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Borna Ärzte und Sanitäter geben in Borna Nachhilfe zur Wiederbelebung
Region Borna Ärzte und Sanitäter geben in Borna Nachhilfe zur Wiederbelebung
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10:30 12.09.2018
Der Wiederbelebungskurs in Borna findet zahlreiche Interessierte. Dr. Sebastian Zietz zeigt ihnen an Puppe Anne, wie die Herzdruckmassage ausgeführt wird. Quelle: Julia Tonne
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Borna

„In Deutschland sind viele Menschen Erste-Hilfe-Muffel“. Was überspitzt klingt, hat einen wahren Kern. Viele helfen bei einem Notfall nicht. „Und zwar, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen“, sagt Deniz Haznedar. Der Anästhesist und Notarzt am Sana Klinikum Borna war am Dienstag gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Sebastian Zietz und mit dem DRK Kreisverband Leipziger Land auf dem Borner Markt – um mit Besuchern „Anne“ wiederzubeleben. Und um klar zu machen, dass der größte Fehler der ist, eben nichts zu tun. „Denn das“, macht Zietz deutlich, „ist unterlassene Hilfeleistung.“

Frank Hoppe war einer der ersten, die versuchten, an Puppe Anne eine Reanimation zu üben. Der Erste-Hilfe-Kurs des Prießnitzers liegt Jahrzehnte zurück, „das war noch zur DDR-Zeit“, sagt er. Weil er aber mittlerweile älter sei und auf dem Land wohne, seien für ihn die Themen Erste Hilfe und Wiederbelebung verstärkt in den Fokus gerückt. Er würde sich wünschen, dass mehr Kurse auf dem Land angeboten werden – zusammen mit einer Verkehrsschulung. „Denn auch da muss jeder auf dem Laufenden bleiben.“

Die Sana Kliniken Leipziger Land veranstalteten mit dem DRK auf dem Bornaer Markt Aktionen zum Tag der Wiederbelebung

Dass es die Angst ist, die viele daran hindert, aktiv in einem Notfall zu helfen, wurde zum Aktionstag auf dem Bornaer Markt bei zahlreichen Besuchern deutlich. „Kann mich denn jemand verklagen, wenn der Patient doch gestorben ist oder dauerhafte Schäden davonträgt“, war eine Frage, die Zietz und Haznedar häufiger gestellt bekamen. Ihre klare Antwort: „Sie können nur dann belangt werden, wenn sie tatenlos daneben gestanden und zugesehen haben.“ Denn Erste Hilfe sei kein Hexenwerk. Unfallstelle absichern, Notruf wählen, dem Verletzten helfen.

30 mal drücken – zwei mal beatmen

Und auch Wiederbelebung sei nicht so kompliziert, wie viele denken. „Der Fokus liegt dabei auf der Herzdruckmassage“, erklärte Zietz. Bei einem Verletzten, der keine Atmung und keinen Puls mehr habe, müsse sofort mit der Herz-Lungen-Massage begonnen werden. Abwechselnd 30 mal drücken – und zwar mit einer Frequenz von 100 bis 120 mal pro Minute – zweimal beatmen. „Und wer Hemmungen hat, jemanden zu beatmen, konzentriert sich auf das Drücken“, so Haznedar. „Aber was ist, wenn ich dann dem Menschen Rippen breche“, fragte Christa Soldmann. „Dann haben sie alles richtig gemacht“, antworten die beiden Anästhesisten. Denn dass bei der Reanimation Rippen zu Bruch gehen können, sei normal. „Wenn sie dem Betroffenen keine Rippen brechen, ist die Herzdruckmassage nicht wirksam“, formulierte es Zietz. Der Ersthelfer müsse den Brustkorb zu einem Drittel eindrücken, um das Herz zu stimulieren.

Wie wichtig es ist, Patienten zu reanimieren, zeigen folgende Zahlen. Etwa 50 000 Menschen erleiden jährlich außerhalb von Krankenhäusern einen Herzstillstand. Einer von zehn kann danach wieder ein normales Leben führen. Etwa dreimal so viele könnten es aber sein, wenn sofort mit der Wiederbelebung begonnen würde. „Wir brauchen die Laien unbedingt, die helfen, bis wir da sind“, betont Haznedar.

Notruf 112 oder ärztlicher Bereitschaftsdienst?

Zu den Erste-Hilfe-Kenntnissen gehört es auch zu wissen, wann die Notrufnummer 112 zu wählen ist und wann die 116 117 reicht. „Viele kennen den Unterschied nicht und rufen gleich bei der 112 an. Auch, wenn der Betroffene nur Fieber hat und stark hustet“, sagt Andreas Richter, der Ausbilder bei der DRK-Rettungswache in Borna ist. Manch einer wolle aber nur umgehen, stundenlang in einer Arztpraxis zu warten.

Dabei ist unter der 116 177 der ärztliche Bereitschaftsdienst zu erreichen, der in den meisten Fällen weiterhelfen kann. Er hilft dann, wenn die Arztpraxis geschlossen ist. Über die bundesweit einheitliche Telefonnummer sind niedergelassene Ärzte erreichbar, die Patienten in dringenden medizinischen Fällen (keine Notfälle) ambulant behandeln – nachts, an Wochenenden und an Feiertagen.

Die 112 sollte dann angerufen werden, wenn der Patient lebensbedrohliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat oder Verletzungen wie Schnitt- und Platzwunden, Knochenbrüche oder Verbrennungen vorliegen.

Unterstützt wurden die beiden Ärzte am Dienstag von der Rettungswache Borna des Deutschen Roten Kreuzes Kreisverband Leipziger Land. Ausbilder Andreas Richter und Sascha Jänigen, der derzeit eine Ausbildung zum Notfallsanitäter macht, zeigten unter anderem, wie sie einen Patienten an eine Beatmungsmaschine anschließen und ein EKG schreiben.

Hemmschwelle bei Angehörigen niedriger als bei Fremden

Was Richter in den Jahren seiner Laufbahn vor allem gemerkt hat: Die Hemmschwelle, bei Angehörigen Erste Hilfe zu leisten, sei deutlich niedriger als bei Fremden. Er hält eine regelmäßige Teilnahme an Erste-Hilfe-Kursen alle zwei bis drei Jahre für notwendig und spricht sich außerdem dafür aus, in allen Schulen und öffentlichen Einrichtungen Defibrillatoren zur Verfügung zu stellen. „Die sind heutzutage so einfach zu handhaben, dass sich die Anschaffung lohnt“, macht er deutlich. Die Geräte geben genaue Anweisungen an den Ersthelfer und beinhalten oft gar ein Metronom.

Erste Hilfe schon in der Grundschule

Auch Zietz und Haznedar befürworten verpflichtende Wiederholungen der Ersthelferausbildungen. Genau wie ein Auto alle zwei Jahre zum TÜV muss, sollten die Fahrer alle paar Jahre ihre Kenntnisse zur Reanimation und Erste Hilfe auffrischen. Was zudem hilfreich sein könnte: mehr Stände dieser Art auf Wochenmärkten. Laut Zietz müsse das Thema immer wieder im Mittelpunkt stehen. Und im Lehrplan der Schulen. „Schon Kinder können Erste-Hilfe-Maßnahmen lernen, also den Notruf wählen, jemanden in die stabile Seitenlage bringen und Erwachsenen Bescheid geben“, sagt Zietz. Wenn im Schulalter die Grundlagen gelegt würden, gebe es zukünftig viele Ersthelfer, die sich nicht scheuen zu handeln.

Erste Hilfe: Was zu tun ist

Erste Hilfe ist nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine moralische Pflicht. Ob im Straßenverkehr, im Haushalt oder auf dem Spielplatz: Jeder kann im Notfall helfen – und muss es auch. Wer sich aus Angst oder Böswilligkeit von einer Unfallstelle entfernt, ohne zu helfen, sollte sich bewusst sein, selbst einmal in die Lage geraten zu können, auf Hilfe angewiesen zu sein.

Drei Anforderungen gibt es an den Ersthelfer: Er muss sich einen Überblick über die Notfallsituation verschaffen, überlegen, welche Gefahren für den Betroffenen bestehen, und schließlich handeln. An erster Stelle der Erste-Hilfe-Maßnahmen stehen die Sicherung der Notfallstelle, das Retten des Patienten aus der Gefahrensituation und das Wählen des Notrufs. Die weiteren Maßnahmen hängen vom Zustand des Verunglückten ab. Ist dieser bei Bewusstsein, hat aber Verletzungen, müssen diese behandelt werden. Bei Bewusstlosigkeit, aber normaler Atmung muss der Verletzte in die stabile Seitenlage gebracht werden, um ein mögliches Ersticken zu verhindern.

Ist der Patient nicht ansprechbar, hat keine Atmung und keinen Puls, muss sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen werden. Dabei lautet die Faustregel: 30 mal Herzdruckmassage, zweimal beatmen. Beides wird so lange wiederholt, bis der Rettungsdienst eingetroffen ist. Das Tempo der Herzdruckmassage ist übrigens nicht unwichtig. Für die richtige Frequenz können, so skurril es erscheinen mag, durchaus Lieder herhalten, in deren Takt der Ersthelfer drücken sollte. Als Beispiele seien die Titel „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees, „Dancing Queen“ von Abba, der „Biene-Maya-Titelsong“ von Karel Gott sowie „Yellow Submarine“ von den Beatles genannt.

Hier können Sie sich zu Erste-Hilfe-Kursen anmelden

Von Julia Tonne

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