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Böhlen-Lippendorf: Anwohner und Firmen ringen um Kompromisse im Industriegebiet

Bürgerkontaktgruppe Böhlen-Lippendorf: Anwohner und Firmen ringen um Kompromisse im Industriegebiet

Sie ist die Schnitt-Stelle zwischen Unternehmen und Bürgern, sucht mit beiden Parteien nach Lösungen, wenn es droht, beispielsweise wegen Lärms und Staubs Unmut zu geben: die Bürgerkontaktgruppe (BKG) des Industrie- und Gewerbestandortes Böhlen-Lippendorf.

Blick auf Regis-Breitingen und das Kraftwerk Lippendorf. Die Bürgerkontaktgruppe setzt sich für lebenswertes Wohnen im Industriegebiet ein.

Quelle: Jens Paul Taubert

Böhlen. Mittlerweile gehören ihr 19 Bürger aus Böhlen, Neukieritzsch, Rötha, Lobstädt und Zwenkau an. Und sie sind nicht nur viele, sie haben in den vergangenen 18 Jahren auch viel erreicht, um das Leben im Industriegebiet lebenswert zu halten.

Lothar Kapitza aus Böhlen ist vom ersten Tag an dabei. "Als ich das erste Mal gehört habe, dass sich ein Unternehmen - damals die Dow - mit Bürgern treffen will, habe ich gedacht, dass alle Vorschläge ohnehin nur Lippenbekenntnisse werden", gibt Kapitza zu. Doch er sei schnell eines Besseren belehrt worden. "Wir haben unsere Sorgen vorgetragen und wurden dann gefragt, welche Möglichkeiten wir für eine enge Zusammenarbeit sehen würden", erinnert er sich.

Eines macht die BKG ganz deutlich: "Wir wollen die ortsansässige Industrie. Sie schafft Arbeitsplätze und sorgt für ordentliche Gewerbesteuereinnahmen", betont Horst Tilke, ehemaliger Personalchef der Heliosklinik in Borna und wohnhaft in Neukieritzsch. Doch die Industrie habe auch Auswirkungen auf die Umwelt und die Lebensqualität der hier lebenden Menschen - sei es in Form von Lärm durch die riesigen Anlagen oder von Staub. Um eben diese Auswirkungen einzudämmen, sitzen Unternehmen und Bürger mehrmals im Jahr gemeinsam am Tisch, um Lösungen zu suchen, die beiden Parteien gerecht werden. Die Dow ist längst nicht mehr das einzige Unternehmen, das mit den Anwohnern das Gespräch sucht. Auch Vattenfall, die Mibrag, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) sitzen mit am Tisch. Und das, macht Kapitza deutlich, sei fast einmalig. An anderen Standorten von Dow, wo der Chemieriese eine solche Gruppe ins Leben rufen wollte, scheiterten diese Versuche. "Wir haben es dennoch versucht, denn wer kämpft, kann verlieren, wer aber gar nicht erst kämpft, hat schon verloren", sagt Tilke.

Kapitza und er ziehen nach nunmehr 18 Jahren eine durchweg positive Bilanz. So sei es gelungen, zwei Großraumbagger im Tagebau Schleenhain umzusetzen, um den Lärm zu minimieren. Zudem wurden in den umliegenden Tagebauen akustische Anfahr-Warnungen der Transportbänder nachts auf optische Warnungen umgestellt. Um den Staub einzudämmen, wurde unter anderem vor der Ortslage Lippendorf ein Wald-Gehölzschutzstreifen angelegt.

Und die Liste lässt sich fortsetzen: Gemeinsam mit den Unternehmen hat es die BKG geschafft, dass lärmintensive Laufrollen von Transportbändern ausgetauscht wurden, dass eine Wiederaufforstung des Tagebaus Peres erfolgen konnte und die Antriebsmotoren für die Bandanlagen nahe Neukieritzsch ein kleines Häuschen für sich bekamen. Zudem haben sich die Tagebau-Unternehmen bereit erklärt, Emulsionen per Hubschrauber zu versprühen, um die Staubbelastung gering zu halten.

Für die Bürgerkontaktgruppe ist es wichtig, "dass die Firmen mit offenen Karten spielen - und das haben sie bisher alle gemacht", lobt Kapitza. Zwar machen die Bürger bei Veränderungen innerhalb der Betriebsabläufe Druck, wenn diese Änderungen mit mehr Lärm und Schmutz einhergehen, doch die Lösung müsse letztlich alle zufrieden stellen. Oft genug gebe es also Kompromisse, bei denen sich schließlich keiner benachteiligt fühle. Manchmal reiche schon ein Anruf von Seiten der BKB, damit die Firmen überprüfen, woher eine neue Lärmquelle komme. "Wir reden miteinander, kämpfen aber nicht gegeneinander", macht Tilke deutlich.

Julia Tonne

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