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Bad Dübener Kletterin bezwingt Felswand in Patagonien

Alpinismus Bad Dübener Kletterin bezwingt Felswand in Patagonien

Hohe Felswände schrecken Ines Papert nicht – ganz im Gegenteil. Die in Bad Düben aufgewachsene 41-Jährige gilt als eine der besten Kletterinnen der Welt. Und nun hat sie eine der schwersten und gefährlichsten Kletterrouten bezwungen – die Riders on the Storm in Patagonien.

Auf dem Torre Central.

Quelle: Thomas Senf

Bad Düben. Magisch sei der Ausblick vom Gipfel und ihre Gefühle kaum in Worte zu fassen, schwärmt Ines Papert. „Unzählige Gletscherseen in allen Blau- und Grüntönen, schneebedeckte Gipfel soweit das Auge reicht, steile Felswände in allen Richtungen, der Blick dahinter in eine endlos weite Ebene, und in entgegengesetzter Richtung das Inlandeis. Für einen Moment sind wir die glücklichsten Menschen auf dieser Erde.“ 1300 Meter liegen an jenem 6. Februar, um genau 12.48 Uhr, hinter Ines Papert, Mayan Smith-Gobat und Thomas Senf. 1300 Meter fast senkrecht nach oben, wohlgemerkt. An einer riesigen Felswand im eisigen Patagonien. Ganz im Süden von Südamerika. Quasi am Ende der Welt.

Riders on the Storm – Sturmreiter – heißt die schwierige Kletterroute durch die Ostwand des Torre Central, die Ines Papert und ihre beiden Begleiter jetzt bezwungen haben. Sie waren erst das fünfte Team überhaupt, dem dies gelungen ist – fünf erfolgreiche Expeditionen in 25 Jahren, seit die Route 1991 das erste Mal von einer Gruppe deutscher Kletterer begangen wurde.

„Patagonien hat mich schon lange fasziniert“, sagt Ines Papert. Und Herausforderungen wie die Felswand Riders on the Storm seien ihr Leben, ihre Berufung. „Ich brauche ein Ziel vor Augen. Je größer es ist, je unerreichbarer es scheint, desto spannender.“ Dabei stammt die 41-jährige Profikletterin eigentlich aus dem nordsächsischen Flachland. Geboren in Wittenberg, wächst sie in Bad Düben auf, in der kleinen, beschaulichen Kurstadt, in der noch heute ihre Eltern, Großeltern und viele Bekannte leben. Hier gibt es die Mulde, die Heide, allenfalls mal einen Hügel – und die Berge kannte auch Ines Papert früher nur vom Familien-Skiurlaub im Riesengebirge. Auch die Ausbildung, die sie nach der Schule absolviert, ist bodenständig: Sie wird Physiotherapeutin.

Nach der Wende zieht Ines Papert nach Berchtesgaden, tritt dort eine Arbeitsstelle an – und entdeckt die Berge. Zunächst bei Wandertouren, beim Mountainbiking und beim Skifahren – und schließlich beim Klettern, das sie später als Profisportlerin zu ihrem Beruf machen wird. Auch als sie im Jahr 2000 Mutter wird, hält sie dies nur kurz vom Klettern ab. Sie braucht diese intensiven Momente, wenn sie wieder ein Ziel geschafft, eine Felswand bezwungen hat. Dieses spannende Spiel zwischen körperlichem Können und mentaler Kraft – „du kannst noch so gut sein, wenn der Kopf nicht mitmacht, dann geht es nicht“, sagt sie. „Das habe ich bei noch keiner anderen Sportart so erlebt.“

15 Tage in der Felswand

Heute gilt Ines Papert als eine der bestern Kletterinnen der Welt. Sie hat die legendenumwobene Eiger-Nordwand in den Berner Alpen bezwungen, ebenso wie die Große Zinne in den Dolomiten und „The Nose“ im Yosemite-Nationalpark in den USA. Sie ist in Kanada, in Marokko und in Kirgistan geklettert. Sie stand als erster Mensch auf dem 6719 Meter hohen Likhu Chuli im Himalaya und hat den 6962 Meter hohen Aconcagua bestiegen, den höchsten Berg des amerikanischen Doppelkontinents. Auch mehrere Welt- und Europameistertitel im Eisklettern hat sie gewonnen.

Und nun also der Torre Central im unwirtlichen Patagonien in Chile. 7c, A3, ABO, so lauten ganz nüchtern die Kürzel für den Schwierigkeitsgrad der Kletterroute Riders on the Storm. Oder anders, dramatischer, ausgedrückt: Der Fels ist steiler Granit, die Kletterei sehr vielfältig und anspruchsvoll, es gibt alle Arten von – zum Teil vereisten – Rissen und komplexer Wand- beziehungsweise Plattenkletterei mit stellenweise geringen Sicherungsmöglichkeiten. Doch damit nicht genug: Als erste Menschen wollen Ines Papert und die Neuseeländerin Mayan Smith-Gobat die Route komplett frei durchsteigen – das heißt, Hilfsmittel wie Haken und Seile dienen lediglich zur Sicherung, aber nicht zur Fortbewegung. Begleitet werden die beiden Kletterinnen von dem Fotografen und gebürtigen Leipziger Thomas Senf.

Sechs Wochen sind für die Expedition vorgesehen, am Ende werden sie davon 15 Tage an der Felswand verbracht haben, wie Ines Papert später berichtet. Wird das Wetter schlecht – „patagonisch“, sagt Ines Papert – müssen sie sich wieder abseilen; ist es schön, geht es wieder hinauf. Zum Schlafen an der Wand haben sie sogenannte Portaledges dabei, eine Art Plattform mit Zelt, die an der steilen Felsenwand hunderte Meter über dem Abgrund hängt – und die oft vom patagonischen Wind hin und her geschüttelt wird. „Es fühlt sich an, als schlafe man in einem kleinen Boot auf hoher See“, erzählt Ines Papert.

Am Torre Central

Am Torre Central.

Quelle: Thomas Senf

Los geht es Mitte Januar, als das Wetter mitspielt: eine stabile Hochdrucklage, vergleichsweise milde Temperaturen, moderate Windgeschwindigkeiten – wenn in Europa Winter herrscht, dann ist in Patagonien auf der südlichen Halbkugel der Erde Sommer. Oder zumindest so etwas Ähnliches. Denn die Strapazen sind groß, die Temperaturen auch in der „warmen“ Jahreszeit empfindlich kalt. „Nicht selten klemmten die Finger, die Hand oder gar der ganze Körper in einem vereisten Riss, was auch für mich eine neue Erfahrung darstellte“, berichtet Mayan Smith-Gobat. „Das Gefühl in den Fingern nicht zu verlieren, blieb in der eisigen Kälte oft nur ein Wunsch.“ Doch am 6. Februar ist es schließlich soweit: Die drei stehen auf dem Gipfel. „Wir fallen uns in die Arme und sind sprachlos. Kein Wind ist spürbar. Keine Wolke trübt den Himmel“, schwärmt Ines Papert.

Felsbrocken kracht auf Zelt

Nur wenig später, beim Abstieg, zeigt der Berg jedoch wieder seine andere, seine gefährliche Seite. Ein kühlschrankgroßer Felsblock löst sich und fällt nachts um zwei Uhr lautstark an den schlafenden Kletterinnen vorbei ins Tal. Ein Stein, der das Portaledge trifft, das Zelt in zwei Hälften zerreißt, bleibt knapp neben den erschrockenen Frauen liegen. Auch Ines Paperts Helm wird durch einen Eisschlag zerstört.

„Es war sehr gefährlich, das Risiko unkalkulierbar“, sagt die Alpinistin später. „Und so reizvoll es scheint, wiederzukommen, um das Projekt zu beenden., ich habe mich dagegen entschieden.“ Das Projekt beenden – das würde heißen, noch einmal den freien Aufstieg zu versuchen. Denn dieses selbstgesetzte Ziel zu schaffen, das hat diesmal nicht geklappt. Es lag vor allem am Wetter, die Zeitfenster – jene Tage oder Stunden also, wenn das Wetter günstig ist – wurden immer kleiner. „Am Ende sind wir aber nur vier von 38 Seillängen nicht frei geklettert“, sagt Ines Papert. Eine einmalige, am Sturmreiter bisher unerreichte Leistung.

Und das nächste Projekt steht auch schon fest: Der Kyzyl Asker, ein Berg in China im Himalaya. Zwei Mal sei sie dort bereits gescheitert, erzählt Ines Papert. „Aber ich gebe nicht so schnell auf...“

Im Herbst will Ines Papert über die abenteuerliche Expedition auf Vorträgen berichten und dabei auch in unserer Region Station machen. Weitere Infos gibt es dann auf www.ines-papert.de

Von Kay Stolle

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