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Alkoholsucht - Museumsarbeit in Pegau gibt Kai Lemkes Leben Sinn

Alkoholsucht - Museumsarbeit in Pegau gibt Kai Lemkes Leben Sinn

Wenn die Morgensonne ganz vorsichtig auf die Ziegelei Erbs in Pegau fällt, ist das für Kai Lemke der schönste und friedvollste Ort, den er sich nur vorstellen kann.

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In der Pegauer Ziegelei Erbs erklärt Kai Lemke (M.) den Museumsbesuchern Doris und Hanno-Dietmar Zepf aus Frankfurt am Main die Produktionstechnik.

Quelle: Andreas Doering

Pegau. Mitten im Grünen, mit Störchen auf der Esse und Waschbären, die manchmal zu Besuch kommen, fernab von Straßenlärm und Alltagshektik, ist die Welt noch in Ordnung. Hier hat der 52-jährige gelernte Agrotechniker und Mechanisator seine Berufung gefunden.

Seit vielen Jahren betreut er das Technische Denkmal vor den Toren der Stadt, anfangs zusammen mit Volker Müller, und nach dessen Tod alleine weiter - mal im Bundesfreiwilligendienst, mal als ehrenamtlicher Mitarbeiter für den Pegauer Heimatkundeverein und nun als Ein-Euro-Jobber. "Aber Geld steht bei mir nicht an erster Stelle. Was ich hier draußen bekomme, kann man nicht mit Geld aufwiegen: Wenn die Kindergartenkinder oder Schulklassen nach einem Besuch nicht wieder weg wollen, weil es ihnen so gefällt, oder wenn sie mir kleine, gebastelte Geschenke machen und wir zusammen Lehmziegel formen. Das macht mir einen Riesenspaß."

Lemke hat seinen neuen Weg gefunden. Er ist in der Mitte seines Lebens, plötzlich von einem Tag auf den anderen und selbstgewollt, in eine andere Richtung abgebogen. "Ich lag damals schon mit einem Bein in der Kiste", erzählt der gebürtige Leipziger ganz offen über seine Karriere als Alkoholiker. Bis er mit letzter Kraft selbst zum Arzt ging und um Hilfe bat.

Nach einem zweiwöchigen Entzug in der Klinik ist der 52-Jährige nun seit achteinhalb Jahren trocken. Und nicht nur das: Er hat sich sowohl beim Deutschen Roten Kreuz als auch beim Diakonischen Werk zum ehrenamtlichen und betrieblichen Suchtkrankenhelfer ausbilden lassen und arbeitet heute als Gruppensprecher für die Selbsthilfegruppe "Treffpunkt" in Zwenkau, betreut darüber hinaus junge Strafgefangene in der Vollzugsanstalt Regis-Breitingen. "Meine Aufgabe ist es, ihnen die Angst zu nehmen, ihnen Mut zuzusprechen, damit sie sich an Beratungsstellen wenden oder Fachleuten und Psychologen anvertrauen. Das ist nicht immer einfach. Da spielt Scham eine große Rolle." Die Art der Süchte ist dabei ganz unterschiedlich - Alkohol, Drogen, Essen - aber die Mechanismen, die im Körper jedes Betroffenen ablaufen, sind die gleichen. "Sucht hat etwas mit Belohnung zu tun", erzählt Lemke. "Alles, was schön und gut ist, will der Mensch haben. Aber wo fängt die Sucht an? Das ist manchmal ganz schwierig herauszufinden."

Prävention ist für den Pegauer ein großes Thema. Zusammen mit Suchtberatern geht er in Schulklassen und klärt die Fünft- bis Zehntklässler über die Gefahren des übermäßigen Alkoholkonsums auf, ebenso im Jugendarrest. "Ich versuche, ganz offen und authentisch rüberzukommen und den Jugendlichen nicht irgendwas vorzufaseln. Wichtig ist, dass wir über alles reden können, ohne Angst und Scham." Insofern sei das Wort Suchthilfe für ihn der falsche Begriff. "Es müsste eigentlich Lebenshilfe heißen", sagt Kai Lemke. Auch in Gesprächen mit älteren Suchtkranken aus Pegau, Groitzsch, Zwenkau und Großdeuben, die ihn persönlich auf der Straße ansprechen oder die Selbsthilfegruppe besuchen, ist er stets bemüht, ihnen die Werte eines zufriedenen, suchtmittelfreien Lebens zu vermitteln und die Augen für alle schönen Dinge zu öffnen. "Wir wissen, dass wir eine chronische Krankheit haben, aber sie soll nicht unser Leben bestimmen. Man muss sich öffnen, zufrieden mit sich selbst sein, auch wenn mal etwas schief geht. Das Leben läuft nicht immer glatt, und aus Fehlern kann man lernen."

Für sich selbst hat Lemke einen neuen Weg gefunden, und für den Heimatkundeverein in Pegau, der die Ziegelei Erbs als Museum betreibt, ist der 52-Jährige ein Segen. Auf dem über 3,6 Hektar großen Gelände kümmert er sich um kleinere Reparaturen und empfängt Sonntag für Sonntag während der Öffnungszeit von 13 bis 17 Uhr interessierte Besucher. Gern führt er Kindergartengruppen und Schulklassen durch das weitläufige Areal, erklärt den Kindern die Ziegelherstellung vor hundert Jahren und lässt sie selber Ziegel im Handstrichverfahren herstellen, auf denen ihre Namen stehen. "Das gibt mir so viel, ich bin dankbar für jeden einzelnen Moment."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.07.2015
Kathrin Haase

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