Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Colditzer Waldbad als Jungbrunnen: 80 Bahnen täglich für ein langes Leben
Region Borna Colditzer Waldbad als Jungbrunnen: 80 Bahnen täglich für ein langes Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 10.09.2017
Stammgäste seit vielen Jahren im Colditzer Waldbad: Klara Olschewski aus Colditz (l.) und Marianne Jakob aus Kitzscher. Im Video auf www.lvz.de/grimma Quelle: Foto: Andreas Döring
Anzeige
Colditz

Wenn morgens ein schnittiger Hyundai im Anflug auf Colditz ist, pfeifen es die Spatzen schon von den Dächern: Platz da, die Oma aus Kitzscher kommt! Marianne Jakob (83), vom Typ her ähnelt sie der Urgroßmutter Poupette aus dem Teenager-Kultfilm „La Boum“, hat es eilig. Sehr eilig. Denn ihre zwei Jahre ältere Freundin Klara Olschewski, genannt Klärchen, wartet in Colditz bereits ungeduldig auf Abholung. Zusammen rasen die beiden feschen Damen dann Richtung Jungbrunnen, wie sie ihr geliebtes Colditzer Waldbad nennen.

Fast so braun wie der Mohr auf der Sarotti-Schokolade schwätzeln sie auf ihrer Sonnenbank, ölen sich ein und bekommen von Bademeister Slawa, dem Grimmaer von der Krim, den Kaffee serviert. Das aber erst, wenn sie ausgiebig geplanscht haben. Klärchen, die Ältere, schwimmt am Tag bis zu 80(!) Bahnen – das sind zwei Kilometer. Seit 60 Jahren bereits. Mit 14 flüchtete sie aus Schlesien nach Colditz, arbeitete ihr halbes Leben in der Porzelline und kam schon damals in jeder freien Minute ins Waldbad. Marianne, langjährige Lehrerin aus Kitzscher, ging mit Generationen von Schülern am liebsten auf Klassenfahrt nach Colditz: „Geschlafen hatten wir in der Jugendherberge, geschwommen sind wir im Waldbad.“

Am Mittwoch schruppten sie ihre offiziell letzten Bahnen – zumindest für dieses Jahr. Die Waldbad-Saison ist Geschichte. Die Zeit von Mai bis September war wieder einmal viel zu schnell vorüber. Die Arbeiter Christian Horn und Matthias Hellinger, die nun damit begannen, das Bad winterfest zu machen, winkten den beiden Genussschwimmerinnen aus der Schubkarre zu, in die sie sich zur „Fuffzn“ gesetzt hatten. Marianne ohne, Klärchen mit Badekappe.

Der Krebs und der Wassermann – die beiden unzertrennlichen Urgroßmütter lernten sich einst im Bad kennen. Anfangs siezten sie sich noch, bis Marianne eigenmächtig zum Du überging. Nein, Männer wollen sich die Witwen keine mehr zulegen: „Dann müssten wir schon so zeitig aufbrechen, die Herren wollen immer bereits halb zwölf Mittag essen.“ So tue es zwischendurch auch mal eine Birne, mal eine Bemme. Zum Nachtisch gibt es manchen Plausch über Kinder, Reisen und Politik. Sie lieben das Waldbad. Die reine Luft, die himmlische Ruhe, die durchblutete Haut. Alt werden sei nichts für Feiglinge, sagen beide. Viele ihrer Gleichaltrigen „sterben wie die Fliegen“, da sei man dankbar für jeden Tag, den man lebe – und ins Waldbad dürfe. Die Damen, die den Bikini immer schon untergezogen haben, steigen voller Begeisterung nicht selten gleich mit der Armbanduhr ins Wasser oder stoßen beim Rückenschwimmen schon mal mit den Köpfen aneinander. Egal, im nassen Element plagt kein Zipperlein, dort fühlen sie sich wie der Fisch im Wasser.

Das Saisonende im Freibad – für sie eine mittlere Katastrophe. Aber das Leben gehe weiter. Marianne in Kitzscher nutzt die Zeit, um mit Enkeln zu verreisen. Klärchen wird Spaziergänge unternehmen. Aber im Mai, das versprechen sich die Freundinnen ganz fest, fährt Marianne wieder mit ihrem flotten Schlitten vor und holt die Colditzerin zum Schwimmen im Jungbrunnen ab. „Wir wollen doch 100 Jahre alt werden!“

Von Haig Latchinian

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Für das ehemalige Rathaus in Kitzen gibt es große Pläne. Damit das denkmalgeschützte Haus stärker genutzt wird, sind neben dem Jugend- und Seniorenclub unter anderem ein Wochenendcafé, Ateliers und Probenräume für Künstler, Wohnungen sowie eine Physiotherapiepraxis im Gespräch. Für die Sanierung können Fördermittel beantragt werden.

07.03.2018

Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten 175 Jahre Ortsansiedlung Neukieritzsch wird ein Sonderzug an die damalige Ankunft der ersten Eisenbahn erinnern. Wer mitfahren will, muss schnell sein.

09.09.2017

Bewohner der Bergisdorfer Straße in Lobstädt sind aufgeschreckt. Zwar hatte man hier schon öfter mit Wildschweinen zu tun, doch so heftig und vor allem so nah wie jetzt kamen die Tiere den Häusern noch nie, berichten Anwohner.

09.09.2017
Anzeige