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Anerkannter Mediziner setzt sich mit Argumenten von Impfgegnern auseinander

Impfschutz Anerkannter Mediziner setzt sich mit Argumenten von Impfgegnern auseinander

Der langjährige Chefarzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin des Wurzener Krankenhauses, Dr. Wolfgang Kunze, warnt vor gefährlichen Impflücken, die aktuell zu weiteren Masern-Ausbrüchen führen könnten.

Leichtes Spiel für Masern: Impflücken begünstigen aktuelle Ausbrüche.

Quelle: Imago

Landkreis Leipzig. Ein Thema, das viele schon für erledigt hielten, ist wieder in aller Munde. Aktuelle Häufungen von Masernerkrankungen in Leipzig haben auch Eltern im Landkreis aufgeschreckt. Über 50 bestätigte Erkrankungen der ansteckenden Infektionskrankheit im Verantwortungsbereich des Leipziger Gesundheitsamtes lassen in der Region ebenfalls die Alarmglocken schrillen. Auch das Robert-Koch-Institut warnt aktuell davor, dass 2017 ein Jahr mit relativ vielen Masernfällen werden könnte.

Einer, der sich mehrere Jahrzehnte mit der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beschäftigt hat, dazu auch forschte und publizierte, ist Dr. Wolfgang Kunze, vielen Wurzenern noch als langjähriger Chefarzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin in der Muldestadt bekannt. „Die aktuelle Häufung von Masernfällen lässt mir keine Ruhe“, erklärt der anerkannte Arzt, der sein ganzes Medizinerleben lang bemüht war, Kinderkrankheiten auszurotten. „Man muss sich das überlegen; in der Vergangenheit waren wir hier schon viel weiter.“ Kunze führt seine Erfahrungen aus 40 Jahren Impftätigkeit an. „Ich habe in meiner ganzen Berufslaufbahn geimpft“, berichtet der heute 77-Jährige. Begonnen habe dies Mitte der 1960er-Jahre in der damaligen Impfstelle des Kreises Delitzsch. „Damals stand der Lückenschluss besonders bei Pockenimpfungen an. In den folgenden Jahren wurde die Masern- und Polioimpfung auch unter meiner Verantwortung eingeführt, gefolgt von Mumps- und Rötelimpfungen.“ Die Prävention von Infektionskrankheiten zählte bei Kunze zur täglichen Praxis. Schließlich war der Mediziner nicht nur in der Forschung und im Rahmen einer regelmäßigen Sprechstunde tätig, sondern betreute prophylaktisch auch eine Kindereinrichtung mit 60 Krippen- und 120 Kindergartenkindern.

Kunzes Kernthema auch in der wissenschaftlichen Arbeit war all die Jahre, den Schutz vor schweren Krankheiten zu verbessern und seine Erkenntnisse dabei auch in die Praxis zu überführen. Der Arzt, der das Wurzener Krankenhaus zu einer angesehenen Adresse der Kinderheilkunde entwickelte, forschte dabei mit Kollegen auch zu Durchimpfungsraten. „Bei Masern besteht nur ausreichend Schutz, wenn mindestens 95 Prozent der Bevölkerung über einen Impfschutz verfügen und damit einen Herdenschutz ausbilden.“ Kunze bezieht sich dabei auch auf Angaben des Robert-Koch-Institutes. „Im Gegensatz zu Finnland, Schweden und den Niederlanden gehört Deutschland zu den Ländern mit ungenügenden Masernimpfquoten.“ Argumente von Impfgegnern ließen sich dabei wissenschaftlich fundiert entkräften. Kritiker hielten Masern für eine harmlose Kinderkrankheit und würden die Wirksamkeit der Impfung bezweifeln, ärgert sich Wolfgang Kunze. Dem könne man nur durch Aufklärung begegnen. So sei es ein weit verbreiter Irrglaube, gefährliche Krankheiten auf dem Rückzug zu wähnen. „Sinkende Impfquoten bergen vielmehr die Gefahr neuer Epidemien“, warnt der Mediziner. Auch Antibiotika seien kein Allheilmittel. Gegenüber Viruserkrankungen wie Masern, Mumps oder Röteln blieben sie ohne Wirkung.

Zwei Grippetote im Landkreis

Der Höhepunkt der diesjährigen Grippewelle ist überschritten. Eine Einschätzung, die sachsenweit und auch auf den Landkreis Leipzig zutrifft. „Wir sind über den Berg“, erklärte dazu Amtsärztin Dr. Silke Schäpling, „In diesem Jahr sind bislang 1551 Personen an der echten Virusgruppe erkrankt“, so Schäpling weiter. Das seien mehr als in der gesamten vorigen Grippesaison. Der Ausbruch der diesjährigen Krankheitswelle war einige Wochen früher als sonst erfolgt. In zwei Fällen verlief die Krankheit für Betroffene im Landkreis tödlich. „Beide Patienten, die an der Grippe verstorben sind, waren älter als 70 Jahre“, gibt Schäpling Auskunft. Eine Person sei geimpft gewesen, bei der zweiten habe kein Impfschutz vorgelegen. Ob es sich bei den Verstorbenen um Frauen oder Männer handelt, wollte das Gesundheitsamt aus „Gründen des Datenschutzes“ nicht bekanntgeben.

Seit Beginn der Grippesaison in Sachsen sind laut Angaben der Landesuntersuchungsanstalt (LUA) in Chemnitz bislang 52 an Influenza verstorbene Patienten zu beklagen. Die meisten Todesfälle ereigneten sich demnach in den Landkreisen Zwickau (zehn Fälle), Görlitz (neun), dem Vogtlandkreis (sieben) sowie der Stadt Dresden (sieben Grippe-Tote). Sachsenweit hätten drei Gesundheitsämter zuletzt über Ausbrüche in zwei Seniorenheimen und einer Kurklinik berichtet. Für den Landkreis Leipzig erklärte Silke Schäpling, dass man hier keine regionalen Häufungen ausmachen könne. In der Landkreisverwaltung spricht man insgesamt von einer „starken Grippesaison“. Zu Spitzenzeiten im Februar seien 30 bis 50 Fälle täglich gemeldet worden. „Seit zwei Wochen sinken die Zahlen spürbar“, so die Amtsärztin weiter. „In der Vorwoche wurden nur noch vier neue Fälle der echten Virusgrippe gemeldet.“

In der Grippesaison 2015/2016 habe die Zahl der Erkrankungen, zu denen ein bestätigter Laborbefund vorlag, bei rund 900 gelegen. Im davor liegenden Vergleichszeitraum waren im Landkreis 1340 Fälle registriert worden.

Besonders stark betroffen waren in diesem Jahr die 45- bis 64-Jährigen. Auf diese Altersgruppe entfielen laut LUA rund 30 Prozent der Influenza-Fälle, gefolgt von den über 65-Jährigen mit rund 29 Prozent.

 

Das geeignetste Mittel wäre aus Sicht des erfahrenen Wissenschaftlers, zur Impfpflicht zurückzukehren. Besonders an Bildungseinrichtungen und Kitas hielte er dies für sinnvoll. Hier müssten individuelle Freiheiten zugunsten der Allgemeinheit ihre Grenze erfahren. Was in Kunzes Augen auf jeden Fall angeraten ist: den Impfschutz zu überprüfen. Dies gelte unter anderem für die zweite Masern-Impfung, die bis zum Ende des zweiten Lebensjahres bei Kleinkindern empfohlen wird. Laut Robert-Koch-Institut würden aktuell nur 70 Prozent der Zweijährigen in Deutschland über diesen Schutz verfügen.

Von Simone Prenzel

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