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Bornaer Arzt soll 183 000 Euro Honorar zurück zahlen – und wehrt sich

Kassenärztliche Vereinigung Bornaer Arzt soll 183 000 Euro Honorar zurück zahlen – und wehrt sich

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen kritisiert die Abrechnung des Bornaer Allgemeinmediziners Lothar Ritter. „Sie glauben mir nicht, dass ich soviel arbeite“, sagte der 59-jährige Arzt. 183 000 Euro soll er zurück zahlen – und er will klagen.

Der Bornaer Arzt Lothar Ritter soll 183 000 Euro Honorar zurückzahlen.

Quelle: imago stock&people

Borna. Der Bornaer Arzt Lothar Ritter ist bekannt als engagierter Allgemeinmediziner, der auch viele Suchtkranke, psychisch Kranke, Ausländer und alte Menschen aus 14 Pflegeheimen der Region betreut. Der 59-Jährige ist ein streitbarer Geist, kämpft seit Jahrzehnten im Suchtarbeitskreis gegen Heroin, Chrystal Meth, Zigarette und Bier. Er kann mächtig auf Fehler im Gesundheitssystem schimpfen, wenn es um das Wohl seiner Patienten geht.

Was ihm jetzt passiert ist, bringt ihn richtig in Rage: „Ich klage hier bis in die höchste Instanz, das kann nicht sein!“ Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat wegen einer „Zeitfondsüberschreitung“ eine „Plausibilitätsprüfung“ für die Jahre 2012 und 2013 angeordnet. Dabei wird die Arztabrechnung genau unter die Lupe genommen. „Sie glauben mir nicht, dass ich so viel arbeite“, sagt Ritter. Nun gibt es eine Honorarrückforderung von 183 000 Euro. „Das würde bedeuten, dass die KV mein künftiges Honorar einbehält, bis die Summe beglichen ist. Es ist existenzgefährdend“, meint der Arzt.

In einem siebenseitigen Schreiben teilt die KV mit, dass sie mehrere Dinge in seiner Abrechnung zu beanstanden hat. Dabei gehe es nicht um „die Beurteilung der Qualität Ihrer Arbeit“, sondern um die „Frage, ob der mit den abgerechneten Leistungen verbundene Zeitaufwand plausibel ist“.

Zunächst stellt die Kassenärztliche Vereinigung fest, dass der Bornaer sehr viele Patienten hat – im Quartal „1280 bis 1440 Behandlungsfälle“. Das sind beinahe doppelt so viele, wie vorgesehen. Dadurch sei „der Ansatz der Versichertenpauschale auch sehr hoch“, heißt es in dem Bescheid. Wie der Mediziner erklärte, gibt es pro Quartal für jeden Patienten eine solche Pauschale, bei jungen Menschen liege sie um die 20 Euro, bei Rentnern um die 40 Euro.

Weiterhin wird kritisiert, dass er zu viele „Chronikerpauschalen“ und „Leistungen der Psychosomatik“ abrechnet. Ritter: „Ich betreue aber nun mal viele Süchtige, chronisch und psychisch Kranke. Und die Zahlen steigen!“ Ein weiterer Kritikpunkt seien „sehr viele Hausbesuche“. Dies ärgert ihn am meisten.

Hausbesuche seien seit Jahren ein Problem, weil die Ärzte dafür einfach keine Zeit mehr hätten. Zudem gebe es immer mehr Pflegeheime, für die sich kaum noch ein Hausarzt finde. So mancher Kollege würde dies ablehnen. Inzwischen betreut Ritter 14 Pflegeheime in Borna, Böhlen, Frohburg, Groitzsch, Kitzscher und Markranstädt. „Einer muss doch da mal hinfahren und sich um die Leute kümmern“, sagt er.

Dabei seien bestimmte Dinge hausgemacht. Wenn eine Oma im Pflegeheim früher Husten hatte, bekam sie von der Schwester Bromhexin und fertig. „Heute gibt es ständig Qualitätsprüfungen. Bei den kleinsten Sachen muss der Arzt anrücken, sonst bekommt das Heim sein Zertifikat nicht. Das ist völlig aufgebläht, zeitaufwendig und sinnlos“, kritisiert der Mediziner.

All das koste viel Zeit. Sein Montag sieht so aus: Sprechstunde von 8 bis 13.30 Uhr, anschließend Hausbesuche bis 15 Uhr, dann Sprechstunde bis 19.30 Uhr, anschließend Hausbesuche. An den anderen Arbeitstagen sei es nicht viel anders. Sonnabends und sonntags sei er meist jeweils zwei bis drei Stunden wegen dringender Hausbesuche unterwegs. „Wenn bei mir eine Patientin anruft und ankündigt, sich umzubringen, soll ich da den Anrufbeantworter einschalten und Mittag essen?!“, so Ritter. Ja, er arbeite viel, aber: „Ich organisiere mir nicht die vielen Patienten. Wenn ich Montag früh in die Praxis komme, sitzen meistens schon um die 30 Leute ohne Termin da, dazu klingelt dauernd das Telefon mit der Bitte um Hausbesuche.“

Den Arzt kennen nicht nur die Bornaer. Er wuchs in Groitzsch auf, arbeitete zehn Jahre als Betriebsarzt in der Poliklinik Böhlen, seit 1991 ist er in Borna, wo er jetzt sein 25. Praxisjubiläum feierte. Schon seit 1982 beschäftigt er sich mit Suchtkranken, später dann auch mit Drogenerkrankungen. Er erwarb die Genehmigung für Psychosomatik und Substitutionstherapie von Drogenerkrankten, die derzeit wegen eines Gerichtsurteils zwar ruht, aber dennoch würden Betroffene zunehmend in seine Praxis kommen, vermehrt wegen Crystal-Meth-Abhängigkeit. „Die Gespräche sind nicht in 15 Minuten abzuhandeln und finden auch mal samstags statt“, sagt Lothar Ritter. Er therapiere zudem Alkohol- und Nikotinabhängige, häufig seien hier Hausbesuche wichtig – und zeitaufwendig.

Seine „Plausibilitätsprüfung“ sei kein Einzelfall. „Ich kenne noch andere Kollegen mit großen Honorarrückforderungen“, meint der Arzt. Er ging in Widerspruch, „so kann die KV zunächst kein Geld einbehalten“. In dem 47 Seiten umfassenden Widerspruchsschreiben lässt er seine Leipziger Anwältin Claudia Reich die Vorwürfe zurückweisen und anhand von Patientendaten widerlegen. Im Fazit heißt es: Hier gehe es nicht um ein abrechnungstechnisches Problem, sondern um eine tatsächlich „häufigere unvorhergesehene Inanspruchnahme“.

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen wollte sich auf LVZ-Anfrage „wegen der Anhängigkeit des Verfahrens sowie aus Gründen des Datenschutzes“ zu dem Fall nicht äußern. Der Vorstandsvorsitzende Klaus Heckemann ließ lediglich mitteilen, dass solche Prüfungen ein gesetzlicher Auftrag sind. Sie würden „nicht nach Belieben durchgeführt, sondern auf Veranlassung und im Einklang dezidierter rechtlicher Vorgaben“. Wie häufig die KV solche Prüfungen anordnet, wurde nicht erklärt. Auch zur angefragten Problematik Hausbesuche erhielt die LVZ keine Antwort.

Die 183 000 Euro will der Bornaer Arzt keinesfalls zahlen – das sei der Verdienst von zwei bis drei Quartalen, mit dem er Personal- und umfangreiche Nebenkosten bestreiten müsse. Ritter: „Allgemeinmediziner ist kein Job zum Reichwerden. Nicht umsonst finden wir kaum Nachfolger – und solche Hürden machen die Sache ganz sicher nicht einfacher.“

Von Claudia Carell

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