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"Literatur muss mitleidslos sein" - Bad Dübens Ehrenbürger Christoph Hein im Interview

"Literatur muss mitleidslos sein" - Bad Dübens Ehrenbürger Christoph Hein im Interview

Besonderer Festakt in der Stadtkirche St. Nikolai: Christoph Hein wird am Mittwoch um 18 Uhr die Ehrenbürgerschaft der Kurstadt verliehen. Die Ehrung ist öffentlich, alle Dübener sind eingeladen.

Bad Düben. Der 67-jährige Schriftsteller verbrachte einen Großteil seiner Kindheit in Bad Düben. An seinem Konfirmationstag schließt sich der Kreis: Der Dübener Pfarrerssohn kehrt als Ehrenbürger zurück. Die LVZ sprach mit ihm.

Frage: Herr Hein, Sie sind nach einem Mathelehrer mit viel Heimatliebe und einem Ingenieur mit Fußball-Begeisterung der dritte Ehrenbürger Bad Dübens. Sind Sie der verlorene Sohn, an den man sich nun endlich erinnert?

Christoph Hein: Diese Ehrung kommt für mich völlig überraschend und unerwartet. Von irgendeinem „endlich“ kann nicht die Rede sein.

Die Zustimmung in Bad Düben war trotz der deutlichen Stadtratsmehrheit nicht ganz ungeteilt, Kritiker sehen in Ihnen gar einen Nestbeschmutzer. Schmerzt Sie solch ein Vorwurf?

Im Gegenteil. Literatur muss genau sein und mitleidslos, nicht wehmütig, nicht nachsichtig. Einhellige Zustimmung hätte mich ins Grübeln gebracht, denn dann hätte ich etwas falsch gemacht.

Sie waren zusammen mit ihrer Familie Heimatvertriebene aus Schlesien und in Düben der 50er Jahre eher geduldet als willkommen.Empfinden Sie Ihre Ehrenbürgerschaft auch als Versuch einer späten Dübener Versöhnung mit den „fremden“ Vertriebenen?

Die aus dem deutschen Osten Geflüchteten und Vertriebenen besaßen nichts mehr und waren auf ihre unfreiwilligen Gastgeber angewiesen. Diese Gastgeber aber wohnten und lebten in der Nachkriegszeit gleichfalls schlecht, das schränkte die Menschlichkeit stark ein. Nur mittels staatlicher Gewalt konnten die unerwünschten Gäste Quartier bekommen, so ist es nicht verwunderlich, dass ein Sich-Fremd-bleiben und auch Feindschaft für lange Zeit blieb, selbst über Generationen hinweg. Ich war in deutschen Regionen, wo man auch noch nach sechzig Jahren noch sagt: Der da ist nicht von hier, der ist ein Vertriebener. Und der Mann, den man so bezeichnete, er war 25 Jahre alt, im Ort geboren und hatte Schlesien nie im Leben gesehen. Es ist in Deutschland nichts zusammengewachsen, aber erträglich verwachsen.

Sie haben Düben, den Ort ihrer Kindheit, als Steinbruch für Ihr Schreiben bezeichnet. Welche Steine liegen noch verborgen, was kommt noch ans Licht?

Da bin ich selbst gespannt, was ich noch finden werde. Mittlerweile gibt es vier Guldenberg-Romane, und das war von mir nicht geplant.

Von Ihnen stammt auch der Satz, die guten Geschichten wachsen auf düsterem oder dunklem Grund. Wie düster war das Düben ihrer Kindheit?

Der Ort ist nicht düster und dunkel, die deutsche Geschichte war es, vor 1945, nach 1945. Und vergessen wir nicht: Mein Bad Guldenberg ist nicht Bad Düben, diese beiden Städte sind nicht identisch. Viele meiner Geschichten und Personen stammen auch aus anderen Orten und Zeiten.

In Ihrem Roman „Landnahme“ erfahren wir das bedrückende Schicksal des heimatvertriebenen Tischlerjungen Bernhard Haber, der erst aggressiv, dann resignierend auf die Ablehnung der Guldenberger reagiert. Wieviel Christoph Hein steckt in diesem Haber?

Sagen wir: Bernhard Haber ist ein fiktiver Schulkamerad, mit dem mich wenig verbindet, aber es gibt durch die Umsiedlung ein paar Gemeinsamkeiten.

Ich habe Sie früher auf einer Lesung in Bad Düben erlebt, bei der eine Frau aufstand und sagte: So war es nicht Herr Hein, wir haben uns gut mit den Flüchtlingen verstanden. Wieviel künstlerische Freiheit wird einem zugestanden, wenn er zugleich Chronist seiner Zeit sein will?

Natürlich gab es landesweit auch Fälle, wo diese Flüchtlinge gut und sogar herzlich aufgenommen wurden, doch das waren eher Ausnahmen. Die zwölf Millionen Umsiedler kamen in eine „Kalte Heimat“, wie Andreas Kossert seine Geschichte dieser Völkerwanderung nannte. Beim Recherchieren für diesen Roman erfuhr ich von entsetzlichen Schicksalen nach dem Ende des Krieges.

Sie schreiben in Landnahme, dass es in den Jahren nach dem Krieg keine reichen Leute gab, aber es gab eine Art von Armut, für die man nur Verachtung übrig hatte. Erleben wir heute wieder diese Angst vor dem eigenen Abstieg?

Ja, und die Angst vor einer Verarmung scheint mir sogar psychisch bedrohlicher und zerstörender zu sein als die Armut selbst.

Angst vor Fremden wird besonders in den Altbundesländern gern als ostdeutsche Phänomen beschrieben. Sind NPD und Rechtsextremismus tatsächlich das Erbe der nach außen abgeschotteten DDR?

Die Angst vor dem Fremden wächst mit Armut und Verelendungsangst. Hat eine Stadt oder eine Region keine Zukunftschancen, so gedeiht der Nationalismus, die Fremdenfeindlichkeit, der Hass gegen das Andere, den Anderen.

In Landnahme beerdigen Sie auch den Mythos der Nischengesellschaft, in der man sich in der DDR wunderbar einrichten konnte, wenn man sich nur genug anpasste. Wann waren für Sie die Grenzen der Nische spätestens erreicht?

Das erlebte ich sehr früh, mit dem Schulbeginn. Mein Vater war Pfarrer, da gab es heftige Ausgrenzung für mich. Mit vierzehn Jahren musste ich die Schule verlassen, wurde gezwungen, nach Westberlin zu gehen, abzuhauen. Also eine Nische gab es nur für das Kleinkind, dann kam für mich rauher Ostwind.

Die Kritik überschlug sich 2004 nach Ihrer Landnahme-Veröffentlichung. Endlich der lang ersehnte Deutschlandroman, hieß es unter anderem. Die taz schrieb sogar, Guldenberg sei die mentale Hauptstadt der DDR. Hätte Guldenberg tatsächlich überall sein können?

Überall, nun, das weiß ich nicht. Aber ich habe von fast identischen Schicksalen der Vertriebenen in Hessen und Bayern gehört. Fremd sein ist wohl weltweit ein Makel und auch Schlimmeres. Schauen Sie sich die Welt an, willkommen sind die Fremden nirgends.

In Bad Düben gab es immerhin seit den frühen 80er Jahren in der evangelischen Kirchgemeinde, deren Pfarrer ihr Vater einst war, eine sehr aktive Friedensdekade-Gruppe. Auch 1989 waren Dübener Christen mit die ersten, die nach Leipzig zu den Montagsdemos fuhren. Ist Ihnen dieses unangepasste Düben sympathischer als das muffige Guldenberg?

Was für eine Frage!

Es gibt derweil Stimmen, die nachdenken, wie Bad Düben mit seinem Ehrenbürger umgehen soll. Leseforen sind eine Idee, eine spezielle Hein-Ecke in der Bibliothek, andere denken schon an eine Straße. Was wäre Ihnen am liebsten?

Am liebsten wäre mir die Streichung aus den Revisionslisten des Landeskämmerers. Vor dreihundert Jahren war es nämlich üblich und allgemeiner Brauch, Ehrenbürger aus der Steuerpflicht zu entlassen. Ich hoffe, mein Finanzamt kennt noch die alten Sitten, achtet auf Traditionspflege, streicht mich aus seiner Liste und verschont mich ab sofort mit Forderungen.

Interview: Olaf Majer

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