mit Mozart an einem gewittrigen Freitagabend.

Von Olaf Majer

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