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Mit dem Mönch auf Tour ins Moor

Zadlitzbruch Mit dem Mönch auf Tour ins Moor

Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah. Und im Falle des Zadlitzbruches bei Bad Düben könnte man hinzufügen, auch das Geheimnisvolle. Warum dies nicht mit einem Mönch erkunden?

Blick vom Knüppelpfad im Zadlitzbruch in die Moorlandschaft.

Quelle: Ilka Fischer

Pressel. Seit zehn Jahren geht es im Naturpark Dübener Heide mit dem Mönch ins Moor. Roland Gempe führt dann in den Zadlitzbruch und damit in eine Welt, die örtlich gleich um die Ecke liegt, aber dennoch ganz fern vom Alltag ist. In der acht Meter einen Berg bezeichnen, es viele Petras und Peters hinzieht, es nach Verwesung riecht, Pflanzen Insekten fressen, Krokodile auftauchen, eine eigene Bonsaiwelt wächst und ein ganz spezielles Moorgeheimnis auf Entdeckung wartet.

Ein bisschen Schwund und der erste Schlucki

Eins stellt Heidemönch Roland Gempe an jenem kalten aber sonnigen Novembersonntag gleich klar. Ein bisschen Schwund lasse sich im Moor nicht ausschließen. Ob sie dennoch wirklich alle mitwollten? Die Naturfreunde, die aus ganz Nordsachsen, aber auch aus Leipzig angereist sind, lassen sich nicht abschrecken. Die Einstimmung findet auf dem Parkplatz am Presseler Teich statt. Hier gibt es nicht nur eine Infotafel, sondern auch die erste Frage. Für die richtige Antwort zaubert der Heidemönch einen Original-Brand aus der Dübener Heide aus der Tasche. Wie groß ist die Heide überhaupt, will er dafür wissen. Rund 750 Quadratkilometer lautet die richtige Antwort, die den ersten Schlucki unter die Moorfreunde bringt. Doch das Moor-Kernstück, der Zadlitzbruch, nimmt mit seiner Fläche von etwa 200 mal 500 Meter nur einen Bruchteil ein.

Hinter dem Berg, aber keine Bergtour

Später wird der Heidemönch erklären, dass Zadlitz im Slawischen „hinter dem Berg“ bedeutet. Doch auf eine Bergtour müssen sich die 15 Gäste seiner Truppe deshalb nicht einstellen. Denn im Flachland reicht für die Lage „hinter dem Berg“ eben schon mal eine acht Meter hohe Erhebung aus.

Vom Jagdhaus, wohin die Gruppe inzwischen mit ihren Pkw gewechselt ist, geht es jedenfalls diese acht Meter durch den Heidewald bergab. Das Wegekreuz Jagdspinne erklärt Mönch Roland nebenbei. Die noch heute bestehenden Wegschneisen seien nur deshalb entstanden, damit dem Kurfürsten, der ja nicht selbst durchs Unterholz kriechen wollte, das Wild zugetrieben werden konnte. Doch in der Kutte steckt nicht nur ein Mönch, sondern zugleich ein kleiner Schelm.

Ein Mönch erklärt den ökologischen Kreislauf

So spricht er, der bereits im Jahre 1488 geboren wurde und damit auch mal was vergessen dürfte, immer jeden Gast mit Namen an. „Das ist ganz einfach. Ich bestimme, wie jemand heißt.“ Und damit es nicht zu viele Namen werden, heißt bei ihm eben jede(r) Petra oder Peter. Den ökologischen Kreislauf erklärt er den Petras und Peters dann am Beispiel des Adlerfarns. „Den Menschen bekommt es nicht. Doch das Wildschwein findet die Wurzeln richtig lecker, gräbt dafür sogar den Waldboden um.“ Dann fragt er listig: „Und wisst Ihr, was ich gern esse?“ Die Antwort gibt er, nicht ohne verschmitzt über sein Kugelbäuchlein zu streicheln, gleich selbst: „Wildschein aus der Dübener Heide.“

Eine Rechenaufgabe für die Petras und Peters

Im Zadlitzbruch selbst, durch den ein etwa ein Meter breiter und von Wurzeln verknüppelter Pfad führt, gibt er schon mal gern zu, dass er als Mönch naturgemäß „nicht ganz so viel Ahnung von Vögeln“ hat. Um den Kranich, der selbst im November noch vereinzelt seine Kreise über dem Moor zieht und dessen Trompetenruf gerade im Zadlitzbruch oft zu hören ist, kommt er natürlich dennoch nicht herum. Doch ein
Fliegenpilz, der an der als Eingangstor fungierender Holzbarriere steht, lenkt ihn ohnehin schnell ab. Er erzählt, warum der Fliegenpilz Fliegenpilz heißt, obwohl er gar nicht fliegen kann. Die Mathematiker unter den
Petras und Peters lässt er aus-rechnen, dass das Presseler Moor, das vor 4000 Jahren entstand und jährlich um einen Millimeter wächst, vier Meter hoch sein könnte. Wobei die Betonung auf könnte liegt. „Denn in Wirk-
lichkeit sind es wegen des vor 150 Jahren begonnenen und für das Moorbad erst 1972 endenden Torfabbaus nur noch ungefähr 70 Zentimeter.“

Mit der Schwiegermutter, wie war das doch

Dass er damit dem Schwiegermutterreim „Siehst Du im Moor die Schwiegermutter winken, wink zurück und lass sie sinken“, gleich ad absurdum führt, ficht ihn nicht an. Denn auch wenn Pressel zu den 140 Moorleichen in Deutschland bisher keine einzige beigesteuert hat, weder der Schwiegermutter noch irgendjemand anderem sind Abwege erlaubt. Weniger, weil der moortypische Verwesungsgeruch schon auf dem Moorpfad in der Nase kitzelt und den einen oder anderen niederstrecken könnte. Das Ökosystem reagiert so sensibel, dass über den Zadlitzbruch alle nur denkbaren Schutzzonen liegen. „Alles was drin ist, bleibt drin, alles was von draußen kommt, geht wieder mit raus“, bringt es der Heidemönch für seine Gäste auf den Punkt. Und so bleiben selbst die Moosbeeren, die rote Akzente in das Herbstgrau tupfen, am Rande des Biotops hängen. Dahinter auf einer Moorinsel wächst eine Birke. Auf sieben Jahre schätzt sie einer der Peters. „Außerhalb des Zadlitzbruches wäre das richtig“, lobt der Heidemönch, der das Alter des Baumes aber mit 30 Jahre angibt. „Im Moor haben wir Bonsai live.“ Das liege an dem sehr sauren ph-Wert von 3,5 und der dadurch bedingten Nährstoffarmut. Deshalb handele es sich beim Wasser im Zadlitzbruch auch um keine schwarzbraune Brühe, sondern um glasklares Wasser. Überprüfen können dies die Naturfreunde nicht. Denn die Sonne spiegelt sich an diesem Morgen in einer klitzekleinen Eisschicht, die über dem Wasser liegt. „Selbst die Mücken verzichten darauf, in einem so sauren Wasser, in dem nicht mal Algen wachsen, ihre Larven abzulegen.“ Der im Zadlitzbruch bis zu 25 Millimeter hoch wachsende Sonnentau findet dennoch im Frühjahr und Sommer genügend kleine Fliegen, die an den klebrigen Tropfen seiner roten Tentakel hängen bleiben.

Was Frosch und Mann gemeinsam haben

Vor allem Asseln, Hundertfüßer und Spinnentiere landen im Maul des Moorfrosches, der sich besonders im März und April gut im Zadlitzbruch beobachten lässt. Roland Gempe zeigt auf einen unscheinbaren Baum im Wasser und erklärt: „Da seht ihr eine spezielle Moorfrosch-Sonnenbank.“ Genüsslich Parallelen zur Menschenwelt ziehend, erzählt er, dass die Moorfrosch-Männchen im Frühjahr in schönster blauer Farbe um die Weibchen buhlen. „Nur um“, so der Mönch, „nach der Hochzeit sogleich ins Alltagsgraugrün zurückzufallen.“ Bis zu elf Moorfrösche hätten sich auf diesen Baum schon gleichzeitig in der Sonne geaalt. Ein Platzproblem gibt es dennoch nicht, da die Frösche selbst in voller Größe nur rund vier Zentimeter messen. Kein Vergleich zu den bis zu zehn Meter großen Krokodilen, die selbst im November ihren Kopf aus dem Moorwasser heben. Viel Vorstellungskraft braucht es jedenfalls nicht, um die schwimmenden abgestorbenen Bäume als solche anzusehen. So im Exoten-Bann geschlagen, erzählt der Heidemönch auch gleich noch die Geschichte von dem Einhornpaar. „Es gibt“, so verrät er flüsternd das Presseler-Moor-Geheimnis, „in ganz Deutschland nur noch eins davon“. Doch leider würde es sich nur einmal im Jahr, und zwar immer am ersten Tag des Aprils sehen lassen.

Das geflüsterte Geheimnis

Auf das Einhornpaar müssen die Gäste im November also verzichten. Doch der eine oder andere wird wiederkommen, um sich das Moor auch in einer anderen Jahreszeit anzusehen. Denn davon hat sie Mönch Roland nach der zweistündigen Tour überzeugt: Das Moor hat viele Gesichter.

Prinzipiell kann der Zadlitzbruch, der in Nähe der Bad Düben und Torgau verbindenden Bundesstraße 183 liegt, auch auf eigene Faust erkundet werden. Eine Erkundung mit einem Führer ist aber die empfehlenswertere Variante. Mit Heidemönch Roland geht es das nächste Mal am 27., 29. und 30. Dezember jeweils um 10 Uhr in das Moor. Diese Wanderungen mit begrenzter Teilnehmerzahl stehen unter dem Motto: „Lass die Weihnachtsgans von der Hüfte fliegen“. Die Anmeldung, direkt bei Roland Gempe unter Telefon 0172/9668745, ist erforderlich. Die Kosten betragen zehn Euro je Person.

Von Ilka Fischer

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