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Bad Dübens Bürgermeisterin Astrid Münster: "Wir brauchen jetzt schnell den Polder Löbnitz"

Bad Dübens Bürgermeisterin Astrid Münster: "Wir brauchen jetzt schnell den Polder Löbnitz"

Für Bad Dübens Bürgermeisterin Astrid Münster (FWG) sind ereignisreiche Tage zu Ende gegangen. Die Hochwasserkatastrophe ist knapp an der Kurstadt vorbeigeschrammt, doch als Krisenmanagerin war sie nahezu ununterbrochen gefordert, musste Entscheidungen treffen, um Schaden von Altstadt und Ortschaften abzuwenden.

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Astrid Münster, Bürgermeisterin der Stadt Bad Düben

Quelle: Nico Fliegner

Bad Düben. Im Interview blickt sie auf die Flut-Tage zurück.

LVZ:

Sie sehen etwas abgespannt aus. Wie viel Schlaf müssen Sie nachholen?

Astrid Münster (lacht):

Ich habe von Freitag, als der Hochwasser-Alarm ausgerufen wurde, bis Sonntag darauf, also eine Woche später, ungefähr 32 Stunden geschlafen, zum Teil auch im Rathaus auf einem Feldbett. Also nicht so bequem und ruhig wie sonst.

Wie muss man sich so einen Krisentag vorstellen?

Ganz extrem war Montag Nacht. Ich hatte mich gerade hingelegt und dann kam um 3 Uhr die Mitteilung, dass es im Schlossmark ganz schlimm ist, innerhalb von einer Stunde ist das Wasser dort extrem gestiegen. Und so setzte sich das fort. Am Dienstag die Kläranlage, wo wir eine Schlauchstrecke aufbauen mussten, und am Mittwoch die Dübener Landstraße, wo wir über Nacht einen Durchlauf zumachen mussten mit zwei Lkw, einem Traktor und Radlader und einem Bagger. Jedes Mal nachts ist irgendwas passiert, am Tag war es dagegen relativ überschaubar und regelbar.

Sie haben während der Zeit einmal vom Wunder von Bad Düben gesprochen. Was meinen Sie damit?

Das Wunder ist, dass die Deiche mit dem neuen Auflassfilter gehalten haben, obwohl die ja nicht ausgelegt sind auf ein alle Hundert Jahre wiederkehrendes Hochwasser. Und wir waren diesmal mit einer wesentlich höheren Strömungsgeschwindigkeit als 2002 konfrontiert. Zum Wunder hat auch beigetragen, dass die Spundwand bei Profiroll schon fertig gewesen ist.

Die musste aber mit Sandsäcken zusätzlich erhöht werden.

Ja, aber ohne die Spundwand wäre es vermutlich viel schlimmer gekommen.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass die Lage für Bad Düben und für die Stadtteile bedrohlich werden könnte?

Am Freitag ist der Hochwasserwarndienst für das Muldegebiet eingerichtet worden. Samstag rief dann der Landrat an und da war schon ziemlich klar, dass es eng werden könnte. Wir haben dann das Wasser beobachtet, wussten, was in den Talsperren noch drin ist und wie das Wetter wird.

Was überwog: Entscheidungen nach Bauchgefühl treffen oder Orientierung an den Fakten?

Der Unterschied zu 2002 war, dass das Hochwasser damals schnell kam und Schaden anrichtete. Jetzt kam es - zum Glück - langsam und wir konnten entsprechende Maßnahmen ergreifen, haben dann immer versucht, das Wasser so zu lenken, dass es möglichst gleich wieder in die Mulde abfließt. Das war das Komplizierte an der Sache. Wir haben uns schon gut überlegt, was wir machen. Das Wichtigste war, Entscheidungen zu treffen. Wenn man keine Entscheidungen trifft, hat man von vornherein verloren. Also Bauchgefühl eher nicht.

Wie bewerten Sie das Zusammenspiel der Einsatzkräfte und Helfer?

Das war super, wirklich. Wir hatten sicher 70 Prozent Glück gehabt, weil leider vorher ein paar Deiche gebrochen sind, sonst wären es die prognostizierten 9,20 Meter geworden mit Schäden für die Muldebrücke und vor allen Dingen für die Stadt und die Kläranlage. Und 30 Prozent waren ein super Zusammenspiel, vor allem von Feuerwehr, THW, Polizei, Bundespolizei, den Firmen, die uns mit Technik unterstützten, und den freiwilligen Helfern.

Welche Situationen waren besonders problematisch?

Wie schon gesagt: Schlossmark und Lauch waren plötzlich extrem betroffen, aus dem Grund, weil die Deiche gehalten haben. Deshalb war das Wasser dort höher. Ein älteres Ehepaar wollte nicht raus, da bin ich dann selber in die Wathose und habe sie rausgeholt. Dann gab es eine Situation in Schnaditz, als deutlich mehr Wasser über die B 2 strömte. Dort haben wir dann eine 300 Meter lange Schlauchstrecke aufgebaut. Und dann haben wir die alte Dübener Straße zugemacht, das war auch noch mal so eine Nachtaktion. Und zum Schluss war der alte Muldearm am Altenhof dermaßen voll mit Wasser, dass es in Richtung Schnaditz strömte, wo wir in einer Nacht- und Nebel-Aktion die großen Pumpen vom THW versetzten. Das war eine risikoreiche Entscheidung, weil wir die Pumpen ja zur Sicherheit für die Stadt Bad Düben in der Stadt haben stehen lassen.

Gibt es Ihrer Meinung nach noch Handlungsbedarf in Sachen Hochwasserschutz für Bad Düben?

Wir brauchen jetzt schnell den Polder Löbnitz. Ich würde mich meinem Amtskollegen Herrn Wacker anschließen, der sagte, Städte wie Grimma und Döbeln sind nur zu retten, wenn man dem Fluss vorher mehr Raum gibt, um das Wasser gesteuert zu lenken. Deichrückverlegung und Polder - das sind die einzigen Lösungen. Und die Planfeststellungsverfahren müssen gestraffter sein.

Welche Erwartungen haben Sie an die große Politik?

Hochwasserschutz müsste Bundesaufgabe werden. Dann heißt es eben in Bitterfeld nicht, die Sachsen sind daran Schuld, wenn dies und jenes passiert. Und dann kann es auch nicht sein, wie in Kossen, dass es heißt, der Seeadler brütet. Ich erachte Umweltschutz auch als wichtig, aber nicht zum Nachteil der Bevölkerung.

Interview: Nico Fliegner

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.06.2013

Nico Fliegner

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