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Archäologische Sensation im Tagebau: 7000 Jahre altes Rehkitz aus der Steinzeit entdeckt

Archäologische Sensation Archäologische Sensation im Tagebau: 7000 Jahre altes Rehkitz aus der Steinzeit entdeckt

Der sächsische Boden ist bei Archäologen nicht sonderlich beliebt. Grund: Er enthält oft zu wenig Kalk, daher finden die Forscher der fernen Historie zum Beispiel kaum Knochen. „Spektakulär“ und ein „Glücksfall“ sei daher jetzt ein Rehkitz-Skelett aus der Steinzeit aus dem Tagebau Peres. Es ist 7000 Jahre alt.

Im Herbst 2014 entdeckten Archäologen zwei Brunnen aus der Jungsteinzeit im Tagebau Peres bei Großstolpen. Die seltenen Funde wurden mit Schwerlastkränen komplett als tonnenschwere Blöcke geborgen. In einer Halle in Großstolpen werden sie nun unter Laborbedingungen freigelegt. In einem befindet sich ein Rehkitz. Das Grabungsteam mit Carola Oelschlägel, Grabungsleiter Frank Schell, Kerstin Taube und Christina Viol (v.l.) begutachten die Überreste.

Quelle: Andreas Döring

Groitzsch. Carola Oelschlägel war sich eigentlich sicher, als sie zum ersten Mal die Tierknochen betrachtete, die in einem 7000 Jahre alten Brunnen entdeckt wurden. Das ist eine Ziege oder ein Schaf, meinte die Archäozoologin damals. Wie die Berufsbezeichnung ahnen lässt, kennt sich die 50-jährige Archäologin zusätzlich mit Tieren aus und spezialisierte sich auf deren historische Bestimmung. Nicht nur in Deutschland ist die freiberufliche Forscherein seit mehr als 20 Jahren unterwegs, sondern auch im Ausland.

Sie wusch die Knochen, nahm sie genau unter die Lupe. Dabei stellte sie schnell fest, dass es sich nicht um ein Schlachttier handelte, es sei auch nicht durch Schnitte verletzt worden. Fast alle Knochen lagen in natürlicher Weise beieinander. Doch es handelte sich um kein Tier, das Menschen der Steinzeit einst züchteten. „Zu 90 Prozent kommen bei meiner Arbeit Nutztiere vor, nur zu zehn Prozent werden Wildtiere gefunden“, sagte die Expertin.

Am Zahnwechsel erkennt Forscherin das Alter des Tieres

Als sie Zähne und Fußknochen mit denen von Schaf und Ziege verglich, merkte sie, dass das kleine Tier weder Ziege noch Schaf war: Es handelt sich um ein Rehkitz. Auch wenn es bereits vor 7000 Jahren in diesem Brunnen lag, kann die Forscherin heute exakt sein Alter bestimmen. „Bei Jungtieren ist dies durch den Zahnwechsel möglich“, sagte sie und zeigte auf zwei vollständige Zähne und einen, der wohl damals gerade das Zahnfleisch durchbrach. „Ich gehe davon aus, dass das Rehkitz etwa zehn Wochen alt war“, so Oelschlägel.

Weil die Rehe in der Regel im Mai Junge bekommen, muss es im Hochsommer in den Brunnen gefallen sein. Die Knochen würden zudem erzählen, dass dieses Tier zwischen 5200 und 5100 vor Christus gelebt hat.

Der Fund sei ein „Glücksfall, zumal für sächsische Verhältnisse“. Weil der Boden hierzulande kalkarm ist, zerfallen alte Knochen meistens schnell. Nur das feuchte Milieu des Brunnens erhielt sich das Rehkitz-Skelett über Jahrtausende. Überhaupt sei ein vollständiges Gerippe als „spektakulärer Fund“ zu bezeichnen. Normalerweise finden Archäologen nur hier und da ein Knöchelchen, häufig beschädigt, denn schon der Steinzeitmensch mochte Knochenmark für eine gute Suppe.

Die Frage ist nun: Wie kam das Tier in den Brunnen? Da könne man nur spekulieren. Fest steht, dass die Bewohner des Dorfes zu jener Zeit den Brunnen nicht mehr als Frischwasserquelle nutzten. Denn er war teilweise schon zugeschüttet. Möglicherweise ist das junge Tier nachts in die Siedlung gelaufen, in den alten Brunnen gefallen und dort gestorben, so heißt eine These. Es könne aber auch sein, dass jemand das tote Tier im Dorf gefunden hat, es schnell entsorgen wollte und dafür den stillgelegten Brunnen nutzte.

Brunnen als Wasserquelle, Opferplatz, Depot und Müllhalde

Jungsteinzeitliche Brunnen sind für Archäologen eine wahre Fundgrube. Denn sie bieten hervorragende Erhaltungsbedingungen für Pflanzen, Früchte, Samen, Holz und Knochen. Sie wurden als Wasserquelle, Opferplatz, Depot und Müllhalde genutzt. Forscher kommen mit diesen Funden zu immer mehr Erkenntnissen über das Leben jener Zeit – einer wichtigen Epoche in der Menschheitsgeschichte. Denn Frauen, Männer und Kinder zogen damals nicht mehr wie ihre Vorfahren umher, sie wurden sesshaft, bauten Häuser, betrieben Ackerbau und Viehzucht, töpferten – und zimmerten auch Brunnen. Zwei davon fanden Archäologen im Frühjahr 2014 auf dem 500 mal 200 Meter großen Grabungsfeld im Tagebau Peres im Leipziger Südraum. Eine Sensation, ein Wunder, schwärmten Experten. Diese Ausgrabung soll zu den derzeit spannendsten in Europa gehören.

Weil die Kohlebagger nicht warten wollten, bis die Forscher jeden Millimeter Holz, Erde, Ton und Stein analysiert haben, wurde um den großen und kleinen Brunnen jeweils eine Art Holzkasten gebaut. Kräne hievten die Blöcke aus der Erde, schwere Technik brachte sie in die nahe Großstolpener Werkhalle bei Groitzsch.

Der kleine Brunnen, der einst etwas entfernt von der Siedlung stand, wurde inzwischen untersucht. Mit dem Ergebnis: Die Bewohner legten Bast in den Brunnen, um daraus Schnüre und Seile zu fertigen. Ein weiteres kleines Puzzle-Stück für die Wissenschaft. Grabungsleiter Frank Schell vermutet, dass der Brunnen auch für andere Handwerke genutzt wurde, welche die Menschen schon damals nicht gleich neben dem Wohnhaus mochten, zum Beispiel alles was mit dem Gerben von Fellen zu tun hatte.

Eichen für die Blockbauweise wurden 5134 v. Chr. gefällt

Seit März dieses Jahres arbeitet Schell mit zwei Helferinnen am großen Brunnen, der zentral im Steinzeitdorf stand. 1,20 mal 1,30 Meter in der Fläche, einst wohl sechs Meter tief, in Blockbauweise gezimmert. Holzproben ergaben, dass die Eichen dafür im Winter 5134 v. Chr. geschlagen wurden. Zweieinhalb Meter des Brunnens können heute noch erforscht werden. Von oben nach unten graben sich die Experten durch die längst vergangene Zeit.

Nach 40 Zentimetern tauchte das Rehkitz auf. „Zuerst legten wir den Unterkiefer frei, es folgten Wirbelsäule und Beckenknochen und bald war klar, dass wir ein vollständiges Tier haben“, erzählte der 30-jährige Grabungsleiter. Schon als Kind interessierte er sich für Dinosaurier, schnell war sein Traumberuf klar. In ganz Deutschland hat er schon gegraben – die Brunnen seien sein bisher spannendstes Projekt. Wer weiß, was er in den nächsten Monaten noch findet...

Auch Carola Oelschlägel kennt diesen Zauber. Sie erkundete schon viele Jahrtausende alte Tiere. Doch jedes Mal sei sie wieder aufgeregt, „das war auch bei dem Rehkitz so“, übrigens das erste Exemplar in ihrer Laufbahn. „Und jedes Mal lerne ich wieder dazu.“

Von Claudia Carell

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