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Borna Bergleute aus Borna erzählen von bewegten Wendejahren
Region Borna Bergleute aus Borna erzählen von bewegten Wendejahren
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07:00 03.12.2018
Die beiden Kraftwerke in Espenhain wurden Anfang der 2000er Jahre gesprengt. Hier fällt der zweite Koloss im Juni 2003. Diese Wandeljahre in der Braunkohlenindustrie sind Thema eines großen Interview-Projektes mit Beschäftigten jener Zeit. Quelle: dpa
Borna

 Nach der Wende mussten Bergmänner immer mal weinen. Zum Beispiel am Morgen des 15. April 2000 am Kraftwerk I in Espenhain. Der Bau war 140 Meter lang, 70 Meter breit und 40 Meter hoch, ausgehöhlt. In seinen Mauern klebten 700 Kilogramm Sprengstoff. Gegen 9 Uhr zerrissen tausende Schüsse die Luft, die Erde zitterte. In Zeitlupe sackte der Koloss zusammen, umgeben von einer riesigen Staubwolke.

2500 Menschen schauten zu. Sie staunten, klatschten und grölten – doch einige weinten auch. Bergmänner, große, kräftig Typen, die in diesem Haus gearbeitet hatten, ein halbes oder ganzes Leben lang. Nun war davon nur noch ein Schuttberg übrig.

In den 1990er und 2000er Jahren wurden im Leipziger Südraum Tagebaue still gelegt. 1994 war im Tagebau Espenhain Schluss.

In den 1990er und 2000er Jahren wurden im Leipziger Südraum Tagebaue still gelegt, Schornsteine, Kühltürme und Kraftwerke gesprengt. Massen von Arbeitern erhielten ihre Kündigung. Allein im Werk Espenhain, im In- und Ausland als gigantische Dreckschleuder bekannt, arbeiteten zu DDR-Zeiten 6000 Menschen. Zehn Jahre nach der Wende waren es noch 750.

Bergmann Rudolf Lehmann aus Neukirchen hat schlimme Erinnerungen an die Wendejahre. Quelle: Jens Paul Taubert

Diese Zeit wird jetzt intensiv beleuchtet. Ehemalige Bergleute, aber auch Arbeiter aus der Chemie-Industrie und dem Energiesektor, berichten von ihren Erlebnissen und Erfahrungen – in Interviews. Diese junge wissenschaftliche Methode nennt sich Oral History. Individuelles Arbeitsleben aus der Bornaer Region wird auf diese Weise festgehalten. Die Betroffenen bekommen eine Stimme.

Rudolf Lehmann ist einer von bisher 42 Interview-Partnern des Projektes, das der Förderverein zum Aufbau des Dokumentationszentrums Industriekulturlandschaft Mitteldeutschland, kurz DokMitt, initiiert hat. „Ich stehe dem Vorhaben positiv aufgeschlossen gegenüber“, sagte der 83-Jährige. Generell sei er der Meinung, dass die Geschichte des Bergbaus in der hiesigen Region ein wichtiges Stück Historie ist. Er hat Jahrzehnte davon miterlebt – und mitgeprägt.

Wandel kam plötzlich – 1990er Jahre waren dramatischer Schnitt

1953 begann der künftige Student der Bergakademie Freiberg sein einjähriges Praktikum. In Stein- und Braunkohletagebauen, Kraftwerken und Veredlungsanlagen. Nach dem Studium führte er als Bergbau-Ingenieur die Filterbrunnenentwässerung in den Gruben ein, schloss den Tagebau in Cospuden auf, baute Bandanlagen in Espenhain und Borna. Auch persönlich war er mit dem Tagebau – schmerzlich – verbunden: Sein Heimatort Magdeborn wurde überbaggert.

Einer der letzten Kolosse der Braunkohlenindustrie in der Bornaer Region fiel am 21.10.2016: die Sprengung des Bunkerschwerbaus im Kraftwerk Thierbach im Video:

Die 1990er Jahre erlebte er als dramatischen Schnitt für die Bergleute. „Keiner hatte diesen plötzlichen Wandel erwartet“, sagte er. Als Länderchef Westsachsen-Thüringen bei der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltung mbH (LMBV) gestaltete er eine der größten Landschaftsveränderungen europaweit mit: Tagebaulöcher wurden zu Erholungsseen.

Massenentlassungen und ABM-Jobs: nächtliche Beschimpfungen

Neben Massenentlassungen wurden ganze Betriebsteile in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) überführt. „Dabei gab es viele Auseinandersetzungen“, erinnerte er sich. Sogar nachts riefen bei ihm zu Hause Leute an und beschimpften ihn.

Rudolf Lehmann weiß, dass der Bergmann ein besonderer Berufsstand ist und die Menschen in aller Regel darauf stolz sind. Dies würde mit der Tradition zusammen hängen. Bergbau begann einst unter Tage, da war man in Sachen Sicherheit aufeinander angewiesen, das schweißt zusammen.

Nun änderte sich in so kurzer Zeit ein ganzer Industriezweig einer Region, „das war sehr schwer“. Dennoch ist er sich sicher: „Viele Bergleute sind heute stolz auf die Umwandlung der Leipziger Tieflandsbucht ins Neuseenland.“ Was nicht bedeute, dass die Welt gänzlich in Ordnung sei. Bis heute ärgert er sich zum Beispiel, dass ein Teil der Bergleute noch immer um ihre Zusatz-Rente kämpft.

Was ist Oral History?

Oral History heißt übersetzt mündliche Geschichte und ist eine Methode der Geschichtswissenschaft. Dabei geht es weniger um die Auswertung „harter Fakten“ – die Oral History gewinnt ihre Erkenntnisse aus der Befragung von Zeitzeugen.

Meist werden umfangreiche Interviews zu einem bestimmten Thema geführt. Dabei sollen die Zeitzeugen möglichst wenig von dem Historiker beeinflusst werden, sondern die Möglichkeit bekommen, von sich und ihren Erfahrungen zu erzählen und auf diese Weise ihre Lebenswelt und Sichtweisen für die Nachwelt darstellen.

Verwendet wird die Methode vor allem für Alltagsgeschichte, Volkskunde und Lokalgeschichte. Der Begriff Oral History kam in den 1930er-Jahren auf. Verstärkt wird diese Methode seit den 1980ern im deutschen Raum benutzt. Die meisten Projekte zeichnen die lebensgeschichtlichen Erinnerungen als Audio- oder Video-Interviews auf.

All dies erzählte er im Interview Ariane Zabel. Die 35-jährige Museologin hat gemeinsam mit dem Historiker Christian Schmidt bereits 42 Interviews geführt. Mit Frauen und Männern aus verschiedenen Generationen und Berufen der Braunkohlenindustrie, mit Chefs und Arbeitern, mit jenen, die nach der Wende beruflich erfolgreich waren und auch jenen, die nie wieder eine Festanstellung bekamen. „Schwerpunkt der Interviews ist die Wendezeit“, sagte Zabel. „Aber wir fragen natürlich auch nach dem beruflichen Werdegang und wie es nach der Wende weitergegangen ist.“

Inzwischen gibt es tausend Seiten Interview-Texte. Die Gespräche, die seit vergangenem Jahr geführt und in Bild und Ton aufgezeichnet werden, nähern sich dem Ende. Das geförderte Projekt soll aber noch bis Ende 2020 laufen, wobei sich die zwei Wissenschaftler dann mit der Auswertung beschäftigen.

Ariane Zabel und Christian Schmidt interviewen in Borna Bergleute zu ihren Wende-Erfahrungen. Außerdem sammeln sie Material zur Braunkohlenindustrie, zum Beispiel Fotos, Akten, Schmuckbriketts und Grubenlampen. Quelle: Claudia Carell

Es gehe um den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wandel im Leben des einzelnen. Dabei soll die These von der SPD-Politikerin und früheren Landrätin Petra Köpping aufgegriffen werden, dass die Ereignisse der 90er Jahre bei vielen bis heute nicht verdaut sind – und deshalb dringend thematisiert und aufgearbeitet werden sollten. Auch wollen die Forscher analysieren, wie die Wende-Erlebnisse politische Einstellungen geprägt haben könnten.

Über Fabrikschließung: „Da hab’ ich für immer angehalten“

Schon jetzt sei klar, „dass es nicht eine Tendenz gibt“, sagte Ariane Zabel. Die Erfahrungen seien so vielfältig wie die Menschen, jeder sei mit der Situation auf seine Weise umgegangen. Doch schmerzlich sei es für die allermeisten gewesen. Christian Schmidt: „Als ein Mann im Interview von der Schließung seiner Brikettfabrik berichtete, sagte er mit einem Versprecher: ’Da hab’ ich für immer angehalten’.“ Gemeint war natürlich die Fabrik.

Kommentar: Kumpel-Erinnerung bewahren

Kohle, zu DDR-Zeiten ging nichts ohne sie. Doch mit der politischen Wende kam für zahlreiche Braunkohlefabriken, Veredlungsanlagen und Tagebaue das Aus. Erinnerungen an diese Zeit können sehr unterschiedlich sein. Deshalb ist zu begrüßen, dass der Förderverein Dokmitt jetzt das Arbeitsleben der Bergleute erforscht. In einem einmaligen Zeitzeugen-Projekt werden 42 Menschen interviewt. Das Ziel: Ihre Erinnerungen festhalten für eine Zeit, in der es hierzulande keinen Bergbau mehr geben wird. Anliegen ist aber auch, den Menschen zuzuhören, die einen gewaltigen Bruch in ihrem Arbeitsdasein erlebten, schlimmstenfalls nie wieder richtig Fuß fassen konnten.

Die Zahlen, wie viele Tausend Kumpel nach Hause geschickt wurden, sind bekannt. Aber wie sich das für die Arbeiter angefühlt hat, wie schwer ihr Beruf war, welche Gefühle sie beim Sprengen der riesigen Schlote übermannt haben – das steht bisher in keinem Geschichtsbuch . Davon können nur die Betroffenen selbst berichten. Dass der Bedarf daran groß ist, zeigen die inzwischen tausend Seiten Texte, die sich mit Zeitzeugen-Interviews gefüllt haben. Sie geben einen Einblick, wie Bergleute, Direktoren, Gewerkschafter den Strukturwandel erlebt haben. Noch wird es einige Zeit dauern, bis alle Gespräche ausgewertet sind. Es scheint sicher, dass sie Grundlage für eine Erfahrungsgeschichte des Bergbaus in der Region sein können. Möglich wäre, Video-Ausschnitte zu zeigen und so den Kumpels von einst in der Debatte um den benachteiligen Osten eine Stimme zu geben.

s.prenzel@lvz.de

Die beiden Wissenschaftler wollen sich nicht nur mit den Interviews und der Auswertung beschäftigen – sie möchten auch die Zeitzeugen zusammen bringen. Ein erstes Treffen gab es Mitte November in Borna. „Das kam gut an. Die Teilnehmer berichteten, dass sie es positiv fanden, von anderen Erlebnissen zu hören und generell über die Zeit von damals zu sprechen“, berichtete der Historiker. Weitere solche Treffen sollen folgen.

Kontakt zum Interview-Projekt von DokMitt unter Telefon 0152/57458721.

Stichwort DokMitt

Seit vielen Jahren gibt es im Leipziger Südraum Bestrebungen, einen Erinnerungsort für die Geschichte des Braunkohlenindustrie der hiesigen Region zu schaffen. Der Tagebau hat maßgeblich die Region geprägt und zur heutigen Seenlandschaft geführt.

Der Förderverein zum Aufbau des Dokumentationszentrums Industriekulturlandschaft Mitteldeutschland, kurz DokMitt, engagiert sich dafür. Es soll ein „regionales Gedächtnis“ entstehen, ein Netzwerk von verschiedenen Akteuren, das Forschungsprojekte initiiert, sich auch in Bildungsarbeit und Tourismus engagiert.

„Die vielfältigen Veränderungen binnen weniger Jahrzehnte müssen wissenschaftlich aufgearbeitet und öffentlich zugänglich festgehalten werden, um den nachkommenden Generationen Antworten für deren Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft und für ihre Identität zu ermöglichen“, teilte der Verein mit.

Von Claudia Carell

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