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Borna Bilder einer Bornaer Künstlerin kommen als Graffiti an die Wände
Region Borna Bilder einer Bornaer Künstlerin kommen als Graffiti an die Wände
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16:23 22.02.2018
Sechs Neuinterpretationen der Werke von Martha Schrag haben das Rennen gemacht und werden in den kommenden Wochen an Haus- und Garagenwände übertragen. Quelle: Julia Tonne
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Borna

Die Sieger stehen fest. Dabei hatte das Kinder- und Jugendparlament (Kijupa) die Qual der Wahl, 22 Entwürfe waren bei dem Gremium eingereicht worden, das im Rahmen eines Graffiti-Projektes sechs von Schülern neuinterpretierte Werke der 1870 in Borna geborenen expressionistischen Malerin Martha Schrag an die Wyhra-Städter Hauswände bringen will.

Die sechs Siegerentwürfe des Wettbewerbs zu Martha Schrag, die per Graffiti an Bornaer Hauswände kommen, stehen fest. Die Bilder sind Neuinterpretationen von Werken der Expressionistin.

Schüler der achten bis elften Klasse aus der Dinterschule hatten sich an der Aktion beteiligt, kürzlich kam außerdem die Zusage vom Landkreis Leipzig, sich über den Jugendfonds an der Finanzierung zu beteiligen. Mit dem Projekt, so erklärt Carlo Hohnstedter vom Kijupa, solle die Künstlerin, die einst in Chemnitz zeichnete und ausstellte, in ihrer Geburtsstadt bekannter gemacht werden. „Die Geschichte ist ein Schatz, der gehoben werden muss“, begründet er. Mit der Resonanz von Seiten des Neigungskurses aus der Dinterschule hatten weder er noch Jugendreferent Inya-Tinko Rabold gerechnet. Um so überraschter waren beide über die 22 eingereichten Bilder. Doch die Auswahl, welche nun umgesetzt werden sollen, fiel schwer. „Es waren doch beeindruckende Werke darunter“, sagt Rabold.

Die Standorte, die demnächst zur Kunstgalerie avancieren, stehen bereits fest. Ein mit Graffiti umgesetztes Kunstwerk von Schrag erhalten das Buswartehäuschen an der Sachsenallee auf Höhe des Breiten Teichs, die Rückseite eines Schuppens hinter der Grundschule West, die Rückwände von Garagen in Gnandorf, das Stromhäuschen in der Schulstraße sowie das Warthäuschen in Neukirchen an der Straße des Friedens.

Die Siegerentwürfe, die das künstlerische Schaffen der während der NS-Zeit als „entartet“ diffamierten Martha Schrag reflektieren, werden im Großformat legal gesprayt. Um die Ausgestaltung kümmern sich in den nächsten Wochen die beiden Schülerzentren der Stadt in Borna Ost und in Gnandorf sowie das Kinderhaus Pestalozzi in Zusammenarbeit mit Graffiti-Pädagogen. Beginn soll laut Hohnstedter jetzt in den Oktoberferien oder kurze Zeit später sein. Er rechnet mit der Fertigstellung im November.

Dabei brachte das Projekt zunächst eine große Herausforderung mit sich: Zu Martha Schrag fanden sich lediglich spärliche Informationen. „Es gibt zwar das ein oder andere Buch über sie, aber letztlich ist sie nur einem Fachpublikum bekannt“, erklärt Hohnstedter. Auch in den Schulen war der Name der Expressionistin weitgehend unbekannt. Hilfe kam schließlich von der Bornaer Buchhandlung, deren Mitarbeiterinnen in Antiquariaten stöberten und auch fündig wurden.

Rund 2500 Euro kostet das Projekt, ein Großteil kommt aus dem Jugendfonds des Landkreises, weitere Gelder von Sponsoren wie den Städtischen Werken und der Bornaer Wohnbau- und Siedlungsgesellschaft, die sich mit Spraydosen und den Flächen in das Projekt einbringen. Auch das Kijupa selbst brachte mehrere hundert Euro auf, um das ungewöhnliche Projekt zu verwirklichen.

Martha Schrag

Martin Stolzenau hat auf der Heimatseite im Februar über Martha Schrag und ihr Leben geschrieben. Hier sein Text:

Juliane Martha Schrag stammt aus Borna und entwickelte sich abseits vom kommerziell einträglichen Kunstbetrieb ungeachtet aller Beschränkungen in Chemnitz zu einer eigenständigen Künstlerpersönlichkeit, die über ihren Tod vor 60 Jahren hinaus in der deutschen Kunstlandschaft nachwirkt. Das Gesamtwerk der Malerin und Graphikerin, das durch Beschlagnahmungen der Nazis sowie durch Kriegszerstörung große Einbußen erlebte, reicht von Stillleben über Landschaften sowie eindrucksvollen Darstellungen von Frauen bis zur Arbeitswelt. Ihr sozialkritischer Realismus fand allerdings erst im hohen Alter in der DDR die gebührende Anerkennung. Inzwischen zählt sie neben Käthe Kollwitz zu den bedeutendsten Frauenpersönlichkeiten in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Schrag wurde am 29. August 1870 in Borna geboren. Sie war die zweite Tochter eines Justizbeamten. Sie offenbarte in ihren kindlichen Zeichnungen bereits früh ein außerordentliches Talent, das ihre Eltern allerdings nur wenig förderten. Der Berufswunsch des Mädchens, Künstlerin werden zu wollen, stieß auf wenig Gegenliebe. Als ihr Vater 1884 zum Justizrat sowie Gerichtspräsidenten in Chemnitz aufstieg, wurde die künstlerische Beschäftigung der Tochter eingeschränkt. Eine junge Frau, die eine Künstler-Laufbahn anstrebte, war in ihrem bürgerlichen Umfeld eher anstößig.

Aber sie ließ nicht locker. Ab 1898 durfte sie die von Robert Sterl in Dresden betriebene Malschule besuchen. Weitere Lehrer waren Wilhelm Ritter, Anton Pepino und Wilhelm Claudius. Akademien waren nur für Männer zugelassen. Ihre Lehrer verdienten sich mit der Unterrichtung von Frauen ein Zubrot. Schrag gehörte nun zu den sogenannten „Malweibern“. Ihre Zukunft sah sie zunächst als Illustratorin für Kinderbücher.

Doch nach ihrer Rückkehr nach Chemnitz regte Dr. A. E. Thiele, ein maßgeblicher Kunstfreund und Rezensent, der sie in den Chemnitzer Neuesten Nachrichten 1904 als großes Talent für die Zukunft ankündigte, Studien in einer einheimischen Eisengießerei an. Dazu gesellten sich das Erlebnis der Chemnitzer Munch-Ausstellung und enge Kontakte zu Mitgliedern der progressiven Künstlergruppe „Brücke“, die ebenfalls durch Thiele unterstützt wurde. Das beförderte eine neue thematische Ausrichtung bei Schrag. Ihre erste Sonderausstellung im Chemnitzer Kunstsalon Gerstenberger 1907 beinhaltete neben Natureindrücken auch Bilder aus der Arbeitswelt, die die Kunstkritik zu Vergleichen mit dem großen Constantin Meunier bewogen. Parallel schloss sich Schrag mit anderen zur „Künstlergruppe Chemnitz“ zusammen, die durch die unterschiedliche Ausrichtung der Mitglieder in der Folge nur eine Außenseiterrolle in der Region spielte.

1908/09 absolvierte Schrag in München die „Malschule für Damen“, wobei sie von Albert Weißgerber sowie Adolf Hofer frühexpressionistische Impulse aufnahm. Dazu erlebte sie in „Brakls Kunsthaus“ eine Ausstellung zu Vincent van Gogh und erste Arbeiten von Käthe Kollwitz. Die Münchner Eindrücke sorgten für den Abschluss ihrer ersten Schaffensphase. Es folgte ein deutlicher Qualitätssprung. Einen Höhepunkt bildete ihre Graphik-Mappe „Stürme“, in der sie im expressionistischen Stil den Ersten Weltkrieg verarbeitete. Dann gediehen der arbeitende Mensch und die Arbeitswelt endgültig zu Hauptmotiven. Mit ihrem sozialkritischen Realismus profilierte sie sich in der Weimarer Republik. Aber die vielen Graphiken sowie Ölbilder, die an Käthe Kollwitz sowie Ernst Barlach erinnernden Gestalten und etliche Beteiligungen an Ausstellungen mit einem „Silbernen Preis“ auf der Leipziger „Bugra“ reichten nicht für den Lebensunterhalt. Sie benötigte wie viele Künstlerkollegen zahlungskräftige Malschüler.

Dann kam 1933. Die Nazis lehnten Schrags sozialkritischen Wahrheiten und ihren Malstil ab. Rund 30 ihrer Werke wurden als „entartet“ sogar beschlagnahmt. Schrag flüchtete in die unpolitische Landschaftsdarstellung, überlebte den Bombenangriff vom 6. März 1945, der ihr Atelier sowie viele Arbeiten vernichtete, und die braune Schreckensherrschaft.

Trotz aller Einbußen und ihres Alters sah sie im Zusammenbrauch der Naziherrschaft für sich und für die deutsche Kunst eine große Chance. Sie glänzte auf Ausstellungen, bekam eine Ehrenrente, wurde 1950 Ehrenbürgerin von Chemnitz und schuf ungeachtet schwindender Sehkraft mit Hilfe einer Lupe letzte Arbeiten, bis sie am 10. Februar 1957 im damaligen Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) verstarb. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Nikolai-Friedhof.

Weiterführende Literatur: Ralf W. Müller „Gemahlte Sehnsucht. Martha Schrag“, eine Darstellung zu Leben und Werk,. Verlag Heimatland Sachsen. 2007

Von Julia Tonne

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