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Bombenalarm nach mehr als 70 Jahren – Hunderte Einsätze für Kampfmittelräumer

Hauptangriffsziele Böhlen und Espenhain Bombenalarm nach mehr als 70 Jahren – Hunderte Einsätze für Kampfmittelräumer

Es sind die Hinterlassenschaften des letzten Krieges. Sie sind ganz besonders häufig im Süden von Leipzig zu finden, das Areal, das neben der Großstadt Leipzig während des Zweiten Weltkrieges zu Hauptzielgebiet alliierter Bomber wurde,

Absperrung der Polizei im Juli 2015 nach der Meldung eines Bombenfundes an einer Baustelle in Geithains Colditzer Straße: Der entdeckte Gegenstand entpuppt sich dann allerdings als harmlos.

Quelle: Jens Paul Taubert

Landkreis Leipzig. Es sind die Hinterlassenschaften des letzten Krieges. Sie sind ganz besonders häufig südlich von Leipzig zu finden – das Areal, das neben der Großstadt während des Zweiten Weltkrieges zum Hauptzielgebiet alliierter Bomber wurde, sagt Thomas Lang, der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen. Im vergangenen Jahr mussten die 21 Mitarbeiter des Dienstes 874-mal ausrücken. „Davon hatten wir 350 Einsätze um und in Leipzig.“

Eine 250-Kilogramm-Fliegerbombe englischer Bauart aus dem Zweiten Weltkrieg

Eine 250-Kilogramm-Fliegerbombe englischer Bauart aus dem Zweiten Weltkrieg: Den Blindgänger, im März im Tagebaugebiet Vereinigtes Schleenhain, Abbaufeld Peres, bei Neukieritzsch gefunden, hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft.

Quelle: Mibrag

Lang weiter: „Die Industrie im Süden von Leipzig war für die britischen und amerikanischen Bomber ein wichtiger Punkt.“ Wie in Leipzig befanden sich hier Rüstungsbetriebe, etwa in Groitzsch, und natürlich die Tagebaue, etwa in Zwenkau und Espenhain. Das Hydrierwerk Leuna hatte in Böhlen und Espenhain Betriebsteile, die seit 1944 verstärkt in den Fokus der Royal Air Force und ihrer US-Kollegen gerieten. Wegen der besonderen Bedeutung des mitteldeutschen Industriegebietes gab es an zahlreichen Orten, etwa in Rötha, Deutzen, Groitzsch und Großdalzig starke Flak-Stellungen und damit Angriffsziele für die deutschen Kriegsgegner. „Denn die wurden auch bombardiert“, sagt der Kampfmittelbeseitigungsdienstchef. Deshalb sind das Areal südlich von Leipzig sowie die Großstadt selbst die Gebiet im Freistaat Sachsen, in denen die meisten Bomben fielen. Lediglich die Stadt Plauen sei in etwa damit vergleichbar.

Dennoch lässt sich auch beim besten Willen nicht sagen, wie viele Bomben hier sowie überhaupt gefallen sind. „Unsere Unterlagen beginnen erst in den 60er-Jahren“, sagt Lang, der bereits seit 1988 für die Kampfmittelbeseitiger arbeitet. Zu DDR-Zeiten wurden ältere Menschen regelmäßig vom Abschnittsbevollmächtigen der Polizei (ABV, Polizist in Wohngebieten) nach Bombenabwürfen, Kampfhandlungen und Ähnlichem befragt und diese Informationen dokumentiert. Das gibt es nicht mehr; dafür konnten Lang und seine Mitarbeiter nach 1990 die Luftbilder der britischen und amerikanischen Luftwaffenarchive nutzen. Die Erkenntnisse daraus flossen in die Materialien des Kampfmittelbeseitigungsdienstes ebenso ein wie neuere Berichte von Bürgern über Bomenabwürfe. Allerdings tickt auch hier die demografische Uhr. „Die Erlebnisgeneration stirbt langsam aus“, sagt Lang. Immerhin können auch die Kinder dieser Zeitzeugen der Kriegsgeschehnisse vieles berichten.

Eine vollständige Klarheit über die Verteilung der Bomben, zu denen ebenso Brandbomben und Stabbrandbomben gehörten, weil die Angreifer aus der Luft Flächenbrände auslösen wollten, besteht allerdings auch aus einem anderen Grund nicht. Seit 1942 gab es bei der Wehrmacht spezielle Pionierkommandos, die nach jedem Bombenangriff ausrückten, um so schnell wie möglich alles, was sie entdeckten, zu entschärfen. Heißt: Selbst an Orten, für die Bombenabwürfe vermerkt sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, inwieweit sie noch oder nicht mehr gefährlich sind.

Vergleichsweise gering ist das Aufkommen von Nahkampfmunition wie etwa Panzerfäusten. Im Gegensatz zum ostsächsischen Raum, das in den letzten Kriegswochen zum Kampfgebiet wurde und in dem der Frontverlauf ständig wechselte, gab es sowohl im Südraum von Leipzig kaum Kampfhandlungen. Lediglich in Adigast gab es eine Flak-Stellung, deren Besatzung beim Eintreffen der Amerikaner noch in den End- und Nahkampf zog. Die Übergabe der Städte und Gemeinden an die vorrückenden Amerikaner im heutigen Landkreis erfolgte weitgehend friedlich, wurde zusammengetragen.

Während das Leipziger Land und speziell dessen nördlicher Teil mit Böhlen, Groitzsch und Espenhain wegen seiner Industrie immer wieder zum Ziel von Bombenangriffen wurde, sah es in den anderen Städten besser aus. In Borna wurden insgesamt elf Angriffe registriert. Beim schwersten Angriff auf die Stadt im März 1945 wurden 17 Tote gezählt. „In Wurzen gab es vielleicht ein oder zwei Angriffe“, sagt Lang. Die Stadt gehörte ebenso wie Grimma nicht zu den Orten mit kriegswichtiger Industrie. Lang weiß von einer Bombe, die östlich von Grimma fiel. „Ein Notabwurf“, weil der Pilot seine tödliche Ladung nicht am eigentlichen Ziel ausklinken konnte.

Für die Kampfmittelbeseitiger gibt es zwei Arten von Einsätzen. Entweder prophylaktisch und damit in gewisser Weise systematisch. Oder aber, wenn eine Bombe gefunden wird, die beseitigt werden muss. Das erfordert das volle Programm, Evakuierungen inklusive. „Aber das sind vielleicht zehn Prozent unserer Einsätze.“

Zumindest einen nennenswerten Teil ihrer Arbeit haben die Entschärfer in Sachsen schon getan. Schließlich sind die Zeiten, in denen die neuen Gewerbegebiete aus dem Boden schossen, längst vorbei. Dort haben die Kampfmittelbeseitiger ebenso für Klarheit und Sicherheit gesorgt wie auf der Strecke der neuen Autobahn 72 von Leipzig nach Chemnitz.

Von Nikos Natsidis

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