Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Bad Düben Bad Dübens "Willy Winkler" ist Nordsachsens kleinste Druckerei
Region Bad Düben Bad Dübens "Willy Winkler" ist Nordsachsens kleinste Druckerei
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:05 26.10.2015
Druckereibesitzerin Anne-Gret Hofmann am Bleisatzkasten. Der dient heute nur noch für Schauzwecke. Quelle: Alexander Prautzsch
Anzeige

Es riecht nach Druckerschwärze. Im Hintergrund liefert die Offsetdruckmaschine die Musik. Die Regale biegen sich unter der Last der Aktenordner. Auf dem Schreibtisch streiten sich Papiere, Musterkarten, Kalender und Telefon um den knappen Platz. Für Anne-Gret Hofmann, eine zierliche Frau, stets freudestrahlend daherkommend, ist die Druckerei Willy Winkler im Hinterhof der Kirchstraße 2 in Bad Düben dennoch der schönste Platz auf der Welt. Hier telefoniert, koordiniert und berät sie die Kunden mit ganz wenigen Ausnahmen jeden einzelnen Arbeitstag im Jahr. Denn die 72-Jährige, die die Druckerei gemeinsam mit Tochter Gudrun, Schwiegersohn Wilmten Boeckenhauer und einer langjährigen Angestellten betreibt, weiß: „Wenn man sich behaupten will, muss man jeden Tag präsent sein. Urlaub ist da schwierig.“ So schwierig, dass sie seit Jahren darauf verzichtet.

Wilmten Boeckenhauer setzt eine neue Druckplatte ein. Quelle: Alexander Prautzsch

Doch leicht hat es der familiengeführte Betrieb, den es an diesem Standort seit 1903 gibt und den ihr Vater Willy Winkler 1929 übernahm, nie gehabt. Denn nach den schweren Anfangsjahren waren die Kriegsjahre zu meistern, später stand zu DDR-Zeiten der Kampf mit dem Papiermangel und um jede einzelne Druckgenehmigung im Vordergrund. „Jede Drucksache mussten wir uns genehmigen lassen.“ Schön sei das nicht gewesen. „Doch das war der Deckmantel der Zensur“, sagt sie. So sei der Betrieb in den 1950er Jahren ständig kontrolliert worden. Abends hätten nach getaner Arbeit die Räume gar versiegelt werden müssen, damit  nicht nachts klammheimlich was auf Papier gebracht werden konnte, was den Oberen missfallen hätte können.

Auch dass ihr Vater die Geschäfte erst 77-jährig abgab, hängt mit dem DDR-Alltag zusammen. Denn in den 1970er Jahren gab es keine neuen Gewerbegenehmigungen. „Mein Vater hatte also nur die Wahl, weiterzumachen oder den Betrieb in eine PGH zu geben“, erinnert sich Anne-Gret Hofmann. Erst 1981, als alles etwas lockerer gehandhabt worden sei, übergab er die Druckerei an sie. Der benachbarte Laden, den es heute ebenfalls noch gibt, ging an ihre Schwester.

Blick auf alte Druckplatten aus einer Metalllegierung. Sie haben nach wie vor ihren Platz in der kleinen Druckerei. Quelle: Alexander Prautzsch

„In der Wendezeit“, so erzählt Anne-Gret Hofmann, deren Mann seinen Beruf aufgab und der bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden vor einigen Monaten ebenfalls im Familienbetrieb mitarbeitete, „haben wir dann praktisch auf einem Schrotthaufen gesessen.“ Mit der neuen Zeit kamen viele Angebote und viele neue Entscheidungen und Herausforderungen: Maschinenkauf, Kreditaufnahme, der Einstieg in die Computertechnik. Auch in der Kundschaft gab es viele Veränderungen. „Es war damals ein Kommen und Gehen“, sagt sie in der Rückschau. Langjährige und auch neue Geschäftspartner gab es mitunter über Nacht nicht mehr. Doch es zahlte sich auch der in langjähriger Arbeit erworbene solide Ruf aus. Denn obgleich heute moderne Intenetdruckereien dem Betrieb zu schaffen machen, hat das kleine Bad Dübener Unternehmen seine Nische gefunden. Obwohl es natürlich dank der modernen Offsetmaschine in der Lage ist,  Formulare und Briefbögen auch zu Tausenden zu drucken, produziert es vor allem liebevoll für Kleinabnehmer Hochzeitskarten oder individuelle Einladungen. Doch es würden auch Abschlussarbeiten gebunden, alte Fotos mit neuem Papier unterlegt. Eben alles, was man lieber in fachkundige Hände gibt.

Alte Technik mit viel Charme: Der Schriftzug „Bad Düben“ auf einem Winkelhaken. Quelle: Alexander Prautzsch

Derzeit würden sie nach einem Heimatmotiv für Weihnachtskarten suchen, das dann die Kunden in alle Welt verschicken können. Da würden sich die beiden jungen Frauen, und damit meint Anne-Gret Hofmann neben ihrer Tochter Gudrun auch die Angestellte Kathrin Eichhorn, immer etwas einfallen lassen. Das gilt auch für den Kranzschleifendruck, den der Betrieb für Floristen übernimmt. „Der Kunde kann sich bei uns neben dem Computerdruck auch für den Prägedruck entscheiden. Am Computer sind wir bei Schriftgröße und Schriftarten flexibler“, weiß die Betriebschefin. „Doch der gute alte Prägedruck habe eben auch etwas“, sagt sie und streicht dabei fast liebevoll über ein solches Band, das nicht so glatt, sondern mehr Struktur aufweist und damit griffiger in der Hand liegt. Mitunter bewährt sich eben, dass in der Druckerei neben der modernen Technik auch noch einige alte Maschinen stehen. Die Hochdruckmaschine, mit der einst mit Druck und nicht wie beim heutigen Offset-Verfahren auf das Zusammenwirken von Wasser und Farbe gesetzt wird, hat heute zwar kaum noch einen Druckeinsatz. Doch für das Perforieren, Nummerieren und Rillen rattert sie noch.

Auch die Bleisatzschriften und die Druckstöcke haben noch nicht den Gang ins Museum angetreten. „Die werden für besondere Einzelstücke genutzt“, verrät die Handwerkerin. „Wirtschaftlich ist das ja eigentlich nicht“, gesteht sie, „doch da hängt auch das Herz dran.“ Und das ist es wohl, was auch die Kundschaft spürt, die zwar  inzwischen auch per Mail und am Telefon bestellt, doch eben auch noch oft die Holztür in der Kirchstraße 2 öffnet und nach einem schmalen Gang und zwei Türen weiter mittendrin in den altehrwürdigen Räumen steht. Dort, wo es so schön nach Druckerschwärze riecht und die Offsetdruckmaschine die Musik spielt.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Archäologen, die die Flächen für den großräumigen Ringdeich Schnaditz untersucht haben, machten keine großen Funde. Der rund zweijährige Bau des insgesamt vier Kilometer langen Ringdeiches kann damit im zweiten Quartal 2016 beginnen.

26.10.2015

Amts- und Mandatsträger in Sachsen sehen sich in der Asyldebatte mit Beleidigungen und Bedrohungen konfrontiert. Derzeit bearbeitet das Operative Abwehrzentrum in Leipzig 57 entsprechende Verfahren, so der Stand vom 19. Oktober. Wie bedroht fühlen sich Nordsachsens Bürgermeister, deren Hauptaufgabe derzeit die Unterbringung von Flüchtlingen ist?

26.10.2015

Das neue Schnaditzer Feuerwehrgerätehaus ist fertig und zum Schluss wurde auch noch gespart – beim symbolischen Schlüssel. Denn in den neuen Anbau an das Bürgerhaus Schnaditz flossen in den vergangenen zwölf Monaten zwar 626.000 Euro, die überwiegend aus Fördermitteln für den Wiederaufbau Hochwasser stammen.

26.10.2015
Anzeige