Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Anlage bei Lippendorf soll verseuchtes Wasser reinigen
Region Borna Anlage bei Lippendorf soll verseuchtes Wasser reinigen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 08.03.2019
Altlastensanierung im Industriegebiet Böhlen-Lippendorf: Fred Richter von der Dow erläutert die Funktion der Drainage in einem ehemaligen Bahngraben. Quelle: André Neumann
Neukieritzsch/Lippendorf

Eine lange Reihe betongrauer, hoch aufragender Abwasserschächte, eine Grube mit zwei Pumpen und zwei blaue Container mit Filtern sollen im Industriegebiet Böhlen Lippendorf ab sofort kontaminiertes Grundwasser aufnehmen, reinigen und als sauberes Wasser abgeben. Das rund 1,5 Millionen teure Bauvorhaben, das kurz vor dem Abschluss steht, ist teil des Ökologischen Großprojektes (ÖGP) Böhlen.

Dahinter verbirgt sich die Sanierung der Boden- und Grundwasserverunreinigungen auf dem Chemiestandort, die dort seit den 1920er-Jahren, durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und während des Betriebes in der DDR entstanden. Schätzungen zu Folge befinden sich in mehreren unterirdischen Blasen rund 4000 Tonnen schädliche Kohlenwasserstoffverbindungen, die sich mit den natürlichen Grundwasserströmen bewegen.

Neue Anlage soll belastetes Grundwasser aufnehmen und reinigen

Areal bei Lippendorf als Chemie- und Industriestandort weiter genutzt

Weil das Areal als Chemie- und Industriestandort weiter genutzt wird, ist kein großflächiger Bodenaustausch möglich. Nur in vergleichsweise geringem Umfang können die giftigen Stoffe aus dem Boden herausgepumpt werden.

Die Strategie des Umweltministeriums gemeinsam mit dem Landratsamt und der Dow, die einen großen Teil des Standortes nutzt, besteht daher darin, das belastete Grundwasser abzufangen und zu reinigen, bevor es kritische Gebiete erreicht. Finanziert wird alles vom Freistaat Sachsen, für die Abwicklung der einzelnen Vorhaben ist das Unternehmen Dow zuständig. Dafür steht der Begriff Altlastenfreistellung. Er bedeutet: Ein Unternehmen, das ein Industrieareal nachnutzt, muss für die Sanierung der früheren Umweltschäden nicht aufkommen.

Für die jetzt errichteten Drainageleitung mit Wasserreinigung wurde ein noch offener Graben einer früheren Kohlebahn genutzt, die das alte Lippendorfer Kraftwerk mit Kohle versorgte. Der Bahngraben an der Werkstraße in Nachbarschaft zum Restloch-See namens Rundteil wird seit acht Jahren vom Unternehmen Novo Terra mit Erdaushub und Bauschutt verfüllt.

Kontrollschächte und rund 330 Meter Drainage verlegt

In dem noch offenen Teil des Grabens wurden seit August mehrere Kontrollschächte und rund 330 Meter Drainage verlegt. „Die Gelegenheit war günstig, das jetzt umzusetzen“, sagte Umweltamtsleiter Lutz Bergmann vom Landratsamt bei der Vorstellung des Projektes. Er dankte Firmenchef Tino Schmidt ausdrücklich dafür, dass mit der weiteren Verfüllung für die Dauer des Baus gewartet wurde.

Im Industriegebiet Böhlen Lippendorf wird kontaminiertes Grundwasser gereinigt. Quelle: André Neumann

Die Verfüllung bis auf das Höhenniveau der Werkstraße werde laut Schmidt noch zwei bis drei Jahre dauern. Dann liegt die Leitung in rund zehn Metern Tiefe und nur die Deckel der Schächte werden oben sichtbar sein. Der Plan ist, dass die Drainage das hier anströmende belastete Grundwasser aufnimmt und in den Pumpenschacht leitet, von wo es über eine Druckleitung zu den Filtern gebracht wird. Das gereinigte Wasser gelangt dann ins Rundteil.

11.000 Kubikmeter Grundwasser werden gereinigt

Schon während der Bauzeit wurden seit September auf diese Weise mehr als 11.000 Kubikmeter Grundwasser gereinigt, sagte Bauleiter Mario Wiener von der Böhlener Baufirma Erti, die die Anlage baut und betreiben wird. In den offenen Schächten und im Pumpenschacht steht das Wasser und verströmt den typischen Geruch nach Benzol und Kraftstoffen.

Dabei hat die Belastung noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht. Eine auf Messungen basierende Modellierung der erwarteten Grundwasserbewegungen zeigt, dass die ganz großen Schadstoffmengen erst in einiger Zeit hier ankommen werden.

Wie lange die Anlage betrieben werden muss, ist offen. Für das gesamte Projekt, das laut Rainer Stintz vom sächsischen Umweltministerium das „wichtigste Vorhaben des Freistaates in der Altlastenfreistellung“ sei, wird schon mal von einem Zeitraum von hundert Jahren gesprochen. Fred Richter, bei der Dow für die Umweltsanierung zuständig, beschreibt den Zeithorizont mit 40 Jahren. Letztlich, da sind sich Richter und Bergmann einig, werde anhand der Konzentration der Schadstoffe im Grundwasser entschieden werden, wie lange die Anlage laufen muss.

Ökologisches Großprojekt Böhlen

Die Beseitigung der Altlasten im Industriegebiet Böhlen-Lippendorf ist das komplexeste Sanierungsvorhaben im Freistaat Sachsen. Die Boden- und Grundwasserverunreinigungen wurden durch die Chemieproduktion ab Beginn der 1920er-Jahre bis zur Wiedervereinigung Deutschlands und die Zerstörung der Chemieanlagen im Zweiten Weltkrieg verursacht.

Seit Beginn der 1990er-Jahre wurden für die Altlastenbeseitigung im Industriegebiet Böhlen Lippendorf rund 29 Millionen Euro für das Ökologische Großprojekt Böhlen eingesetzt.

Im Rahmen von Neuinvestitionen und der Vorbereitungen für den Neubau von Anlagen der Dow wurden bereits eine Vielzahl umfangreicher Bodensanierungen durchgeführt. Zum Beispiel erfolgte die Beseitigung sogenannter Hot Spots, von Teerbecken und von Produktionsrückständen. Bodensanierungen wurden im Rahmen von Tiefenberäumungen und Tiefenenttrümmerungen und Baufeldvorbereitungen durchgeführt, die Errichtung vertikaler und horizontaler Gasdrainagesysteme zur Bodenluftsanierung erfolgte ebenso wie beispielsweise die Sanierung der Heizölverladung, des Heizöl-Tanklagers und der so genannten Verladung-West.

Außerdem erfolgten die Sanierung der Sonderabfalldeponie sowie der brandgefährdeten und nicht tragfähigen Auflandebecken. Auf dem Grundwasser aufschwimmende Schadstoffe werden schon seit Ende der 1990er-Jahre abgeschöpft.

Westlich des Chemiestandortes wird an der Staatsstraße 71 seit Herbst 2017 ein Horizontalfilterbrunnen als Pilotprojekt gebaut. Der und später eventuell weitere sollen dort verseuchtes Grundwasser aufnehmen und der Reinigung zuführen.

Von André Neumann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Frust sitzt bei vielen Großdeubenern tief: keine Einkaufsmöglichkeit, eine marode Turnhalle, keine Busanbindung nach Böhlen. Jetzt setzen viele Anwohner ihre Hoffnungen in einen von ihnen.

07.03.2019

Gerüche gab es in der Grundschule Deutzen schon lange. Jetzt wurde der gesundheitsschädliche Stoff Naphtalin nachgewiesen. Der Schulbetrieb soll nur in den oberen Etagen weitergehen.

07.03.2019

Die Freie Wählergemeinschaft Neukieritzsch Sport hat elf Kandidaten für die bevorstehende Gemeinderatswahl nominiert. Sie tritt zudem bei der Wahl zu zwei Ortschaftsräten an.

07.03.2019