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Borna Avatar in Otterwisch: Erhard Fischer schafft sich Filmkulisse
Region Borna Avatar in Otterwisch: Erhard Fischer schafft sich Filmkulisse
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20:00 10.02.2018
Der ehemalige Brückenbauer Erhard Fischer verwandelte in den letzten Jahren sein Grundstück in der Otterwischer Bahnhofstraße in einen exotischen Skulpturen und Figurenpark mit vielen selbstgeschaffenen Formen. Außerdem sorgt der Naturfreund für beste Lebensbedingungen bei Insekten, Lurchen und Vögeln. Foto: Thomas Kube Quelle: Thomas Kube
Bad Lausick/Otterwisch

13 Hügelgräber an den „Sieben Bergen“, Ritter und Bauern, Dreißigjähriger Krieg, geografischer Mittelpunkt des einstigen Deutschen Reiches – Otterwisch, seit über 10 000 Jahren besiedelt, ist nicht irgendein Dorf. Während anderswo sogar Städte fusionieren, ist das knapp 1500-Einwohner-Nest zwischen Grimma und Borna noch immer selbstständig – als ob es unter dem Radar der Bürokraten abgetaucht wäre. Oterwash hieß es mal, war aber nie britisch. Und auch russisch war es nie, obwohl es der Volksmund in der Besatzungszeit auf den Spitznamen Otterwitsch taufte. Wie auch immer: Otterwisch klingt nach ganz großem Kino.

Der ehemalige Brückenbauer Erhard Fischer verwandelte in den letzten Jahren sein Grundstück in der Otterwischer Bahnhofstraße in einen exotischen Skulpturen- und Figurenpark mit vielen selbstgeschaffenen Formen.

Nirgendwo wird das deutlicher als bei Erhard Fischer. Er lebt wie auf einem anderen Stern. Sein Grundstück erinnert an eine verwaiste Filmkulisse. Schaulustige aus dem In- und Ausland, die bei ihm vorfahren, wähnen sich am verlassenen Set des weltweit erfolgreichsten Filmes aller Zeiten: Avatar – Aufbruch nach Pandora. Wir schreiben das Jahr 2154. Die Rohstoffe der Erde sind erschöpft. Die Menschheit muss anderswo fündig werden – und wird es: auf dem erdähnlichen, fernen Mond Pandora. Unwirtlich zwar, aber mit Tieren, die Fabelwesen ähneln, und Pflanzen, die sonst nur im Botanischen Garten zu bewundern sind. Die Ureinwohner heißen Na’vi und erinnern beinahe an den Kopf des Otters im Wappen von Otterwisch.

Das Wappen von Otterwisch. Quelle: LVZ

Märchenhafte Kulisse

Es ist spät am Abend und entsetzlich kalt, als ich mit meinem Raumschiff bei Erhard Fischer andocke. Nebelschwaden und Scheinwerferlicht verwandeln den Ort in einen verwunschenen Kosmos. Am winzigen Haus zeigen steinerne Pfeilspitzen in verschiedene Himmelsrichtungen. Edelstahlkugeln kreisen an Spiralen wie Planeten auf Umlaufbahnen. „Nein, hier ist nie ein Film gedreht worden“, sagt der 64-Jährige. Er fühle sich wohl in seinem Märchenschloss, wie er es nennt. Ich stutze. Märchen? Mit roter Mütze und weißem Rauschebart wirkt er nicht mal auf den ersten Blick wie Rotkäppchen oder einer der sieben Zwerge. Und auch die Kröten, die im Sommer an seinem Teich quaken, sind noch lange keine Froschkönige.

Insekten und Vögel fühlen sich auf dem Grundstück genauso wohl wie Fischer selbst. Quelle: Thomas Kube

Mein Fußabdruck im Schnee erinnert an den von Neil Armstrong auf dem Mond. Tatsächlich dürften noch nicht so viele vor mir die Schwelle am Tor überschritten haben. Erhard Fischer entführt mich auf sein 1600 Quadratmeter großes Reich. Vorbei geht es an riesigen, von Hand geäderten, farbigen Mammutblättern aus Beton und weiter über eine Bogenbrücke geradewegs zur Himmelsscheibe von Otterwisch, wie der Bewohner der unbekannten Art seine Kreation nennt. Das Haus, offenbar das Allerheiligste, ist tabu. Bibbernd verlege ich das Interview in mein Raumschiff auf vier Rädern.

Vom Brückenbauer zum „Schlossherr“

Er sei Ur-Otterwischer, sagt der Außerirdische. In seinem Elternhaus in der Großbucher Straße wohne sein Sohn David, er dagegen sei hier im einstigen Garten in der Bahnhofstraße zu Hause. 1980 hatte er das eigenwillige Gebäude aus dem Boden gestampft – damals noch als Mehrzweckschuppen. Später baute er die größere Laube aus und machte die 58 Quadratmeter zu seiner ständigen Bleibe. Der alleinstehende, inzwischen erwerbsunfähige Rentner ist gelernter Zimmermann. Sein halbes Leben war er auf Montage. In der ganzen DDR baute er Brücken – von Plau am See bis Plauen im Vogtland. In seine einstige Wohnung in der Plattenbausiedlung in Leipzig-Grünau zog es ihn nur selten. Er verbrachte seine Wochenenden lieber an den Einsatzorten, besuchte Motorradrennen in Güstrow oder Teterow. Nach der Wende zog er raus aufs Land, nach Otterwisch, zur Sonne, zur Freiheit. „Ich weiß, den einen gefällt es, was ich hier mache, den anderen nicht. Ich gucke nicht nach rechts oder links, ich schaue nur nach vorn. Was andere denken, interessiert mich nicht.“ Ja, er sei schon so eine Art Eigenbrötler, ein Paradiesvogel. „Ich schade niemandem. Also kann ich doch tun und lassen, was ich will.“ Offen sei er, spontan und viel unterwegs. „Was mir auf meinen Reisen gefällt, versuche ich auf dem Grundstück umzusetzen. Natürlich habe ich auch selbst Ideen.“ In eine Multiplexplatte direkt überm Fenstersturz hat er einen Schriftzug gefräst und mit Goldfarbe abgesetzt: „Das Vergleichen ist das Ende vom Glück und der Anfang der Unzufriedenheit.“

Der Otterwischer Bürgermeister Matthias Kauerauf empfindet den etwas anderen Zeitgenossen mit seiner roten Mütze und dem Rauschebart, der auch als Weihnachtsmann durchgehen könnte, durchaus als Bereicherung: „In der Adventszeit stand ein riesiger selbst ausgesägter Schwibbogen mit sieben Kerzen und Flackereffekt auf dem Haus. Das machte schon was her.“ Anderswo werde Eintritt verlangt, hier könnten Schaulustige gratis einen Blick erhaschen, sagt der Ortschef. Nein, eine Gestaltungssatzung habe sein gallisches Dorf nicht, weswegen Herr Fischer im Prinzip freie Hand habe und keine Auflagen fürchten müsse. „Es ist doch originell. Der eine mag es eben greller, der andere gesetzter. Wir leben auf dem Land, da riecht es auch mal, wenn der Bauer den Mist ausfährt.“ Streit gebe es nicht, nur im Sommer, wenn der Hauseigentümer mit kurzer Hose schon früh ab sechs Uhr an seinen Skulpturen werkele, habe sich mal jemand wegen zu lauter Musik gestört gefühlt.

Avatar lässt grüßen

Im Auto wird es immer kälter, vor allem fußkälter. Regelmäßig muss ich kurz die Tür aufmachen, damit das Licht wieder aufleuchtet. Ich bin erleichtert, als mir der Exot vorschlägt, die Eisbeine zu vertreten. Er könne mir noch sein selbst gezimmertes überdimensional großes Insektenhotel zeigen. Donnerwetter, was für ein Teil. Ob dort auch all die aus dem Film Avatar bekannten Feuerfliegen, Motten- und Bussardwespen verkehren? Ringelnattern, Blindschleichen und Salamander, so sagt er, seien am Teich seine beliebtesten Untermieter. Ich soll im Sommer wiederkommen: „Da grünt und blüht es hier überall.“ Plötzlich wird die Nacht zum Tag. Ein Meteorit rast nur 100 Meter an uns vorbei. Keine Angst, beruhigt der Mann, es sei nur der Zug nach Leipzig.

Das Insektenhotel bietet Herberge für gern gesehene Gäste. Quelle: Thomas Kube

Aufbruch nach Pandora 2154. Aufbruch nach Otterwisch 2018. Anders als im Science Fiction sind wir Erdenbürger in der realen Welt noch nicht ganz blutleer. Und doch verschlägt es die Passanten aus nah und fern immer öfter zu dem Außerirdischen. Vielleicht spüren sie, dass er sich etwas davon bewahrt hat, wovon andere nur träumen. Unangepasstheit? Unabhängigkeit? Ungehorsam? Ähnlich begeistert wie sonst nur ein Kind, ein Milchbart, berichtet der Rentner von seinen Arbeiten im Innern des Hauses: „An der Wand, gleich gegenüber von meinem Bett, erschaffe ich mit Furnier eine Landschaft – Felder rechts und links und ein Weg in der Mitte.“

Kuriose Grundstücke – Das sagt das Amt

Solange sich ein Eigentümer im sogenannten verfahrensfreien Bereich bewegt, ist er in der Ausgestaltung seiner Flächen relativ frei, sagt Brigitte Laux vom Landratsamt Landkreis Leipzig. Verfahrensfrei heiße, dass es keine Gestaltungsvorschriften (zum Beispiel aus einer Gestaltungssatzung oder aus dem Planungsrecht der Kommune oder aus dem Denkmalschutz heraus) gibt und auch keine Baugenehmigung (Paragraf 61 der Sächsischen Bauordnung) erforderlich ist.

Laux weist darauf hin, dass nicht nur Bauten, sondern auch Aufschüttungen und Grabungen ab einer gewissen Größe genehmigungspflichtig seien. Sie empfehle, immer auch an den Nachbarn zu denken und die Gestaltung so anzulegen, dass für diesen noch Arbeiten möglich sind (sogenanntes Leiter- und Hammerschlagrecht). Zudem sind auch Sicherheitsaspekte zu beachten. Dies nicht nur in Bezug auf Standsicherheit und Unfallquelle, falls die Fläche frei zugänglich ist, sondern auch mit Blick auf die Verkehrsteilnehmer, die möglicherweise abgelenkt werden könnten.

Von Haig Latchinian

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