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Streit um Grippe-Impfstoff – das sagen Nordsachsens Ärzte

Dreifach- oder Vierfachschutz? Streit um Grippe-Impfstoff – das sagen Nordsachsens Ärzte

Der neue Grippe-Impfstoff ist umstritten. Während die Sächsische Impfkommission einen Vierfachschutz empfiehlt, fordern die Krankenkassen die Ärzte in Sachsen auf, aus wirtschaftlichen Gründen nur preiswertere Mittel mit einem Dreifachschutz zu spritzen. Wir haben die Mediziner in Nordsachsen zu dem Thema befragt.

Grippeimpfung: Auch Birgit Kern beugt in der Praxis der Delitzscher Ärztin Britta Fischer vor.

Quelle: Manuel Niemann

Nordsachsen. Die Grippesaison steht vor der Tür – und auch in Nordsachsen lassen sich nun wieder viele Menschen impfen. Doch was ist der richtige Impfstoff? Während die Sächsische Impfkommission einen Vierfachschutz empfiehlt, fordern die Krankenkassen die Ärzte in Sachsen auf, aus wirtschaftlichen Gründen nur preiswertere Mittel mit einem Dreifachschutz zu spritzen. Wer als Patient den Vierfachschutz möchte, muss im Regelfall extra zahlen. Auch viele Mediziner in Nordsachsen sind mit dieser Praxis der Krankenkassen nicht einverstanden, wie unsere Umfrage zeigt.

„Die Zweiteilung wird uns so von den Krankenkassen vorgeschrieben, nun schon seit etlichen Jahren“, stellte Detlef Worlitzer, Allgemeinmediziner in Rackwitz, klar. „Die achten natürlich auf preiswertere Mittel.“ Er habe aber noch nicht festgestellt, dass diese schlechter wirken oder Folgeerkrankungen entstehen. „Ich bin kein akademischer Mediziner mit eigenem Labor, um das überprüfen zu können. Was mich als Mediziner stört, sind die Vorgaben. Das ist für mich ein Einschnitt in die ärztliche Freiheit: Früher hatten wir einen höheren Durchimpfungsgrad, die Menschen waren weitgehend ‚durchgeimpft‘. Heute ist der Anteil geringer, es sollen eher die Über-Sechzigjährigen und chronisch Erkrankten geimpft werden. Wenn du zu viel impfst, kommst du in den Verdacht, nicht wirtschaftlich zu sein. Dann droht eine Wirtschaftlichkeitsprüfung.“ Hinzu komme, dass – nachdem die Impfungen Zusatzleistungen sind – nicht mehr nur die Haus- und Kinderärzte impfen, sondern auch Fachärzte diese Leistung anbieten, weil sie Geld bringt. Worlitzer: „Der Partner wird beim Frauenarzt gleich mitgeimpft oder die Eltern beim Kinderarzt. Vor drei Jahren führte das bei mir dazu, dass ich auf 150 Impfdosen sitzen blieb. Jetzt bestelle ich nicht mehr so viele Dosen.“

400 Impfdosen bestellt

Auch Britta Fischer, Allgemeinmedizinerin in Delitzsch, betont: „Wir müssen den Impfstoff nehmen, den uns die Kassenärztliche Vereinigung vorschreibt. Die Vereinigung hat Hauptverträge abgeschlossen und uns zwei Stoffe mitgeteilt, die die Kasse trägt. Ich wähle dann einen aus: Den, der sich am besten ‚sticht‘ und dessen Kanülen gut handelbar sind. Ein Vierfachimpfstoff war in diesem Jahr nicht dabei, wobei ich glaube, dass diese Praxis mit Rabattverträgen im nächsten Jahr abgeschafft wird. Das wäre gut.“ Dieses Jahr hat Britta Fischer 400 Impfdosen bestellt. „Ich habe mich dabei an die Rabattverträge gehalten. Für chronisch oder Schwerstkranke wie Krebspatienten halten wir natürlich auch den anderen Wirkstoff in 20 Dosen bereit. Im Allgemeinen reicht für die Bevölkerung auch der Wirkstoff, den die Kassenärztliche Vereinigung vorschreibt. Wenn Nicht-Kranke nach dem anderen fragen, bekommen sie ihn auf Privatrezept.“

„Es wird zwar vermehrt nach dem anderen Impfstoff nachgefragt, aber viele nehmen dann doch Abstand, wenn sie hören, dass sie dafür zahlen müssen“, erzählt Ingeborg Fritzsche, Allgemeinmedizinerin in Eilenburg. „Wir bieten in unserer Praxis den günstigeren Impfstoff an. Von der Krankenkasse wurde uns übermittelt, dass diese den Vierfachimpfstoff nicht übernimmt. Normalerweise würde ich diesen impfen, aber für viele Menschen, gerade die älteren, sind diese Mehrkosten nicht möglich. Wer ihn trotzdem möchte, bekommt ein Privatrezept und muss die Kosten tragen. Ich empfehle das aber nicht, sondern impfe diesen nur, wenn danach gefragt wird. Andererseits hatte ich auch mit der anderen Impfung sehr wenige Grippefälle, auch in den Pflegeheimen, die ich betreue. Das war im letzten Jahr – wie es dieses Jahr wird, weiß ich nicht.“

Impfzeit hat gerade begonnen

„Wir müssen unseren Patienten den Dreifachimpfstoff geben. Dies wurde uns so schriftlich mitgeteilt, daher handhaben wir das auch so“, wirbt Heinz Drobner, Allgemeinmediziner in Mügeln, für Verständnis. „Wenn die Patienten dennoch den Vierfachimpfstoff wünschen, müssten sie diesen leider aus eigener Tasche zahlen. Uns sind da wirklich die Hände gebunden.“ Die Impfzeit selbst habe jetzt erst begonnen. „Es kann natürlich so lange, wie es notwendig ist, geimpft werden. Doch sinnvoll ist es, dies jetzt zu tun. Es dauert etwa 14 Tage, bis die Immunisierung einsetzt.“

„Es ist ja nicht die Kassenärztliche Vereinigung, die diesen Druck macht, es sind die Krankenkassen, die das vorschreiben“, sagt auch Werner Fichtner, Allgemeinmediziner in Schönwölkau. „Das ist eine reine finanzielle Sache, obwohl es vielleicht sieben Euro mehr kosten würde. Es gibt Studien, die nahelegen, dass diese Mehrkosten durch die Erkrankungen, die nicht entstehen, sich auszahlen würden. Ich bin 75 und lege mich mit den Kassen nicht mehr an. Wir machen das so, wie sie es verlangen. Wenn die Patienten dann doch krank werden, dann müssen die Kassen die Kosten tragen. Von den Patienten habe ich auch keine Nachfrage nach anderen Mitteln – was aber daran liegt, dass sie die Informationen nicht haben können.“ Allerdings gebe es auch mit dem teueren Impfstoff keine absolute Sicherheit, nicht krank zu werden. „Die hat man nie!“

Aufpreis von 23 Euro

Auch in der Praxis von Allgemeinmediziner Holger Reichert in Mügeln erhalten die Impfwilligen zum überwiegenden Teil den Standardwirkstoff mit Dreifachschutz. „Der ist für die Kassenpatienten, das Gros meiner Patienten, der Standard, weil ohne Zuzahlungen erschwinglich – wie eben für die meisten Patienten im ländlichen Raum“, sagt er. Die Differenz zum Vierfachschutz liegt bei einem finanziellen Aufpreis von 23 Euro. „Mein Personal, meine Familie und ich sind damit abgesichert und eigentlich sollte dieser Rundumschutz auch allen anderen zur Verfügung stehen“, kritisiert Reichert die vorhandene Zweiteilung. Aber das sei wie bei so vielen anderen Dingen im Gesundheitswesen eben nach wie vor eine Sache von Standard- und Luxusvariante. Reichert rechnet übrigens damit, dass erst nach dem Jahreswechsel eine Welle der echten Grippefälle anrollt. „Leider erwacht auch immer erst dann das Bewusstsein bei den Leuten, sich dagegen impfen zu lassen.“ Er empfiehlt deshalb, jetzt schon Vorsorge zu leisten. „Kurz vor dem Beginn der kalten Jahreszeit ist dafür wirklich der ideale Zeitpunkt.“

„Wir bieten unseren Patienten eine Grippeschutzimpfung an. Dafür haben wir ein Präparat vorrätig, das wir unseren Dialyse- und Nierenkranken anbieten können, wenn sie sich bei uns behandeln lassen und sich vor Grippe schützen wollen“, sagt Frank Taupitz, Internist in Bad Düben. „Ich habe gehört, dass es noch andere Impfstoffe gibt, aber bislang haben wir danach keine Nachfrage.“

Von Manuel Niemann, Christian Kunze und Kristin Engel

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