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Vor über 70 Jahren wird Schnaditz neue Heimat für Umsiedler-Familien

Flucht und Vertreibung Vor über 70 Jahren wird Schnaditz neue Heimat für Umsiedler-Familien

Große Wiedersehensfreude im Bürgerhaus in Schnaditz. Hier trafen sich jetzt Einwohner und ehemalige Schnaditzer, die 1940 ihre Heimat Galizien verließen. Sechs von ihnen leben auch heute noch im Bad Dübener Ortsteil.

Von den damaligen Umsiedlern leben heute noch Christine Sonnenberg, Wanda Lenardt, Eduard Seidel, Rosa Obst, Anni Koch und Albert Seidel (von links) in Schnaditz. Die 95-jährige Constance Volkmann (Dritte von rechts) aus Bad Düben kümmerte sich damals, dass die Umsiedler eine Unterkunft im Schnaditzer Schloss bekamen.

Quelle: Steffen Brost

Schnaditz. Große Wiedersehensfreude im Bürgerhaus in Schnaditz. Hier trafen sich jetzt Einwohner und ehemalige Schnaditzer, die 1940 ihre Heimat Galizien verließen. Sechs von ihnen leben auch heute noch im Bad Dübener Ortsteil. Andere zogen später durch Heirat und Beruf weg.

Albert Seidel erlebte die Geschichte als kleiner Junge hautnah mit, als er damals mit seinen Eltern in Schnaditz angesiedelt wurde. Jetzt sind 70 Jahre vergangen. Seidel ließ die Geschichte am Wochenende in einem Vortrag noch einmal lebendig werden. „Wir wollen über die alten Zeiten reden. Es gibt auch einige Bilder zum Anschauen“, sagte der heute 81-Jährige.

Galizien gehörte bis zum Ersten Weltkrieg zu Österreich und Ungarn. Danach zu Polen. Hitler und Stalin beschlossen ein Abkommen, wodurch alle dort lebenden Deutschstämmigen freiwillig nach Deutschland auswandern dürfen. Der größte Teil nahm das Angebot an. „Bis wir letztlich in Schnaditz ankamen, haben wir viel durchgemacht. Von Anfang 1940 haben wir mehrere Lager durchwandert, bis wir in dem ehemaligen Warthegau im Bezirk Posen angesiedelt wurden. Im Januar 1945, als die Front des Zweiten Weltkrieges immer näher kam, mussten wir auf Befehl unseren neuen Heimatort verlassen. Nach drei Wochen Flucht kamen wir in Eilenburg an. Von hier aus wurden wir auf mehrere Dörfer verteilt. Überwiegend bei Bauern“, erzählte Seidel.

Von diesen Dörfern aus haben damals die Umsiedler versucht eine sogenannte Neubauernstelle zu bekommen, um so wieder einen bleibenden Wohnort zu erhalten. Sie hatten Glück. Nachdem alle Gebiete in Mitteldeutschland im Juli 1945 von den Amerikanern an die Sowjetunion übergeben wurden, begann bald danach die Enteignung der Gutsbesitzer und der Großbauern, die über 100 Hektar Grundbesitz besaßen. Auch in Schnaditz wurde der damalige Besitzer enteignet und das Land im Zuge der Bodenreform neu vergeben. In Schnaditz waren es zunächst 32 Menschen, die Feldstücke und Tiere erhielten. „Das wurde aber nur so auf dem Papier vollzogen. Denn alles wurde unter der Leitung des Gutsverwalters weiterhin gemeinsam mit allen neuen Besitzern bewirtschaftet. Dass das Gut nicht wirklich aufgeteilt wurde, stieß später der Kommandantur in Delitzsch bitter auf. Anfang 1946 gab es eine neue Verlosung von 42 Neubauernstellen“, berichtete Seidel.

Unter diesen Bewerbern waren auch diejenigen, die durch Flucht im Jahre 1945 ihren Wohnort und ihren Besitz zurücklassen mussten. Im März 1946 wurden die Flächen und das Inventar neu aufgeteilt und verlost. Das ehemalige Gut Schnaditz besaß damals 512 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche aus Wald, Wiesen, Weiden und Ackerland. Außerdem Pferde, Ochsen, Kühe, Kälber, Rinder, Schweine und eine Schafherde. Doch auch das Problem der Unterkunft musste gelöst werden. Im Schloss Schnaditz selbst kamen 13 Familien in den Räumen unter. An diese Zeit kann sich die Bad Dübenerin Constance Volkmann (95) heute noch gut erinnern. Sie arbeitete damals als Sekretärin des Administrators Kundler im Schloss und musste die Verteilung der Wohnungen vornehmen. „Ich habe organisiert, dass alle eine Unterkunft bekamen. So wie das heute Wohnungsunternehmen machen“, sagte Constance Volkmann.

Albert Seidel berichtete auch, dass die ersten Jahre im Schloss nicht einfach waren. Alle lebten sehr beengt zusammen. In den ersten Jahren nach Kriegsende wurde zudem viel geheiratet, weil die ersten Soldaten aus der Gefangenschaft zurückkehrten. 1949 bauten die Menschen Häuser und Stallungen in der heutigen Lindenallee. Die Neubauern zogen dann nach und nach in ihre Häuser. Das Schloss diente in dieser Zeit immer wieder Wohnungssuchenden als Zuflucht. Aber hier fanden später auch der Kindergarten, Kulturräume, Schwesternzimmer und die Feuerwehr Unterkunft. Heute ist das Schloss sanierungsbedürftig. Amerikanische Investoren haben das Objekt erworben und wollen es schrittweise wieder originalgetreu gestalten.

Von Steffen Brost

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