Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Betriebsräte: Früher Kohleausstieg wird teuer
Region Borna Betriebsräte: Früher Kohleausstieg wird teuer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:15 27.11.2018
Jens Littmann (r.) und Volker Jahr, Betriebsratsvorsitzende des Kraftwerks Lippendorf und der Mibrag, sind von einem schnellen Ende der Kohleverstromung nicht überzeugt. Quelle: André Neumann
Neukieritzsch/Lippendorf

„Ziel der Kohlekommission darf es nicht sein, einfach nur den Ausschaltknopf zu definieren.“ Der das sagt ist Jens Littmann, Betriebsratsvorsitzender im Braunkohlekraftwerk der Leag (Lausitz Energie) in Lippendorf. Und er ist sich darüber einig mit dem Kollegen Volker Jahr, der die gleiche Position beim Bergbauunternehmen Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) innehat.

Beide sind zumindest ein klein wenig erleichtert, wenn die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission ihren Abschlussbericht nun doch nicht schon in dieser Woche, sondern voraussichtlich erst im Januar vorlegen wird. Denn was bisher nach außen drang, ließ die beiden Männer noch nicht davon ausgehen, dass der Strukturwandel, der dem geplanten Kohleausstieg vorangehen müsse, erfolgversprechend angeschoben wird.

Braunkohleförderung bringt immense Wertschöpfung

„Der Bundeswirtschaftsminister“, stellt Littmann leicht spöttisch fest, „verspricht jedem eine Batteriefabrik.“ Doch das und ein paar Bundesbehörden reichen nicht aus, wenn die Region den angepeilten Kohleausstieg überstehen soll.

Die Rechnung von Jahr und Littmann sieht so aus: Die Braunkohleförderung im mitteldeutschen Revier ist pro Jahr für eine Wertschöpfung von 400 bis 500 Millionen Euro verantwortlich. Das Lippendorfer Kraftwerk kommt in diesen Zahlen noch nicht einmal vor, weil der Energieerzeuger in der Bilanz für das Lausitzer Revier steckt. Da wird von rund 1,3 Milliarden Euro gesprochen.

Und, fügt Jahr hinzu: „70 Prozent der Finanzierung der Sozialsysteme kommen aus Industriearbeitsplätzen.“ Damit, so sein Fazit, sollte es im Interesse des Landes sein, diesen Wirtschaftszweig zu erhalten.

Die Betriebsbsratsvorsitzenden der Mibrag, Volker Jahr, und des Kraftwerks Lippendorf, Jens Littmann, warnen vor einem übereilten Kohleausstieg.

Littmann: Steuerzahler kommt für vorzeitigen Ausstieg auf

Dass das Land auf Kohleverstromung in Zukunft verzichten muss, stellen auch Jahr und Littmann nicht in Abrede. Die Frage sei nur: Wie schnell und zu welchem Preis? Bergbauunternehmen und Energieerzeuger arbeiten mit ihren aktuellen Betriebsplänen auf den Ausstieg hin. Der Tagebau Profen habe laut Volker Jahr einen bestätigten Betriebsplan bis 2035, der für den Tagebau Vereinigtes Schleenhain laufe bis 2042. „Bis dahin fahren wir runter und schließen ab“, sagt Jahr. Damit rechnen die Unternehmen. Mit der laufenden Produktion, erklärt er, verdiene das Bergbauunternehmen das Geld für die Rekultivierung der in Anspruch genommenen Flächen.

Im Umkehrschluss heiße das, darauf weist Jens Littmann hin: Ein vorzeitiger Ausstieg kostet den Steuerzahler Geld. „Und je eher der Knopf gedrückt wird, um so teurer wird es“, ist der Betriebsratschef aus dem Kraftwerk überzeugt.

Zweifel an Stromerzeugnis von erneuerbaren Energien

Dabei stehen selbst die geregelten Ausstiegsszenarien für ihn unter einem Vorbehalt, den er mit knapper Formulierung benennt: „Stand jetzt“. Denn beide, Littmann und Jahr, sind noch längst nicht überzeugt, dass das Land in absehbarer Zeit ohne Kohlestrom auskommen wird. Mit nur zwei Beispielen untermauert Littmann seine Skepsis. Erstens: Um künftig den im Norden auf See produzierten Windstrom in die südlichen Industriereviere zu transportieren, müssten 7700 Kilometer Stromleitungen gebaut werden. Bis jetzt sind nur 950 Kilometer geschafft. Zweitens: Strom aus erneuerbaren Energien hat immer Vorrang; wenn es viel Wind- und Sonnenstrom gibt, werden Kohlekraftwerke gedrosselt oder heruntergefahren. Ergo, sagt Littmann: „Wenn die Netze genug Strom aus erneuerbaren Energien hätten, müssten wir nicht mehr produzieren. Aber wir werden gebraucht.“

Rund 300 Beschäftigte hat das Kraftwerk Lippendorf, knapp 2000 Menschen arbeiten bei der Mibrag. Viele von denen müssen sich um ihren persönlichen Arbeitsplatz nicht sorgen. Für ihr Arbeitsleben reicht die Zeit bis zum Kohleausstieg. Doch was, sagt Littmann, sei mit Kindern und Enkelkindern und nachfolgenden Generationen. Es gehe eben nicht nur um die jetzt aktiv in Kohle und Energie beschäftigten Menschen. Es gehe um das Schicksal einer ganzen Region.

Von André Neumann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Tänzer des Pegauer Karneval-Klubs haben beim bundesoffenen Turnier in Hannover aufgetrumpft. Vier Plätze auf dem Treppchen und eine weitere Qualifikation fürs deutsche Halbfinale sprangen heraus.

27.11.2018

Die Beamten durchsuchten mehrere Objekte in Lobstädt und Neukieritzsch. Bei den verdächtigten Personen war die Polizei bereits in der Vergangenheit fündig geworden.

27.11.2018

Große Anbauflächen werden zum Spekulationsobjekt. Der Gier nach Ackerland widmete sich kürzlich ein Forum von Bündnis 90/Die Grünen im Schloss Wurzen.

27.11.2018