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Pinocchio erobert die Herzen in der Dübener Heide

Pinocchio erobert die Herzen in der Dübener Heide

Lautes Geknatter dröhnt durch das idyllische Hammerbachtal nahe der nordsächsischen Kurstadt Bad Düben. Es klingt, als ob Holzfäller mit schwerem Gerät zu Werke gehen.

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Hier entsteht ein großer Kerl mit großer Nase: Künstler Dirk Hantschmann aus dem sächsischen Radeberg (Landkreis Bautzen) lässt sich von der bekannten Kinderbuchfigur Pinocchio inspirieren und landet auf Platz 2.

Quelle: Heike Nyari

Tornau. Und tatsächlich, Kettensägen schaben sich gewaltig kreischend an mächtigen Baumstämmen entlang und Späne fliegt durch die trockene, windige Sommerluft.

 Auf einer großen Wiese inmitten des Naturparks Dübener Heide wird lautstark gefeiert. Dort geht der 16. Internationale Holzskulpturen-Wettbewerb über die Bühne. Es ist das größte Sommerfest in dieser ländlich geprägten Region, bei dem diesmal Künstler aus Dänemark, der Ukraine, Litauen und Großbritannien hauptsächlich mit Kettensägen aus bis zu vier Meter hohen Baumstämmen von Pappeln und Eichen imposante Holzfiguren entstehen lassen.

16. Holzskulpturenwettbewerb in Tornau bei Bad Düben.

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 Bereits am Samstagmittag können die Zuschauer einige Skulpturen in groben Zügen erahnen. Da ragt beim Riesenklotz von Dirk Hantschmann aus dem sächsischen Radeberg (Landkreis Bautzen) die lange Nase von Pinocchio aus dem Holz. Der Kopf eines gewaltigen Hundes, den Axel Glanz aus dem Fläming in Sachsen-Anhalt aus einem Stamm schält, erhebt sich gleich daneben in den blauen Himmel. Und eine süße Schweineschnauze streckt sich dem Betrachter am Stand von Holzschnitzer Torben Moeller aus Dänemark entgegen.

 "Insgesamt haben wir heute 42 Künstler am Werkeln", freut sich Udo Reiss (48) über eine gute Beteiligung. Wie der frisch gewählte Ortsbürgermeister des 600-Seelen-Dorfes Tornau sagt, sind die Akteure aus fünf Bundesländern angereist. Weitere aus europäischen Nachbarländern sorgen für internationales Flair. Laut Reiss gehören mittlerweile zwei Drittel der Holzkünstler zum Stamm-Ensemble des Kettensägen-Spektakels, das alljährlich in dem kleinen Dorf stattfindet, ebenso wie die heimischen Händler, die einen großen Heidemarkt mit ihren Produkten bereichern. Viele von ihnen haben an diesem Samstag ganz schön zu tun, dass ihnen die Waren nicht davon flattern. Auch wenn der angekündigte Sturm "Zeljko" die Dübener Heide nicht in voller Wucht passiert, ist die Wetterlage böig. Die Kräuterfrauen Gabi Schumann und Freya Petra Hörnig sind deshalb ständig am Aufrichten ihrer kleinen Pflanzentöpfchen. Zwischenzeitlich müssen die Veranstalter sogar zahlreiche Zeltüberdachungen aus Sicherheitsgründen entfernen. Passiert ist aber zum Glück nichts.

 Über den Festplatz wandelt auch ein besonders auffällig gekleidetes Paar: "Die diesjährige Köhlerliesel ist männlich", scherzt Emil Gaber (71), der sich Besuchern als Köhlerhans vorstellt - die neue Symbolfigur in der Heide-Region. Schließlich gibt es hier noch eine echte Köhlerei, die Holzkohle produziert. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Vereins Dübener Heide, der den Naturpark seit 1992 entwickelt, wurde die Idee geboren, der eigentlichen Repräsentantin der Region, der Köhlerliesel, eine Begleitung an die Seite zu stellen. "Unsere Köhlerliesel schwärzt den Männern die Wange und ich male die Frauenwelt an", erzählt Gaber und zieht mit Köhlerliesel Cornelia Schörner weiter.

 Von alledem bekommt Jürgen Pisarz nichts mit. Der Bad Dübener Bildhauer hatte seine kreative Ecke am gegenüberliegenden Ende des Geschehens, etwas versteckt ganz am unteren Teil der Skulpturenwiese. "Das ist mittlerweile mein Stammplatz, den ich nicht mehr missen möchte", sagt der 62-Jährige, der bereits zum achten Mal dabei ist. Hier sei es etwas ruhiger, windstiller und vor allem schattiger. Und genau an dieser Stelle stehen bereits fünf vom Zahn der Zeit angenagte Pisarz-Werke. Zwei weitere hat die Natur bereits zu sich genommen. So ist das eben mit dem Naturmaterial Holz und der vergänglichen Kunst für einen Wimpernschlag der Zeit. Seit drei Jahren erfährt Pisarz tatkräftige Unterstützung von Heiko Kapke aus dem nahen Dorf Brösa. Diesmal machen die Männer gemeinsame Sache. Die Skulptur "Ein Knick" entsteht. Ziel sei es, mit möglichst wenig Formenelementen so viel wie möglich auszudrücken. Also wird beim Arbeiten alles auf das Nötigste reduziert. Aus diesem Grund ergäbe sich auch zwangsläufig eine lakonische Namensgebung. "Die Reaktionen auf meine Skulpturen fallen sehr unterschiedlich aus", erzählt Pisarz. Sie reichten von "unverständlichem Kopfschütteln und Ablehnung bis hin zu lobenden Worten und aufrichtiger Begeisterung". Aber über Kunst ließe sich wunderbar streiten und die Geschmäcker seien eben verschieden.

 Ähnlich sieht das auch Günther Wurl, der mit seinen 73 Jahren der älteste Teilnehmer des Events ist. "Ich bearbeite keinen Baumstamm", erklärt der Leipziger, der aus Schalbretter zusammengesetzte Holzplatten benutzt. "Das Material habe ich mitgebracht, vor Ort geklebt und mit einem elektrischen Fuchsschwanz zurecht gesägt", so der Aktionskünstler, der bereits das 14. Mal in der Dübener Heide schnitzt. Die Skulptur, in der man eine schlanke Frau und einen wohlbeleibten Mann erkennt, nennt er leicht satirisch angehaucht "Gesägte Kontraste".

 "Dieses Fest verbindet Heimat, Tradition und Kunst, was für viele Menschen sehr reizvoll ist", sagt Enrico Schilling vom veranstalteten Verein. Die rund 6000 Besucher kämen aus allen Himmelsrichtungen in das Hammerbachtal, was die vielen Autokennzeichen beweisen. "Grundsätzlich bewegt sich unsere Veranstaltung auf einem relativ hohen Level und wir sehen keinen Grund, etwas am Konzept zu ändern", fügt Ortsbürgermeister Reiss hinzu. So dürfte dem 17. Fest am letzten Juli-Wochenende 2016 nichts im Weg stehen.

 

 

 Gewinner:

 1789 Festbesucher haben abgestimmt: Der Zuschauerpreis 2015 geht an Axel Glanz aus Sachsen-Anhalt für die Skulptur "Der große Wurf". Platz zwei: Dirk Hantschmann für "Pinocchio" und Platz drei erreichte Steffen Rupf aus Sachsen für "Tierisch gute Kunst".

 Auch die Jury prämierte Skulpturen. Platz eins erreichte Christian Schmidt aus Thüringen, Platz zwei Dieter Krüger aus Thüringen und Platz drei der Däne Torben Moeller für "Schweinerei".

 Den Köppe-Preis, benannt nach Heidemaler und Fest-Erfinder Wolfgang Köppe, wurde an Buckland John, Evens Callum und Shaughnessy Patrick, alle drei aus England, vergeben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.07.2015
Von Heike Nyari

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