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Borna Bornaer Museum zeigt Arbeit eines früheren LVZ-Fotografen
Region Borna Bornaer Museum zeigt Arbeit eines früheren LVZ-Fotografen
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13:16 04.12.2018
Volkskammerwahl 1986. Quelle: Hans Bajohra
Borna

Es ist wie eine Zeitreise. Und es sind Bilder und Begriffe, mit denen vermutlich jeder, der heutzutage wenigstens um die 40 ist, etwas anfangen kann: Tag der NVA, UTP und Mütterberatung. Allesamt festgehalten von Hans Bajohra, dem langjährigen Fotografen der LVZ in den Kreisen Borna und Geithain. Sie sind in der Ausstellung des Bornaer Museums am Reichstor zu sehen, die am Montagnachmittag eröffnet wurde.

Bornaer Museum hat 6657 Fotos von Hans Bajohra

Es ist ein echter Schatz, den das Museum besitzt. Exakt 6657 Fotos von Hans Bajohra, der von 1954 an für die LVZ-Redaktion in der Kreisstadt Borna unterwegs war. Bis zum seinem Tod vor ziemlich genau 30 Jahren – der Jahrestag ist Anlass für die Schau. In der sind – natürlich – ausschließlich Schwarz-weiß-Fotografien zu sehen, bei denen dem kundigen Betrachter aber sehr schnell einleuchtet, dass das Leben im Realsozialismus eben alles andere als nur schwarz oder weiß war.

Im Bornaer Museum werden bis zum 10. Februar Fotos des früheren LVZ-Fotografen Hans Bajohra gezeigt.

Bornaer Stadtverordnete in der Kleingartenanlage

Bajohra muss fotografiert haben, was das Zeug hält. Tochter Birgit erinnert sich, das ihr Vater, der aus Ostpreußen stammte und nach dem Krieg, schwer verletzt, schließlich in Borna landete, so etwas wie ein Workaholic war. Und der Mann vom Jahrgang 1924 hat alles fotografiert, was sich damals fotografieren ließ. Den Mal- und Zeichenzirkel im damaligen Kulturhaus der Gewerkschaft, das den schönen Namen „DSF –Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ trug, oder auch die bekannte Bornaer Bibliothekarin Elvira Groß, die auf einer Aufnahme mit einer Schulklasse im Jahr 1980 zu sehen ist. Das Kreissportfest im Rudolf-Harbig-Stadion mit armschwingenden Frauen und den Besuch der Bornaer Stadtverordneten in einer Kleingartenanlage im Süden der Stadt, die nach „Paul Paschke“ benannt war. Paschke war in den 20er- und 30er-Jahren ein kommunistischer Kommunalpolitiker in Borna.

Sowjets und Messeverkehr in Borna

Auf den Fotos von Bajohra wird auch die große Politik sichtbar. Etwa dann, wenn sowjetische Panzergrenadiere im Jahr 1968 nach ihrer Rückkehr aus der Tschechoslowakei auf dem Karl-Marx-Platz in Borna gefeiert werden. Gemeint ist der Markt. Die Sowjets hatten in der CSSR die Bemühungen um einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ brutal niedergeschlagen. Dass Borna nicht vom Rest der Welt abgekoppelt war und ist, zeigt ein Bild aus der Wilhelm-Pieck-Straße, die vormalige und heutige Reichsstraße. Durch die durften seinerzeit noch Autos fahren, und im konkreten Falle stauen sich die Fahrzeuge sogar, in der autoarmen DDR eher ein Ausnahmezustand. Grund dafür ist die Messe in Leipzig im Jahr 1967.

Unterrichtstag in der Produktion

Wer durch die Ausstellung im Museum geht, in der Teile der Bilder von Hans Bajohra auch digital zu sehen sind, sieht ABC-Schützen bei einem Umzug in der Dinterschule, damals eine Polytechnische Oberschule (POS), im Jahr 1965, die Eröffnung der Neubauschule in Kitzscher am 1. September 1971 mit einem Fahnenappell und Mädchen und Jungen beim UTP-Unterricht im Emaillewerk Geithain. UTP – das war der so genannte Unterrichtstag in der Produktion, der für alle Schüler zwischen siebenter und zehnter Klasse obligatorisch war und bei dem die Jugendlichen in sozialistischen Betrieben arbeiten durften/mussten.

Wegen Inventur geschlossen

Im Museum sind aber auch Bilder zu sehen, die garantiert nicht gedruckt wurden. Beispielsweise ein Foto, das ein Schild zeigt, das jeder DDR-Bürger bis zum Überdruss gesehen hat: „Wegen Inventur geschlossen“ steht darauf, ein Dauerbrenner an den Türen des sozialistischen Einzelhandels. Nicht druckfähig dürfte in der LVZ jener Zeit auch eine Aufnahme gewesen sein, die das Haus in der Külzstraße 35 zeigt. Dort befand sich Mitte der 80er-Jahre die Sero-Annahmestelle (Für Nachgeborene: Dort wurden leere Wein- und Schnapsflaschen sowie Altpapier gegen einen geringen Obolus angenommen.) Das Gebäude ist marode und eindeutig baufällig, die Frontseite des Gebäudes vergammelt, und gelernte DDR-Bürger dürften sich auch unschwer vorstellen können, wie es darin gerochen haben muss. Bilder wie dieses hatten jedenfalls in der LVZ, dem Organ der Bezirksleitung Leipzig der SED, nichts zu suchen. So viel Realismus war in Zeiten, in denen der Sieg des Sozialismus beschworen wurde, wahrlich nicht vorgesehen.

Straßenverkauf vor dem „Körbchen“

Erlaubt war hingegen die Darstellung vermeintlicher oder tatsächlicher Erfolge. Wenngleich die zumindest aus heutiger Sicht bisweilen auch eine gewisse Komik enthalten. So hat Hans Bajohra den Straßenverkauf vor dem „Körbchen“, einem Geschäft in der Pieck-/Reichsstraße im Bild festgehalten. Museums-Mitarbeiter Thomas Bergner, der die neue Ausstellung wesentlich vorbereitet hat: „Da gab’s doch meistens nur Rot- und Weißkraut.“ Dass der frühere LVZ-Fotograf „in der Kohle“ unterwegs war, lag auf der Hand und wird immer wieder deutlich. Auch bei einem Foto vom Kinderfasching in Großzössen, auf dem sich ein Junge tatsächlich als Bergmann verkleidet hat. Das wäre vermutlich schon im nahen Connewitz oder Gohlis undenkbar gewesen.

Ausstellung läuft bis zum 10. Februar

Ergänzt wird die Bilderschau durch ein Equipment, wie es ein Fotograf zur DDR-Zeit wohl hätte haben können, sowie mit Bänden früherer LVZ-Jahrgänge. Für alle, denen ein Blick auf die eigene Vergangenheit wichtig ist, darf die Ausstellung im Museum als Muss gelten. Was zweifellos auch für jüngere Jahrgänge gilt. Wer seinen Kindern, Enkeln oder Schüler zeigen will, wie es in der DDR und exakt in und auch um Borna aussah, der sollte ebenfalls einen Besuch im Museum einplanen. Die Ausstellung läuft bis zum 10. Februar.

Kommentar: „Ausstellung im Bornaer Museum ist ein Muss“

Von Nikos Natsidis

Wer die Ausstellung im Bornaer Museum besucht, geht auf Reisen. Und zwar in die Vergangenheit. Sofern er wenigstens 40 ist, in die eigene und Jüngere in jedem Fall in die ihrer Eltern und Großeltern. Allein das macht die Schau mit Bildern eines LVZ-Fotografen zu sozialistischen Zeiten zu etwas besonderem.

Nicht, weil es sich dabei in jedem Fall um fotografische Meisterwerke handeln würde. Wohl aber, weil die Bilder von Hans Bajohra zeigen, wie es war in der DDR. Eben nicht, wie uns manche Hinzugezogene im Nachhinein klarmachen woll(t)en, nur grau, schwarz und garantiert nicht lebenswert. Natürlich gab es das alles, aber genauso eben auch Lebensfreude und gute Laune. Zu besichtigen im Bornaer Museum.

Die Ausstellung wird quasi eine Monat vor Beginn des nächsten Jahres eröffnet. 2019 ist mit Blick auf 1989 ein wichtiges Jubiläumsjahr. Die Bilder im Bornaer Museum sind eine gute Einstimmung darauf. Und für Schulklassen, bei denen es im Unterricht um das Thema DDR geht, geradezu ein Muss.

E-Mail an den Autor: n.natsidis@lvz.de

Von Nikos Natsidis

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