Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna 1968 mit dem Zug nach Espenhain, um Clapton und Hendrix zu hören
Region Borna 1968 mit dem Zug nach Espenhain, um Clapton und Hendrix zu hören
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:23 27.03.2018
Bei Peter Petters (75), Kneipenchef aus Espenhain, standen damals die Beatles hoch in der Gunst. Petters legte damals selber Platten auf. Quelle: Andreas Döring
Leipzig/Espenhain

Der Leipziger Karikaturist Werner David ist seit seiner frühesten Jugend ein großer Verehrer und Kenner von englischsprachiger Rock- und Beat-Musik. Er selbst schätzt seine Musiksammlung auf über 2500 Tonträger. In sein Leben hat sich, wie er erzählt, vor allem die Musik von Eric Clapton mit der Band Cream und dem 1968er Album „Wheels of Fire“ eingebrannt.

In der DDR war diese Musik lange Zeit politisch diskreditiert. Ihre Anhänger wurden als „Dekadente“ an den Pranger gestellt und oft politischen Repressalien ausgesetzt. Im April 1965 erschien zwar in der DDR die erste LP der Beatles, gleichzeitig stellte aber Walter Ulbricht ein halbes Jahr später auf dem 11. SED-Plenum seine in die Geschichtsbücher eingegangene Frage: „Ist es wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nur kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“

Bei Peter Petters (75), Kneipenchef aus Espenhain, standen damals die Beatles hoch in der Gunst. Petters legte damals selber Platten auf. Quelle: Andreas Döring

Wenige Wochen zuvor, am 31. Oktober, hatten im Zentrum der Messestadt mehrere hundert Jugendliche gegen das Auftrittsverbot von über 50 Beat-Gruppen, darunter auch die „Butlers“, protestiert. Es ertönten Sprechchöre wie „Es lebe der Beat“. Der junge David befolgte den väterlichen Rat, großen Menschenansammlungen fernzubleiben. Die Proteste wurden mit einem massiven Polizeiaufgebot unter Einsatz von Hundestaffeln und Wasserwerfern beendet. Über 250 Personen wurden festgenommen. Etwa 100 mussten für mehrere Wochen zum „beaufsichtigten Arbeitseinsatz“ in die Tagebaue des Bornaer Braunkohlereviers.

Kultsendung „Hallo Twen“ war Pflicht

Für Werner David, der inzwischen eine Erweiterte Oberschule im Süden von Leipzig besuchte und dort neben dem Abitur den Beruf eines Offsetdruckers anstrebte, blieben, um in Sachen Musik auf dem Laufenden zu sein, nur das Radio und der Kontakt zu Freunden, die sich schon ein Tonbandgerät leisten konnten. Mit seinem Radio hörte er ab 1965 von Montag bis Freitag ab 18.05 Uhr die Kultsendung „Hallo Twen“, welche die Europawelle Saar auf Mittelwelle ausstrahlte. Dort präsentierte Manfred Sexauer Beat-, Rock- und Blues-Titel aus England und den USA. Ab 1965 kam sonntags die Hitparade von Camillo Felgen auf Radio Luxemburg hinzu.

Auf diese Weise war man zwar immer up to date, aber der Lieblingstitel konnte nicht auf Wunsch abgerufen werden. Deshalb in der Szene sehr begehrt: Tonbandgeräte und Tonbänder mit entsprechenden Mitschnitten. David und sein Freund „Tom Ei“, Sohn des langjährigen Chefs des Rundfunk-Tanzorchester Leipzig Walter Eichenberg, fuhren oft am Wochenende vom Bayrischen Bahnhof nach Espenhain, um bei ihrem Kumpel Hans-Dieter die Tonkonserven von Clapton, Hendrix & Co. zu hören. Nach einer langen Nacht mit viel Musik aus einer anderen Welt ging es vom Bahnhof der Industriegemeinde wieder zurück in die Messestadt. Vor der Abfahrt des Zuges erzeugte „Tom Ei“ mit seiner Mundharmonika-Version von „Traintime“ auf dem Bahnsteig eine Gänsehaut-Atmosphäre.

Die erste Beatles-Single von 1965. Quelle: Andreas Döring

Espenhain war überhaupt eine gute Anlaufstelle für Beatmusik. Peter Petters, heute Wirt der Gaststätte „Aspe“, gründete Anfang der 60er Jahre mit Freunden in der alten Schule des Ortes einen Jugendklub. Die jungen Leute zimmerten aus alten Küchenmöbeln eine Bar und trafen sich regelmäßig dort. Außerdem organisierten sie Tanzveranstaltungen im damaligen Kulturhaus. Die Band Starlets spielte dort – oder Petters legte als DJ auf.

Beatmusik ein Leben lang

Der heute 75-Jährige liebt noch immer Beatmusik. Er erinnert sich genau, wie er im April 1965 die erste Amiga-Schallplatte der Beatles in Borna kaufte. In einem Rundfunkgeschäft gegenüber des Rathauses am Markt erstand er diesen Schatz. Genau 16 dieser Platten lagen dort, „und ich hab’ nur eine einzige für 16,10 Mark gekauft“, ärgert er sich heute noch ein bisschen. Bis zu 400 Jugendliche, meist aus den umliegenden Dörfern, kamen zum Tanzen nach Espenhain. „Das war schön damals“, sagt der Espenhainer. Auch wenn es wegen der Verbote nicht immer einfach war.

Peter Petters 1971 als Student (rechts) der Hochschule der Gewerkschaft in Bernau (bei Berlin). Petters studierte Gesellschaftswissenschaft. Quelle: Andreas Döring

Der Leipziger Werner David, der ab und an in Espenhain zu Gast war, entwickelte sich zu einem der bekannten Karikaturisten der DDR. Eine gewisse Liberalisierung im Umgang mit den Rockfans setzte in der Honecker-Ära in den 70ger Jahre ein. Es erschienen Platten von Santana, Beatles, Rolling Stones und Jimi Hendrix. Erst 1983 brachte Amiga eine Lizenz-LP von Werner Davids Lieblings-Band Cream heraus. In dieser Zeit schuf er die Karikatur „Powerplay“. Sie wurde über den DDR-Kunsthandel als großes Poster für drei Mark verkauft.

Von Werner Winkler und Claudia Carell

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Kreisbauernverband Borna/Geithain/Leipzig hat am Donnerstag mehr als 10 300 Unterschriften gegen die sachsenweite Einführung einer Gewässerabgabe an Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) übergeben. Landwirte befürchten, künftig sachsenweit für die Pflege von Bächen zur Kasse gebeten zu werden.

27.03.2018

Böhlen könnte in absehbarer Zeit das Meldeamt der Stadt Rötha mit übernehmen. Der Stadtrat gab während seiner Sitzung am Donnerstagabend dafür grünes Licht. Die Anfrage dafür kam aus Rötha selbst.

23.03.2018

Die Stadt Rötha bekommt 2018 einen ausgeglichene Haushaltplan. Der Stadtrat stimmte auf seiner Abschiedssitzung in Espenhain dem Etat jetzt einstimmig zu. Steuersätze werden nicht angehoben.

23.03.2018