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Urlaub ohne Strahlung in der Dübener Heide: Kinder aus Weißrussland sagen Danke

Urlaub ohne Strahlung in der Dübener Heide: Kinder aus Weißrussland sagen Danke

Ein großer gelber Bus steht in der Nähe der Festbühne in Authausen. Der Weißrusse Igor Kowalew ist damit nicht nur 1400 Kilometer von dem kleinen Dorf Saschirje nach Deutschland gefahren, um 20 junge Tänzerinnen und einen Tänzer mit ihren Betreuern zu transportieren.

Mit Tanzeinlagen bedanken sich die Mädchen des Folklore-Ensembles Soneijka beim Publikum des Musikfestes in Authausen.

Quelle: Heike Nyari

Authausen. Für ihn bedeutet das mehr: "Die Zukunft sind unsere Kinder." Und dafür will er etwas tun.

Der 53-Jährige ist Mechaniker. Vor 24 Jahren rief ein Freund von ihm ein Hilfsprojekt ins Leben. Um die Strahlenbelastung nach dem Tschernobyl-Unglück wenigstens für einige Zeit für einige Kinder zu mindern, werden Urlaubsreisen organisiert. Nach Italien, Deutschland, Belgien und in andere Länder. Auch Hilfsgütertransporte sind dabei. All diese Busse muss jemand fahren - zum Beispiel Igor Kowalew. Er nimmt dafür Urlaub und bekommt kein Geld. Im Laufe der Jahre hat er gut Deutsch gelernt. Das Talent liegt wohl in der Familie, seine beiden Kinder sprechen drei Sprachen fließend. Manchmal werde er gefragt, warum er denn nicht versucht, in Deutschland zu bleiben. "Nein, niemals", sagt der Weißrusse. "Ich muss zu Hause bleiben und dort viel machen."

Eines der Hilfsprojekte, die er als Busfahrer unterstützt, ist die Elterninitiative für Saschirje. Rainer Winkler aus Leipzig hat sie 1994 mit ins Leben gerufen, kooperiert seit vielen Jahren eng mit der Gemeinde Laußig und Bürgermeister Lothar Schneider (parteilos). Deshalb sind die Kinder auch oft in der Heide-Region zu Gast, so voriges Wochenende beim großen Musikfest mit dem Chortreffen in Authausen. Der 62-jährige Winkler erzählt von der Hilfe, dem Dorf Saschirje und seiner Liebe zur Folklore. Darüber hat er vor Jahrzehnten seine Diplomarbeit geschrieben, bis heute ist er ein begeisterter Volkstänzer. Beim Leipziger Stadtfest 1994 war das Sonejka-Ensemble vor Ort. Damals wurden Gastfamilien für die Tänzer gesucht. Rainer Winkler öffnete sein Haus, lernte die Menschen kennen und sagte zum Abschied: "Ihr solltet uns wieder besuchen!" So entstand ein eigenes Projekt, das vieler Anträge, Genehmigungen und Sponsoring bedarf.

360 Kinder sind seitdem in die Region gekommen. Auftritte und Urlaub heißt die gute Mischung. So sind die jungen Tänzerinnen nicht nur in der Dübener Heide unterwegs, sondern diesmal auch in Bad Lausick. "Wir waren in Leipzig, haben aber auch in Berlin das Brandenburger Tor gesehen und unter der Weltkugel auf dem Alexanderplatz gestanden", sagt der 14-jährige Kyril Rudnitzki, der einzige Junge im Ensemble, der Akkordeon spielt.

Wichtigster Aspekt ist aber die Gesundheit. Zwei Strahleninstitute hätten bestätigt, dass drei Wochen Urlaub in Deutschland, verbunden mit gesunder Ernährung, das Strahlenpotenzial um 15 Prozent senken kann, so Winkler. Saschirje liege 80 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt.

Das durchschnittliche Gehalt eines Erwachsenen im Dorf betrage 300 Euro. Die Grundversorgung garantiere der Staatsbetrieb, der heute noch "Kommunist" heißt. Brot, Milch, einfache Wurst sind billig, aber alles darüber hinaus wie Kaffee, Schokolade und Kleidung "sehr teuer". Die meisten Familien betreiben noch eine kleine Landwirtschaft. Es habe wohl mit einer Mischung aus Nichtwissenwollen, Gewohnheiten und knappen Finanzen zu tun, dass viele Einheimische Pilze aus dem Wald, Gemüse aus dem Garten und Fische aus dem Fluss essen - obwohl all dies nach wie vor verstrahlt sei. "Die Oma sagt, das habe ich mein ganzes Leben so gemacht, jetzt ändere ich das nicht mehr", erzählt der Deutsche, der schon oft Saschirje besucht hat.

Weil das Geld knapp ist, arbeiten die Eltern vieler Kinder in mehreren Jobs, kommen abends spät nach Hause. Ganz wichtig sei deshalb das Kulturzentrum im Dorf. Ein Großteil der Kinder nutzt es: Die Mädchen und Jungen tanzen, singen, spielen Instrumente, treiben Sport. Dort ist auch das Sonejka-Ensemble ansässig. Die Reise nach Deutschland ist für die Mädchen eine Auszeichnung. Das sei etwa so, als wenn zu Jugendlichen in der DDR in den 1970er Jahren jemand gesagt hätte, sie dürfen nach Frankreich fahren.

Elisayetta ist aufgeregt. Sie ordnet ihre weiß-rote Tracht, handgewebt. Die Zehnjährige ist zum ersten Mal in Deutschland und selbst in Weißrussland nicht zu Hause; ihre Eltern sind aus der Ukraine nach Saschirje geflüchtet. "Mir gefällt's hier sehr", sagt das Mädchen auf Weißrussisch, dass sich vom Russischen in Nuancen unterscheidet. Alles sei schön: "die Häuser und das Rumfahren und die Auftritte und wenn die Leute sich freuen und klatschen". Die 15-jährige Anja ist zum fünften Mal dabei. "Es ist eine herrliche Atmosphäre", meint sie. "Die Gastfamilien sind so emotional und ich lerne viel Neues kennen."

Das bestätigt Ensemble-Leiterin Evgenija Shadrina, eine bekannte Folklore-Lehrerin in Weißrussland. "Ich sehe, wie sich die Kinder, die mehrere Jahre mitgefahren sind, vor meinen Augen verändern. Ihr Blick weitet sich, sie stellen höhere Anforderungen an sich", sagt sie. Auch seien sie zum Teil kritischer mit ihren Eltern. Wie alle Betreuer des Hilfsprojektes betont die Leiterin, wie wichtig den Kindern die Auftritte sind. Sie wollen damit etwas zurück geben.

In Authausen tanzen und singen die Kinder in ihren mehrschichtigen Trachten mit einer Begeisterung. Hunderte Gäste schauen zu, applaudieren. Die alten Gesänge und Tänze, begleitet von Akkordeon und Trommel, erzählen vom Feilschen über den Preis einer Kuh, von Hänseleien unter Nachbarn und Spötteleien über den Bräutigam: "Warum sucht die sich gerade den aus?!" Das Dorfleben steht im Mittelpunkt. Auch in Saschirje lebt diese Tradition, bei einer Hochzeit wird genauso getanzt und gesungen.

Am Sonntag ist der gelbe Bus zurück nach Saschirje gefahren. Bis auf ein nächstes Wiedersehen in der Dübener Heide - vielleicht 2016.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.07.2015
Claudia Carell/Ilka Fischer

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