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Orgeln im Kirchspiel Authausen – 32-jähriger Presseler hat große Pläne

Konzept Orgeln im Kirchspiel Authausen – 32-jähriger Presseler hat große Pläne

Schon als Kind war Christian Schmidt fasziniert vom Orgelspiel. Heute ist der inzwischen 32-Jährige aus Pressel (bei Bad Düben) selbst Organist und spielt auf dem Instrument Kirchenmusik genauso wie Filmmusik oder Rock und Pop. Und er hat große Pläne – unter anderem eine Orgelstraße, die auch durch Nordsachsen führt.

Christian Schmidt an der Orgel in Authausen.

Quelle: Wolfgang Sens

Authausen. Der Bass verschwindet irgendwo in den Tiefen des Instrumentes. Was draußen ankommt, ist gerade mal ein Oberton, der Rest verliert sich in einem breiten „Pffffff....“. „So lässt sich eine Gemeinde klanglich nicht mehr führen“, sagt Christian Schmidt. Dabei tanzen die Finger des Organisten behände über die Tasten, routiniert zieht der 32-Jährige die Register, entlockt dem betagten Instrument Töne, die für den Laien so unsauber gar nicht klingen. Der Fachmann  ist da anderer Meinung. „Das Holz ist vom Wurm zerfressen, der Blaseblag undicht, die Pfeifen sind schief und klanglich nicht in Ordnung, ebenso die Traktur“, beginnt er eine Mängel-Liste, die sich in weitere Details aufschlüsseln ließe. „Wer die Presseler Orgel hört, weiß, wie eine Orgel klingen muss“, sagt er noch und stimmt das  nächste Musikstück an.

Christian Schmidt führt bewusst diese zum Vergleich heran. Die 110 Jahre alte Rühlmann-Orgel wurde 2014 restauriert, am Blasebalg waren erste Risse zu sehen, die Orgelpfeifen mussten gereinigt werden, zudem wurden 43 Frontpfeifen erneuert. Schmidt war federführend bei den Arbeiten beteiligt. Fünf Monate brauchte Orgelbaumeister Benjamin Welde aus Zittau, um das Instrument technisch und klanglich wieder in den Originalzustand zu versetzen. Im Vergleich zur Vorbereitungszeit ein Klacks, wenn man bedenkt, dass es Jahre dauerte, ehe die Sanierung dank Spenden und Fördermitteln finanziell gesichert war.

Das Konzept umfasst alle Orgeln

Ein zäher Prozess, der dennoch nicht von neuen Zielen abhält. Zum Kirchspiel Authausen gehören weitere Kirchen und damit auch Orgeln, die nicht im besten Zustand sind. Gemeinsam mit Pfarrer Andreas Ohle hat Christian Schmidt ein mittlerweile vom Gemeindekirchenrat abgenicktes Nutzungskonzept erarbeitet. Greift es, können nach und nach alle Instrumente in Ordnung gebracht werden. Ein ehrgeiziges Vorhaben, aber wer den jungen Mann sieht, wie er die Orgel spielt und lebt, zweifelt nicht an der Umsetzung. Auch wenn es Zeit kostet und Geld. Zwischen 32 000 und 40 000 Euro pro Instrument sind veranschlagt. Die müssen erstmal gesichert sein. Die Kirchgemeinde hofft auf Spenden, private Stiftungen und Fördermittel, um all das in den nächsten Jahren stemmen zu können. „In Durchwehna, wo die von Schimmel befallene Orgel 1980 abgerissen wurde, habe ich auch schon Überlegungen angestellt, ein neues Instrument zu installieren“, denkt Schmidt noch weiter.

Planung für Authausen läuft

Die Orgel im kirchenmusikalischen Zentrum der Gemeinde – in Authausen – ist das wohl wichtigste und teuerste Projekt. Die Vorplanung läuft, ebenso die Korrespondenz mit der Orgelbaufirma zur technischen Umsetzung. Das 1842 erbaute Instrument soll komplett überarbeitet werden, die Technik ist hinüber und rund 500 Holz- und Metall-Pfeifen werden ausgetauscht, „damit sie klanglich den Ansprüchen genügt“. Die Instrumente in Görschlitz und Kossa sind dagegen etwas kleiner, ihr Zustand fast noch so wie zu Erbauer-Zeiten.

Pfarrer Andreas Ohle ist froh, mit dem Presseler jemanden in der Gemeinde zu haben, der sich so intensiv kümmert. „Unsere Bau-Projekte sind fast alle durch. Der Rückbau der Friedhofsmauer in Görschlitz muss noch erfolgen, ebenso die Sanierung des Taufbeckens in Pressel.“ Das Orgel-Projekt ist ein riesiges, das weiß auch Ohle. Aber es sei wichtig, „da, wo keine Orgel ist, ist der Gottesdienst schwierig durchzuführen.“ Dass Christian Schmidt ungewohnte, weltliche Töne einbringt, freut ihn: „Ich finde das erfrischend und ich merke, dass das nicht nur bei jungen Besuchern ankommt.“

Im Alter von 13 Jahren entdeckte Christian Schmidt seine Liebe für die Königin der Instrumente. „Da habe ich mich einfach mal an die Orgel gesetzt, vom leisesten bis zum lautesten Ton alles ausprobiert.“  Der Klang faszinierte ebenso wie die vielen klanglichen Variationen. Aus dem Ab und An wurde mehr. Bei Gleichaltrigen, die nicht verstanden, warum er nicht lieber mit Fußball spielte, sorgte die Begeisterung für die Kirchenmusik eher für ein mildes Lächeln. Der damalige Pfarrer Peter Trommer nahm sie ernst, riet ihm: „Nimm doch mal Unterricht.“ Das tat er – beim Bad Dübener Kantor Norbert Britze. Schon bald war das Spiel des jungen Mannes fester Bestandteil der Gottesdienste. Und ist es noch. Selbst aus Nachbargemeinden kommt ab und an die Anfrage: „Kannst Du ...?“ Er kann. Sehr zur Freude der Besucher. „Sie sind froh, wenn ich da bin. Das Orgelspiel gehört doch zum Gottesdienst.“

Anfangs noch gemäß den Vorgaben der Kirchenmusik erarbeitete sich Christian Schmidt im Hör- und Probier-Modus  schnell eigene Stücke, Filmmusiken, Rock und Pop, Klassik oder Szene-Musik.  „Ich bin doch kein Kind von Traurigkeit“, sagt er und intoniert die Erkennungsmelodie der Star-Wars-Filme, lässt Gigi D’Agostino oder den Fluch der Karibik ertönen, hat mit der Kaiser-Hymne und dem Zirkusmarsch zu Silvester und somit eher militärischen Takten kein Problem. „Ich kann frei entscheiden, was ich spiele“, sagt der Kirchenmusiker. Notenblätter liegen selten vor ihm. Mit klassischer Literatur tue er sich eher schwer, in puncto Gesangbuch-Lieder räumt er lächelnd ein: „Da quäl’ ich mich ganz schön und muss das zu Hause intensiv vorbereiten.“

Fast jede freie Minute für die Musik

Trotz aller Begeisterung, das Thema Orgel bleibt für Christian Schmidt eines, dem er sich ausschließlich in der Freizeit widmet. Das aber voll und ganz: „0-8-15 geht nicht, das muss perfekt sein.“ „Lern was richtiges“, rieten ihm die Eltern einst. Tagsüber arbeitet er in der Werkzeug-Technologie bei Profiroll in Bad Düben. Fast jede freie Minute gehört der Musik. Christian Schmidt hat viel vor, nicht nur, was die Sanierung der Orgeln betrifft. Ihn interessiert alles, was die Instrumente mit dem Firmenschild Wilhelm Rühlmann, Zörbig, betrifft. 137 Instrumente hat er in Deutschland besucht, auf ihnen gespielt, Fakten zu deren Geschichte zusammengetragen. Stolz ist er auf das Probespiel auf dem Instrument der Berliner Philharmonie, im Berliner Dom oder auf der Dom-Orgel in Verden. Ein bisher unerfüllter Traum liegt von der Entfernung her eigentlich ganz nah – die Schuke-Orgel im Leipziger Gewandhaus.

Weitere Projekte im Blick

Call a Concert ist ein weiteres Projekt, dem er sich widmet. „Für die Bürger sollen, auch für Nicht-Kirchenmitglieder und Firmen, außerhalb öffentlicher Konzerte für private Anlässe kleine private Orgelkonzerte organisiert werden.“ Für ihn ein großes Anliegen. Denn auch wenn die Instrumente in Gottesdiensten und Kasualien in erster Linie ihren liturgischen Dienst erfüllen, so sollen sie doch auch den Menschen nahegebracht werden.

Der Musiker blickt zudem über die Kirchspiel-Grenzen hinaus. Die Orte der Dübener Heide könnten Stationen der Rühlmann-Orgelstraße werden, die von Berlin über Jüterbog, Herzberg, durch Pressel und weiter nach Mühlhausen führen könnte. „So etwas ähnliches gibt es schon mit Silbermann-Orgeln“, sagt Christian Schmidt. Und er denkt noch weiter. Die Universitäten Berlin, Halle-Wittenberg sowie die Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ und die einschlägigen kirchenmusikalischen Einrichtungen könnten für Unterrichtszwecke interessiert und einbezogen werden, da so die verschiedenen Instrumente aus verschiedenen Epochen konzentriert beieinander liegen und hier ein praxisbezogener Unterricht durchgeführt werden könnte. Angeboten werden sollen jährlich mehrere Orgelkonzerte mit verschiedenen Organisten.

Zum Konzept gehört auch der Lutherweg, der durch Authausen führt: „Viele Radtouristen suchen offene Kirchen und tolle Instrumente. Das Kirchspiel bietet dieses an, Kirchenbesichtigungen gibt es auch ohne Anmeldung.“ Orgelexkursionen oder -wanderungen in kleinen Gruppen per Rad oder Kremser sollen angeboten werden. Und gar nicht so weit weg gedacht ist, dass das, was die Authausenerin Andrea Pasenau heute schon mit den Fünf- bis Sechsjährigen praktiziert, ausgebaut wird – nämlich, dass die Erst- bis Viertklässler der nur 20 Meter entfernten Grundschule ihren Musikunterricht an die Orgel verlegen und den Kindern so Werte von Musik vermittelt werden. „Vielleicht auch die Lust am Erlernen eines Instruments“, sagt Christian Schmidt und greift wieder in die Tasten.

Kontakt zum Orgelspieler: christian.widor@hotmail.de

Von Kathrin Kabelitz

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