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Buch aus Kitzscher: Autistische Künstlerin und Psychologin im Dialog über die Welt

Veröffentlichung Buch aus Kitzscher: Autistische Künstlerin und Psychologin im Dialog über die Welt

Jeder Mensch hat seine Wahrnehmung von Welt. So verschieden wie die Menschen sind die Wahrnehmungen – ein Problem für Menschen mit Autismen. Über Verständigungsprobleme und -möglichkeiten haben zwei Frauen ein lesenswertes Buch geschrieben: „Meine Brücke zu dir – Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog“.

Gee Vero: Facta non Verba. Das Buch enthält mehrere ihrer Zeichnungen.

Quelle: Repro LVZ

Kitzscher. Ist ein Mensch gerade heraus, sagt man über ihn: Er fällt mit der Tür ins Haus. Ohne Umschweife zum Kern vorzustoßen, kann leise Bewunderung erfahren, häufiger aber stößt diese Strategie ab, stößt das Gegenüber vor den Kopf. Für Gee Vero, Künstlerin und Referentin, die lange mit ihren Kindern in Etzoldshain lebte und inzwischen mit Familie in Kitzscher zu Hause ist, ist das mitnichten Strategie: Es ist ihre Wesensart. So – und anders – kann sich Autismus äußern, eine besondere Art der Wahrnehmung.

Medizinisch ist Autismus als Störung deklariert, der therapeutisch begegnet wird. Die 45-Jährige will an ihrem Beispiel zeigen – und das ihres Sohnes Elijah mit frühkindlichem Autismus schwingt mit –, dass die Wahrheit vielschichtig ist wie die Sichtweisen auf die Welt. „Meine Brücke zu dir“ heißt ein Buch, das sie gemeinsam mit Melanie Matzies-Köhler verfasste, eine Frau im Alter wie sie selbst, Diplom-Psychologin, die sich ebenso intensiv mit Autismus befasst – nur eben aus ganz anderer Perspektive. Der Briefwechsel beider, in dem sie sich über viele Dinge des Lebens austauschen, liest sich mitnichten wie ein Fachbuch: Es öffnet einen Kosmos, reißt manche Saite im Inneren des Lesers unverhofft an – und bringt, mitunter irritierend, manche Bestätigung.

Smalltalk, das belanglose, scheinbar sinnfreie Plaudern, steht am Beginn des Dialogs. Für Gee Vero ist diese Art des Kommunizierens ein Graus: Sie versteht nicht, wozu das gut sein soll. Ihr will nicht in den Kopf, dass es dabei um nichts geht – schon gar nicht um Ernsthaftigkeiten, gar Wahrheiten. „Warum müssen sich Menschen ,aufwärmen’, ehe sie miteinander sprechen können?“, fragt sie. Sie kann da nicht mitreden, redet anders, geht – wo es um nichts geht, nur um alles – glattweg am Ziel vorbei. „Thema verfehlt... – so könnte ich durchaus meine Autobiografie nennen“, folgert sie, meint es pragmatisch. Denn sie hat festgestellt: „Ich eigne mir diese sozialen Regeln an, hauptsächlich damit sich die Gesellschaft wohler mit mir fühlt, um dann die Einzige zu sein, die sich daran hält. Das macht mich ganz schnell wieder zum Außenseiter.“

Wenn Matzies-Köhler, erschreckt über den Titel-Vorschlag, schreibt, „du bist viel sensibler als viele nicht-autistische Menschen“, ist das kein billiges Kompliment. Es ist spannend – und amüsant! – zu lesen, wie beide Frauen, unterschiedlicher Wesensarten, verschiedener Sozialisation, sich im Gespräch über Dinge des Alltags und des Herzens einander näher kommen, Brücken bauen, ein nicht originelles, doch treffendes Sprachbild. Über Freundschaft und Trennung, Kindheitserfahrung und Schule, Glaube und Kunst entspinnt sich ein Austausch, der den Leser hineinzieht, zum Komplizen macht.

„Jeder hat seine eigene Wahrnehmung, seine eigene Welt. Ich muss nicht alles gut finden, aber ich muss es akzeptieren. Das beginnt bei jedem selbst“, sagt Gee Vero, die in Bad Lausick aufwuchs und die erst spät erkannte, dass sie selbst zur facettenreichen Gruppe derer zählt, die Autisten genannt werden. Mit „The Art of Inclusion“ erfand die Malerin eine künstlerische Form des Auf-Menschen-Zugehens: Sie sprach Musiker und Schriftsteller, Politiker und Sportler an, das von ihr auf einem Blatt gezeichnete halbe Gesicht zu ergänzen. Udo Lindenberg und Jogi Löw, Wolfgang Stumph und Angela Merkel und viele andere ließen sich darauf ein. Mit der daraus entstandenen, weiter wachsenden Ausstellung ist Vero deutschlandweit unterwegs – ab März im Delitzscher Landratsamt, ab April in Aachen, ab September in Viersen.

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Mit „The Art of Inclusion“ erfand die autistische Malerin Gee Vero eine künstlerische Form des Auf-Menschen-Zugehens: Sie sprach Musiker und Schriftsteller, Politiker und Sportler an, das von ihr auf einem Blatt gezeichnete halbe Gesicht zu ergänzen. Mit der so entstandenen Ausstellung ist Vero unterwegs, hier einige der Blätter.

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Zu den mehr als 100 VIP-Blättern kam ein Mehrfaches von Kinderhänden hinzu, denn sie geht mit diesem Projekt auch in Schulen: „Da geht es nicht um Autismus, sondern um die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung. Kinder sind da sehr offen.“ Als Referentin für Autismus ist sie inzwischen viel gefragt, macht im Auftrag der Sächsischen Bildungsagentur regelmäßig Seminare für Lehrer. Sie versteht sich als Botschafterin: „Es geht um unser Miteinander, um das, was eine Gesellschaft zusammenhält. Da mache ich mir echt Sorgen. Deshalb ist der Versuch, Brücken zu bauen, so wichtig.“

„Meine Brücke zu dir – Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog“ ist im Verlag W. Kohlhammer Stuttgart erschienen. Es kostet 29 Euro.

Von Ekkehard Schulreich

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