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Borna Botschafter Györkos: Medien schreiben viel über Ungarn – nicht immer die Wahrheit
Region Borna Botschafter Györkos: Medien schreiben viel über Ungarn – nicht immer die Wahrheit
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15:40 27.11.2016
Ungarns Botschafter, Peter Györkös (v. l.), in der Groitzscher „Stadtmühle“ mit den CDU-Abgeordneten Katharina Landgraf (Bundestag) und Oliver Fritzsche (Landtag). Quelle: Andreas Döring
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Groitzsch

Natürlich gab es Salami im Groitzscher Bürgerhaus „Stadtmühle“. Doch in der Hauptsache drehte sich der Gesprächsabend mit dem ungarischen Botschafter Peter Györkös um den Volksaufstand vor 60 Jahren und Gulasch­so­zialmus, Picknick von Szopron, Europäische Union (EU) und Flüchtlingskrise. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Katharina Landgraf hatte den Diplomaten in ihre Heimat eingeladen. Zum einen, weil sie sich für das Land interessiert und einsetzt, etwa um die Erinnerung an das Picknick zu bewahren, bei dem im August 1989 rund 700 DDR-Urlauber über die Grenze von Ungarn nach Österreich geflüchtet waren. Und andererseits, weil rund um Groitzsch zahlreiche Menschen mit deutsch-ungarischer Herkunft leben; Ex-Bürgermeister Martin Hipp und der frühere Stadtrat Adam Jung waren am Freitagabend dabei.

Vom Westen im Stich gelassen

Der 53-jährige Györkös sprach davon, dass in seinem Schul-Geschichtsbuch der Volksaufstand 1956 als Gegen-, Konterrevolution bezeichnet wurde. Dabei hätten die Akteure im Land am Eisernen Vorhang zwischen Ost und West die Ideen eines freundlichen, demokratischen So­zialismus und von Neutralität verfolgt. Das sei auf gutem Weg gewesen, bis die USA, stark in die Suez-Krise involviert, und der gesamte Westen „uns im Stich gelassen haben“, so der Botschafter. Daraufhin hatten sowjetische Truppen den Aufstand brutal niedergeschlagen. Die Repressionen hatten bis 1961 angehalten. Dann jedoch habe der Ostblock seinem Bestandteil Ungarn einige Zugeständnisse gemacht, sodass vom Gulaschsozialismus gesprochen worden war.

Deutschland immer noch dankbar

„Von damals rund 200 000 geflüchteten Ungarn sind etwa 50 000 in Deutschland untergekommen. Dafür waren und sind wir immer noch dankbar“ so Györkös. Deshalb sei sein Land auch zum größten deutschen Treffpunkt von BRD- und DDR-Verwandtschaft geworden; „ich habe auch zweimal am Balaton Urlaub mit meiner West-Cousine ge­macht“, erzählte Landgraf später. Am 19. August 1989 hatte es dann zunächst ein Picknick von Ungarn und Österreichern an der Grenze bei Sopron gegeben, das DDR-Urlauber zur Flucht in den Westen nutzten. Und am 11. September öffneten die Magyaren die Grenze ganz. „Damit haben wir unser Schicksal in die eigenen Hände genommen, uns Freiheit und Souveränität ermöglicht“, sagte Györkös.

Doktorarbeit über Deutsche Einheit

Er sprach in Groitzsch in nahezu perfektem Deutsch, erlernt in Moskau beim Studium der Internationalen Beziehungen. Er war ab 1988 Deutschland-Referent im Außenministerium Ungarns und 1991 in die Botschaft in Bonn gewechselt. Nach weiteren Stationen war er von 2010 bis 2015 Botschafter bei der EU in Brüssel. Vor einem Jahr kam er nach Berlin. Seine besondere Beziehung zu Deutschland ist auch darin begründet, dass er 1992 mit seiner Doktorarbeit über die Deutsche Einheit promoviert hatte.

Grüne EU-Außengrenze gesichert

Weniger gefällt ihm das Un­garn-­ Bild in einigen deutschen Medien: „Derzeit wird viel über uns geschrieben, nicht immer die Wahrheit.“ Worin ihn Landgraf und CDU-Landtagsabgeordneter Oliver Fritzsche bestätigten; Letzterer hatte in Budapest Geografie studiert und besucht das Land immer wieder. Sicherlich sei die ungarische Gesellschaft polarisiert, aber dennoch eine ganz stabile Demokratie, so Peter Györkös. In der Flüchtlingskrise habe Ungarn mit dem Zaunbau die grüne EU-Außengrenze gesichert. „Wir können nicht alle reinlassen. 60 Prozent der vermeintlichen Flüchtlinge sind Wirtschaftsmigranten, junge, starke Männer.“ Es sei „kein schöner Job“, aber jemand müsse „die schmutzige Arbeit“ tun. „Wir haben damit auch Deutschland geholfen.“ Auf die Frage der früheren EU-Abgeordneten Brigitte Wenzel-Perillo (CDU) nach den Schiffsflüchtlingen antwortete er, dass es Priorität hat, Menschenleben zu retten. Doch werde mit den kurz vor Nordafrika kreuzenden Marineschiffen das Geschäft der Schleuser gefördert: „Früher brauchten sie 20 Liter Diesel, momentan reicht einer.“

Deutschlands Verantwortung wird größer

Europa zahle 50 Prozent der Sozialausgaben in der Welt bei nur acht Prozent der Bevölkerung und 25 Prozent der Wirtschaftskraft. „Das kann so nicht bleiben. Europa wird nicht mehr ernst genommen, schauen Sie in die Türkei und nach Russland.“ Dabei habe die EU selbst nach dem Brexit noch 27 Mitglieder und 440 Millionen Menschen. „Doch sie benötigt eine andere Statik. Die Verantwortung Deutschlands wird größer – ob Sie wollen oder nicht.“ Und Györkös stellte klar: „Die Ungarn sind verlässliche Europäer.“ Trotz der Differenzen mit der EU. Viel mehr Offenheit für die anderen sei wichtig. „Ich hoffe, dass der gesunde Menschenverstand in Sachsen helfen wird.“

Komische Sprache, spezielle Natur

Dieses Volk sei schon speziell und lasse sich eben nicht unterbuttern, meinte Gastgeberin Katharina Landgraf. „Vielleicht ist es wahr“, bemerkte der Botschafter schmunzelnd, „dass wir Ungarn nicht nur eine spezielle, komische Sprache haben, sondern auch eine spezielle Natur.“ Ob das aber am Paprika liege, wie Landgraf fragte, wisse er nicht.

Von Olaf Krenz

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