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Das Leben auf zwei Füßen lernen

Das Leben auf zwei Füßen lernen

Das Leben im Jugendgefängnis: ein Thema, das den meisten Menschen verborgen bleibt. Um einen Blick hinter die Kulissen der Jugendstrafvollzugsanstalt zu werfen, lud Gefängnisdirektor Uwe Hinz jetzt eine Gruppe von 30 Beamten und Geschäftsleuten zur Besichtigung ein.

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Die Regiser Haftanstalt: Hier sitzen 226 junge Männer ihre Strafen ab.

Quelle: Thomas Kube

Regis-Breitingen. An diesem Herbstvormittag bläst der Wind durch den Stacheldrahtzaun und über das Gelände der Anstalt am Regiser Stadtrand. Die schlichten Gebäude verraten nicht, wer drin wohnt: Wären es nicht eiserne Türen und schwedische Gardinen, könnten sie Studentenwohnungen sein. Doch hinter den Gittern sitzen derzeit 226 junge Männer wegen schwerer Straftaten eine Gefängnisstrafe ab.

"Das Thema Gefängnis ist für viele häufig ein Buch mit sieben Siegeln", sagt Hinz. "Es ist wichtig, eine Brücke zwischen innen und außen zu schaffen." Die Besucher sind Mitglieder des Vereins "Common Purpose" (Gemeinsamer Zweck), in dem sich Geschäftsleute aus Sachsen und Sachsen-Anhalt zusammengefunden haben. Sie wollen sich mit dem Thema Jugendkriminalität auseinandersetzen. Ihnen geht es um Perspektiven für die Jugendlichen. Die Besucher wollen den Häftlingen nach der Entlassung helfen. In kleinen Gruppen haben sie Gelegenheit, mit einigen Insassen ins Gespräch zu kommen.

Ronny S. ist einer davon. Der junge Häftling steht den Gästen Rede und Antwort. Nüchtern und ruhig beschreibt er sein Leben im Jugendknast. Um sechs Uhr früh wird er geweckt. Auf dem Tagesplan stehen verschiedene Freizeitaktivitäten: zwei Stunden Fernsehen, Kunsttherapie, Gottesdienst. Und Jobsuche. Zu diesem Zweck darf Ronny S. das Internet nutzen, allerdings nur begrenzt. Der 23-Jährige hat nur noch wenige Wochen, bevor seine dreijährige Haftzeit zu Ende geht. Nach der sogenannte "Schnittstelle", dem Entlassungstag, wird er alleine klar kommen müssen. Seine Eltern kommen - wie bei den meisten Gefangenen - überhaupt nicht als Hilfe in Frage. Zum Glück habe er eine Unterkunft bei seiner Schwester in seiner Heimatstadt, erklärt er. Bei diesem Gedanken ist er sichtlich erleichtert. Doch konkrete Zukunftspläne hat der junge Mann bisher nicht. "Die Entlassenen müssen das Leben auf zwei Füßen wieder lernen", sagt ein Gefängnis-Mitarbeiter. "Ohne die Strukturen und reglementiertes Leben im Gefängnis beginnt die Sozialisierung für den jungen Erwachsenen von vorn."

Bei der Entlassung haben viele kein Girokonto, keine Arbeit, keine Familie oder Freunde, manche nicht mal eine E-Mail-Adresse. Erst nach der Entlassung dürfen sie sich beim Jobcenter anmelden. Für einige ist die Bewältigung der Behördengänge ein riesiges Problem. Zwangsläufig landen einige wieder hinter Gittern. Bundesweit liegt die Rückfallquote bei 70 Prozent, was nicht weit von der Quote der Regiser JVA entfernt ist, bestätigt Hinz. Allerdings sei diese Statistik problematisch, denn es fehle der Kontext und die Differenzierung zwischen den Straftaten. Die Umstände eines Rückfalls seien komplex, genauso wie die beim ersten Verbrechen.

Ungefähr die Hälfte der Gefangenen ist wegen Diebstählen dort gelandet, die andere wegen Gewalttaten, sagt Hinz. Fast alle der jungen Männer zwischen 15 und 24 Jahren kommen aus gebrochenen Familien und schwierigen Verhältnissen. An Armut, Missbrauch, Drogen und Gewalt seien die meisten gewöhnt. "Über 90 Prozent haben schon Drogen genommen", schätzt Hinz. Crystal sei "ein zunehmendes Problem".

Da die Jugendlichen aus verschiedenen Gründen im Knast sind, werden sie in drei getrennten Gebäuden untergebracht: ein Haus für die Gewalttätigen, eins für die Drogensüchtigen, eins für die übrigen Insassen. In dieser Atmosphäre, wenn junge Verbrecher an einem Ort konzentriert sind, sei eine solche Aufteilung aus Sicherheitsgründen notwendig. "Wie in jedem Gefängnis besteht die Gefahr, dass die Situation außer Kontrolle gerät", sagt Hinz. Nach dem Folterskandal 2008, bei dem ein 18-Jähriger von seinen Mithäftlingen geprügelt, erniedrigt und mit dem Tod bedroht wurde, legt die Regiser Anstalt viel Wert darauf, gewalttätige Insassen von den anderen Gruppen zu trennen. Inzwischen gibt es zudem mehr Mitarbeiter, für die Häftlingsgruppen wurden zusätzliche Räume geschaffen. Auf dem großen eingezäunten Areal, auf dem die Häftlinge eine Stunde am Tag frei laufen dürfen, sind alle paar Meter Überwachungskameras zu sehen. Es ist ein ständiger Seiltanz: Auf der einen Seite sei die Durchsetzung von klaren Regeln und engen Sicherheitsmaßnahmen unverzichtbar, sagt Hinz. Auf der anderen Seite soll die Selbstständigkeit der jungen Gefangenen gefördert werden.

An diesem Punkt blicken die Mitarbeiter vor allem in die Zukunft. "Wir legen viel Wert auf die Schulbildung sowie die berufliche Ausbildung. Uns ist es wichtig, dass die Häftlinge nach dem Vollzug wieder auf die Beine kommen", so Hinz. Mit acht Lehrern können die Insassen einen Haupt- oder Realschulabschluss machen. Die Abschlussprüfung ist die gleiche wie an den normalen Schulen und wird am gleichen Tag durchgeführt. Im letzten Schuljahr haben 48 Jugendliche ihren Abschluss gemacht. Zudem gibt es jede Menge handwerkliche und berufliche Ausbildungsmöglichkeiten wie Holz-, Metall-, und Steinmetzarbeit. Die Werke der jungen Gefangenen sind zum Teil in den Fluren und auf dem Gelände zu sehen.

Für die haben die Besucher von "Common Purpose" eine konkrete Idee. Angesichts des Mangels an Fachkräften in regionalen Handwerksbetrieben könnten die Häftlinge bisweilen dort zum Einsatz kommen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.10.2014
Krysta Brown

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