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183 Asylbewerber - Böhlen zwischen Solidarität und Frust

183 Asylbewerber - Böhlen zwischen Solidarität und Frust

Noch mehr: Am Freitag sind schon wieder Flüchtlinge am Apart-Hotel in Böhlen angekommen. Damit erhöht sich die Zahl der hier untergebrachten Asylsuchenden auf 183. Die kleine Stadt sieht sich der ständig wachsenden Zahl nicht mehr gewachsen.

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Mit Taxen aus Chemnitz kamen am Freitag mehr als 20 Asylbewerber ins Apart-Hotel Böhlen.

Quelle: Andreas Döring

Böhlen. Für viele, die seit Wochen im Hotel leben, besteht die Zeit nur aus Warten. In der Schule etwas lernen, Kontakte im Verein zu Anwohnern knüpfen - Fehlanzeige für die jetzt 183 Asylsuchenden im Erstaufnahme-Interim in Böhlen. Doch die Situation ist auch für die Böhlener Bewohner nicht einfach. Denn mit den neuen mehr als 70 Menschen kamen in dieser Woche vorrangig junge Männer aus aller Herren Länder. Manche Einheimische fürchten deshalb Probleme.

Beide Seiten haben mit der Situation zu kämpfen - die Böhlener, weil sie von der Landesdirektion auf diesen Ansturm nicht vorbereitet wurden, und die Asylbewerber, die wochen- bis monatelang im Unklaren gelassen werden, wie es für sie weitergeht.

"Eigentlich ist vorgesehen, dass nach drei Wochen Erstaufnahmeeinrichtung eine Lösung für jeden einzelnen gefunden ist", erklärt Böhlens Bürgermeisterin Maria Gangloff (Die Linke). "Doch viele von ihnen sind bereits deutlich länger hier." Da komme unweigerlich Langeweile auf, die sich dann auch in der Stadt Bahn breche.

Erst vor wenigen Tagen mussten die Tore auf der Wiese vor dem Apart-Hotel abgebaut werden, weil etliche Bewohner bis in die späten Abendstunden hier Fußball gespielt haben. "Das geht doch so nicht, dass die hier machen, was sie wollen", schimpft ein Anwohner. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Die Situation ist angespannt. Kaum jemand möchte Informationen geben. Für Gangloff nicht verwunderlich, "denn wir werden ja auch vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht detailliert informiert".

Dabei gibt es sie durchaus - die Solidarität. "Bei uns stehen alle Türen offen, wer möchte, kann gerne zu uns kommen", sagt Annekatrin Knappe, die sowohl bei der Freiwilligen Feuerwehr als auch beim Großdeubener Karnevalsverein aktiv ist. Gerade die Jugendfeuerwehr sei eine gute Gelegenheit für Kinder aus anderen Ländern, hier Fuß zu fassen und Kontakte zu knüpfen. Dadurch könne die Integration gut gelingen, ist sich Knappe sicher. "Und wir brauchen neuen Nachwuchs."

Doch so einfach ist das nicht, "die Kinder aus dem Heim dürfen ja nichts machen. Kein Kindergarten, keine Schule, kein Verein", macht Gangloff deutlich. Der Grund: solange sie keine "Akte" haben und in der Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht sind, sind sie auch nicht versichert. Gangloff macht sich schon lange dafür stark, dass es hier in Böhlen für die Asylsuchenden eine Regelung für die Versicherung gibt, dann könnten sie auch mit anpacken und mithelfen, wo es möglich ist. Das Stadtoberhaupt könne sich zum Beispiel die Pflege von Grünflächen und Parkanlagen vorstellen. Vorrangig aber geht es darum, für Beschäftigung zu sorgen.

Schwierig ist zudem die ärztliche Versorgung der Asylsuchenden. Bei Krankheitsfällen organisiert die Volkssolidarität, die auch das Essen ins Apart-Hotel liefert, sowohl ein Taxi als auch Dolmetscher.

Die Kosten für die Behandlung übernimmt die Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz, für die Böhlen seit Monaten ein Interim ist. Doch ein Zustand auf Dauer kann das nicht sein. In der nächsten Woche will sich Gangloff daher mit den ortsansässigen Ärzten treffen. Sie hofft, eine ärztliche Sprechstunde im Heim demnächst anbieten zu können. Für ein kleines Taschengeld und Hygieneartikel hingegen wird bereits vor Ort gesorgt. Mitarbeiter aus Chemnitz kommen regelmäßig, um in der Auffangstation Geld und Hygiene-Pakete zu verteilen.

Was die Stadtverwaltung derzeit mehr als verärgert, ist die Tatsache, dass die Landesdirektion nicht nur quasi unangekündigt mehr Asylbewerber im Hotel unterbringt, sondern dass auch zunehmend mehr alleinstehende junge Männer kommen. "Konsens bei einem Gespräch im Februar im Sächsischen Staatsministerium des Innern war, dass hier hauptsächlich Familien leben werden", erklärt Gangloff. Das werde immer mehr aufgeweicht.

"Die Willkommenskultur unsererseits ist ja da, aber von vielen Asylsuchenden wird sie nicht angenommen oder gar abgelehnt. Hier prallen Welten aufeinander." Gangloff hofft auf Zusagen des Ministeriums, dass die Zahl wieder auf maximal 106 Asylbewerber herabgesetzt wird und diese nicht länger als bis Ende Juli bleiben.

Ob das Gespräch am Mittwoch mit dem Ministerium dahingehend erfolgreich ist, wird sich herausstellen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.06.2015
Julia Tonne

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