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Borna Baustellen und Naturidylle
Region Borna Baustellen und Naturidylle
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21:02 04.06.2018
Es wurde und wird viel gebaut: Ferienhäuser mit Seezugang an der Lagune Kahnsdorf. Quelle: Andreas Döring
Kahnsdorf

Wir starten am Campingplatz. Eine Überblickstafel zeigt die Tour um Hainer und Haubitzer See mit 16 Kilometern an. Gleich daneben ist der Kahnsdorfer See eingezeichnet. Wir beschließen, auch diesen zu umfahren.

Teil 3 der LVZ-Radwegeserie „Fahrradtour durchs Neuseenland“ – rund um den Hainer See

Zunächst geht es durch den so genannten Datschen-Hain. Ein Kran hievt gerade eine Stein-Palette auf eine Baustelle. Modern und rustikal, Bauhaus-Stil und Blockhaus, groß und klein – ganz unterschiedliche Ferienhäuser sind hier entstanden. Und es werden noch viel mehr. Jede Menge Vierecke mit der Bezeichnung „Nr. 1-39“ und „Nr. 41-95“ sind auf einer Infotafel vermerkt.

Nicht so schön: Autos auf Radweg

Wir radeln ein Stück am Ufer. Dann führt der Weg wieder auf die obere asphaltierte Straße. Dort dürfen Autos fahren, was für Radler nicht so schön ist. Bald darauf geht es links bergab zum Strand. Im Sand sonnen sich einige Badegäste auf ihren Decken. Ein Mann spielt mit seinem Hund im Wasser. Zwei Surfer ziehen ihre Bahnen. Wir testen mit den Füßen die Wassertemperatur und schätzen sie auf 18 Grad.

Weiter geht’s. Eigentlich müssten wir uns nun auf dem Rundweg links halten und zwischen dem Hainer und Kahnsdorfer See auf einem schmalen Landstreifen fahren. Aber wir wollen ja noch um den Kahnsdorfer, verlassen also den Rundweg und wählen zunächst einen Trampelpfad auf der Wiese.

Kahnsdorfer See schwierig zu umrunden

Nach wenigen hundert Metern stehen wir auf der Verbindungsstraße Großzössen-Rötha und halten uns links. Autos und Lkws überholen uns, der See ist von Bäumen verdeckt. Das macht nicht viel Spaß. Wir beschließen, einen schöneren Weg zu suchen, was gar nicht so einfach ist. Der erste Versuch geht schief. Der Pfad nach links erweist sich als Sackgasse. Zwar finden wir hübsche und einsame Uferstellen, aber man kann dort nicht radeln. Also zurück zur Straße.

Nach rund anderthalb Kilometern nehmen wir in einer Kurve einen Wirtschaftsweg, der uns zum See zurück bringt. Wir sind nun am anderen Ende des Landstreifens zwischen den beiden Seen. Ergebnis unseres Experiments: Man sollte auf dem empfohlenen und gut ausgeschilderten Rundweg bleiben.

Kritik: „Hier wird zuviel zugepflastert“

Wir nähern uns der „Lagune“ Kahnsdorf. Rege Bautätigkeit prägt dieses neue Uferviertel. Betonmischer, Kräne, Lastwagen. Ein Wintergarten wird soeben in das zweite Geschoss eines Hauses eingepasst. Motor- und Segelboote schaukeln im Wasser. Am kleinen Sandstrand ist an diesem Wochentag nicht viel los.

„Das ist am Wochenende ganz anders“, sagt Sonja Andrä aus Borna. Sie kommt mit ihren Enkeln seit Jahren gern zum Hainer See zum Baden, „aber es wird leider immer voller, da gibt es kaum noch einen freien Platz am Strand“. Auch keine öffentlichen Toiletten, kritisiert sie. Ihrer Meinung nach werde zuviel gebaut.

Das findet auch Wolfgang Schütze aus Schleswig-Holstein, der das erste Mal diesen See besucht. „Ich bin ja begeistert vom Leipziger Neuseenland, es ist so spannend, was hier entstanden ist“, lobt er. Jedoch: „Hier wird zuviel zugepflastert, das ist bei anderen Seen besser gelungen.“

Historie und Ruhe im Schillerpark

Kein Baulärm ist im nahen Schillerpark zu hören. Idyllisch liegt das Rittergut mit hübschem Café am wieder hergestellten Teich. Ein Kinderspielplatz mit Piratenschiff wartet auf kleine Gäste.

Schiller in Kahnsdorf

1767 wurde das Rittergut Kahnsdorf an die Leipziger Gelehrtenfamilie Ernesti verkauft. Dadurch bekam der kleine Ort einen kurzen Auftritt auf der literarischen Weltbühne. Am 1. Juli 1785 lud Rittergutsbesitzer und Universitätsprofessor Johann Christian Ernesti die beiden jungen Männer Gottfried Körner und Friedrich Schiller nach Kahnsdorf ein. Schiller und Körner verband seit diesem Treffen eine innige Freundschaft, welche den Dichter zu seinem Gedicht „An die Freude“ bewegt haben soll. Noch heute erinnert eine Gedenktafel am Rittergut an dieses Treffen.

Im nahen Eiscafé kommen wir mit den Inhabern Bettina und Matthias Vater ins Gespräch. Die beiden hatten zunächst ein Café in Rötha, öffneten 2011 am Hainer See. Damals gab es viele Skeptiker. Sie wurden gefragt: Was wollt ihr denn in Kahnsdorf? Wollt ihr euch etwa zur Ruhe setzen? „Die Entwicklung des Sees ist ein Wahnsinn!“, sagt Matthias Vater. Viele Leute von auswärts würden kommen, auch zahlreiche Chemnitzer, die über die Autobahn schnell vor Ort sind. Das Dorf selbst sei auch „sehr schön“ geworden.

Seniorin vermisst Bäcker und Konsum

Stimmt. Neben dem historischen Rittergut gibt es Fachwerk und hübsch sanierte Häuser in dem Ort, dessen Ursprünge ins Mittelalter reichen. In ihrem Garten werkelt eine Seniorin. Die 83-Jährige lebt seit 1956 im Dorf, Jahrzehnte an der Bergbaukante. „Wir hatten hier so viel Dreck! Aber es war nicht alles schlecht“, erzählt sie. Damals habe jeder jeden gekannt, es gab viele Freundschaften im Ort, „das ist heute anders“.

Ein wesentlicher Grund dafür sei, dass es keine Treffpunkte mehr gibt. Einst hatte Kahnsdorf drei Bäcker, zwei Fleischer, einen Konsum, einen Kolonialwarenladen, eine Post und drei Gasthöfe. „Heute haben wir keine einzige Einkaufsmöglichkeit mehr, das ist vor allem für uns alte Leute ganz schlecht“, kritisiert sie. Und fürs Dorf auch, „weil sich die Menschen nicht mehr treffen“.

Einsamkeit und Natur pur fern von Besiedlung

Wir verlassen Kahnsdorf und bald darauf erinnert nichts mehr an Baulärm und Besiedlung. Im Vergleich zu anderen Bergbauseen ist der Hainer See schon recht üppig zugewachsen mit Bäumen und Sträuchern. Wir wählen den unteren Pfad und radeln durch Wiesen mit Margeriten und Butterblumen. Eine Landzunge markiert die Trennung von Hainer und Haubitzer See. Hier lässt sich leicht zur anderen Seite schwimmen.

Doch wir umrunden den dritten See dieses Tages. Bald sind wir wieder auf der Asphaltpiste. Rechts Rapsfelder, links das Wasser und von vorn heftiger Gegenwind. Doch nicht lange. Am östlichen Zipfel des Gewässers geht es nach links und steil bergab, so sind wir bald auf der anderen Seite und haben den Wind im Rücken. Ein schöner Badestrand lädt auch hier ein.

Die beiden Häuser vom Seehaus sind ein Stück weiter links zu sehen. Junge Strafgefangene sollen hier resozialisiert werden. Flyer in einem Holzständer am Weg mit der Überschrift „Wahr.Haft.Leben.“ informieren über das Projekt.

Seehaus: Offener Strafvollzug

Die beiden ansehnlichen Dreigeschosser könnten auch Hotels sein. Sind sie aber nicht. Das Areal am Nordufer des Hainer Sees ist eine Einrichtung des Jugendstrafvollzugs. Der Verein Seehaus will hier dauerhaft sein Konzept vom Jugendstrafvollzug in freien Formen umsetzen. Nachdem Ende Februar vier Strafgefangene und erste Mitarbeiterfamilien in das Objekt einzogen, wurde das Seehaus Leipzig im vergangenen Monat offiziell eingeweiht. Das Projekt wurde von viel öffentlichem Widerstand begleitet.

Camping-Gäste loben See und Ambiente

Und schon sind wir wieder am Campingplatz. Maria Heger sonnt sich neben ihrem Wohnmobil mit Blick auf den See. „Wir kommen aus Hof und sind zum ersten Mal am Hainer See“, sagt die 31-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Mann besuchte sie schon mehrmals das Highfield-Festival am Störmthaler See. So wurden die beiden auf diesen Campingplatz aufmerksam. Ihre erste Ausfahrt mit Wohnmobil nutzen sie für einen Besuch. „Wir finden es wunderschön! Sicher liegt es auch am herrlichen Wetter heute, aber hier ist ein mediterranes Flair!“, meint die junge Frau begeistert und will wiederkommen.

Erschöpft sind Jessy Gerschler und Anna-Sophie Nieth, als sie ihre Fahrräder an der Rezeption abstellen. Die zwei jungen Frauen haben gerade ihr Abitur bestanden und gönnen sich einen Kurzurlaub in der Region. Sie sind von Leipzig hierher geradelt und möchten drei Tage bleiben. Ob sie den See noch umrunden? „Weiß noch nicht, mal sehen. Jetzt bauen wir erst mal unser Zelt auf und sind froh, dass wir da sind“, meint die 19-jährige Jessy und greift nach ihrer Wasserflasche.

Stichwort Hainer See

Der Hainer See liegt in der Leipziger Tieflandsbucht nordwestlich von Borna und südlich von Leipzig im Gemeindegebiet Neukieritzsch. Er ist der mittlere der drei Restlochseen des ehemaligen Tagebaus Witznitz II.

Der Hainer See entstand wie der Haubitzer und der Kahnsdorfer See durch Renaturierung des 1993 stillgelegten Tagebaus Witznitz II. Seinen Namen hat er von dem durch den Tagebau abgebrochenen Ort Hain, dessen ehemalige Flur nun im See liegt.

Anfang 2010 erreichte der See seinen Endwasserstand. Im gleichen Jahr wurde er über einen Kanal an die Pleiße angeschlossen.

Der See und die angrenzenden Uferbereiche gehören zum Eigentum der Blauwasser GmbH & Co. KG. Seit 2008 wird der Hainer See touristisch erschlossen. Die zwei Entwicklungsschwerpunkte sind dabei die Lagune Kahnsdorf und das Nordufer bei Rötha.

Um der Versauerung entgegenzuwirken und für das Seewasser „Erholungsqualität“ zu erreichen, setzte die LMBV bis zum Endpunkt der Flutung dem Flutungswasser gelösten Brandkalk zur Neutralisation zu. Die Neutralisationsanlage wurde anschließend am Zwenkauer See eingesetzt.

Teil 1: Bergbaugeschichte am Störmthaler See

Teil 2: Moderne Architektur am Zwenkauer See

Von Claudia Carell

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