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50 Tage Stillstand

50 Tage Stillstand

Noch bis 22. Mai sind sämtliche Anlagen des Böhlener Werks der Dow Olefinverbund GmbH abgeschaltet. Der umfangreichste Generalcheck seit Bestehen des Werks bindet enorme Kräfte.

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Große Revision im DOW Werk Böhlen.

Quelle: Günther Hunger

Böhlen. 85 externe Firmen sind gebunden und 2300 Arbeiter auf dem Gelände eingesetzt, um die Anlagen wieder auf den Stand der Zeit zu bekommen. Die gesetzlich vorgeschriebene und planmäßige Revision dient der Sicherheit und ist vor allem eins: eine logistische Meisterleistung. Die Kosten belaufen sich auf rund 70 Millionen Euro. Von Stillstand im wörtlichen Sinne kann auf dem 320 Hektar großen Areal nicht die Rede sein. 63 Kräne mit ganz unterschiedlichen Maßen und Traglasten dominieren das Bild. Und unzählige Gerüste - soweit das Auge reicht. Die fünf Produktionsanlagen und Tanklager, Rückkühlwerke und Schaltzentrale des Chemiewerks wurden in den vergangenen Wochen abgeschaltet, in ihre Einzelteile zerlegt und werden nun einer gründlichen Inventur unterzogen. „Es ist eine große Herausforderung", sagt Reiko Haß, der Projektverantwortliche. Die Vorbereitungen für den „Turnaround", wie die Großabschaltung bei der Dow heißt, begannen vor zwei Jahren.

„Logistik ist das A und O", sagt Haß. Nichts wird dem Zufall überlassen: Die zeitlichen Abläufe müssen stimmen, nichts darf durcheinander kommen auf dem riesigen Werksgelände. Und so wurde allein der Bereich des Crackers, Herzstück des Werks, in vier Bereiche unterteilt. Es gibt ein Baustellenmanagement und jede Menge Auflagen, damit nichts passiert. Helme und Schutzbrillen sind Pflicht, Handys verboten. Denn auch das ist Anspruch bei der Dow: unfallfreies Arbeiten. 480 000 Arbeitsstunden - unfallfreie - sind bereits geschafft. Einmal wöchentlich wird die Anzeige aktualisiert - Motivation ist alles.Für die 2300 Miarbeiter anderer Firmen, die überwiegend aus Sachsen und Sachsen-Anhalt stammen, wurde die notwendige Infrastruktur geschaffen. Es gibt Parkplätze, Büros, Versorgungszelte, Sanitäreinrichtungen, einen Shuttleverkehr auf dem Werksgelände. Letzterer bringt die Arbeiter, überwiegend Schlosser, Schweißer, Monteure, Mechaniker, Elektriker und andere Gewerke, an ihren Arbeitsplatz. „Sieben Haltestellen werden angefahren. 620 Container dienen als Büro- und Sanitäranlagen", nennt Volker Schaufler vom Dow-Werk ein paar Eckdaten.Momentan läuft die heiße Phase der großen Revision, die in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden muss. „Aller fünf Jahre reicht ein visuelles Befahren der Anlagen aus", sagt Haß. Aller zehn Jahre hingegen müsse aufwendig kontrolliert und gewartet werden. Wie zurzeit.Einige Teile werden gereinigt, andere repariert, wieder andere verschrottet und durch neue ersetzt. Damit das Puzzle zum Schluss wieder zusammengesetzt werden kann, bedienen sich die in die in das Projekt eingebundenen Mitarbeiter farbiger Etikette. Marco Ryll, der Koordinator für sämtliche Armaturen, weiß somit ganz genau, was wo mit welchen Teilen geschieht.Auf dem zentralen Waschplatz etwa werden verschmutzte Großteile mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Schon von weitem sind die Geräusche zu hören und die Dampfwolken zu sehen.Den mit Abstand höchsten Arbeitsplatz haben die Mitarbeiter der Firma Alpintechnik Leipzig. Die ausgebildeten Höhenretter bewegen sich in schwindelerregender Höhe, um beispielsweise Schornsteininspektionen vorzunehmen. Am Freitag war die 146 Meter hohe Hochfackel dran. Der mehrere Tonnen schwere Fackelkopf wurde gewechselt - per Teleskopkran, der eine Last von 1200 Tonnen heben kann. Die vom Flughafen eingeholten Wetterprognosen waren mit wenig Wind günstig, alles lief ohne Probleme.Parallel zur Wartung und Instandsetzung erfahren die Rückkühlwerke eine Kur. Vier der großen Bauwerke, die zur Kühlung von Gasströmen dienen, sind verschlissen und werden neu gebaut. Die anderen sechs erhalten eine Inspektion.Um keine Zeit zu verlieren, wird auf dem Gelände rund um die Uhr gearbeitet. Auch am Wochenende. „Kritische Jobs werden nachts erledigt", erläutert Schaufler und spricht zum Beispiel von Röntgenarbeiten, die großflächige Absperrungen erfordern. Rund um die Uhr ist auch das Lager geöffnet, das an einen gut sortierten Baumarkt erinnert. In zwei riesigen Zelten werden die Aufträge für die einzelnen Areas abgearbeitet. „Nachts ab 3 Uhr wird das Material gepackt und anschließend in die Anlagen geliefert", sagt Lagerkoordinator Hans Schwipper. Sechs Leute arbeiten dann die Listen ab, die am Vorabend eingingen. Schrauben, Armaturen, Dichtungen, Bolzen, Muttern... 80 Tonnen Verbindungselemente sind es insgesamt. Allein für den Cracker liegen 200 000 Schrauben bereit, sagt Schwipper.Stichwort Cracker. Ein Teil der Anlage stammt noch aus DDR-Zeiten, wurde 1972 bis 1974 gebaut. „Der alte Mann", wie ihn die Beschäftigten liebevoll nennen, wird wieder flott gemacht. Nach dem Stillstand werde er „wieder auf dem Stand der Technik" sein, sagt der 46-jährige Projektverantwortliche. Und alle anderen Anlagen auch. Der 22. Mai rückt mit jedem Arbeitstag ein Stück näher.

Saskia Grätz

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