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Das Wunder von Rötha

Das Wunder von Rötha

Eine echte Sensation: Die seit gut 65 Jahren gestohlen geglaubte Predella des Altars der Marienkirche zu Rötha ist wieder aufgetaucht. Das circa 500 Jahre alte, kunsthistorisch wertvolle Stück hing viele Jahre im Wohnzimmer eines alten Herrn in Portitz.

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Wiedergefunden: Die Predella vom Altar der Marienkirche Rötha zeigt eine Szene des Abendmahls. Das wertvolle Relief galt als gestohlen.

Quelle: Saskia Grätz

Rötha/Leipzig. Die Rückkehr des hölzernen Reliefs an den angestammten Platz gestaltet sich allerdings etwas schwierig. Stephan Eichhorn spricht von einem Wunder. „Mit der Rückgabe der Predella könnte die Restaurierung unserer Kirche einen wirklich krönenden Abschluss finden“, sagt der Vorsitzende des Fördervereins für die Restaurierung der Marienkirche Rötha. Eine Entwicklung, die niemand zu träumen gewagt hätte. St. Marien, einst als Wallfahrtskirche geweiht, war nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruine. Das Dach war kaputt, vieles zerstört. „Die Kirche sollte abgerissen werden“, sagt Pfarrer Christoph Krebs. Irgendwann, in jenen Tagen Ende 1947, wurde trotzdem in die Kirche eingebrochen und die Predella entwendet. Die Russen hätten sie mitgenommen, sei in Rötha eine von mehreren Hergangsversionen kolportiert worden, erzählt der Pfarrer. Ein Kriminalfall, der Kreise zog. Der aktenkundige Diebstahl des Kunstwerks beschäftigte seinerzeit viele Polizeidienststellen. 150 Fahndungsfotos mit dem Relief, das eine Szene des Abendmahls zeigt, waren im Umlauf – ergebnislos. Es blieb ein ungeklärter Fall bis vor wenigen Wochen. Eichhorn erhielt Mitte November den Anruf einer Dame aus Portitz, die ihm das Unfassbare mitteilte. Sie wisse, wo sich die Predella aus der Röthaer Marienkirche befinde – im Einfamilienhaus ihres verstorbenen Nachbarn. Viele Jahre hatte es dort in der guten Stube eines alten Herrn gehangen. Ein Nachbar hatte es ihm Ende der 40er Jahre zur Aufbewahrung übergeben, um es vor Diebstahl und Schaden zu bewahren. Bis zu seinem Tod blieb es bei dieser unter den Männern vereinbarten „Leihgabe“. Die Tochter des Nachbarn erinnerte sich jetzt nach dem Tod des Herrn an das Relief, das ihr Vater einst an sich genommen und dann abgegeben hatte. Die Zeugin fühlte sich in der Pflicht, schaltete die Polizei ein. Schließlich gehe es um „eine wertvolle Sache, die nach Rötha gehört.“ Die Polizei konsultierte die Kirche in Rötha und den Förderverein, ein Vororttermin mit dem Sohn des Verstorbenen wurde vereinbart. Auch Kunsthistorikerin Sabine Schneider war dabei. „An der Echtheit besteht keinerlei Zweifel“, sagte sie spontan. „Es ist wirklich wie ein Wunder – großartig“. Das originale gotische Schnitzrelief habe einen Einmaligkeitswert, der nicht zu benennen sei, so die Fachfrau. Ihr erster Eindruck zum Zustand des Reliefs fiel gut aus. „Bloß gut, dass es nicht irgendwo in einem Keller gelegen hat“. Auf welchen Wegen die Predella nach Portitz gelangte, ist „für uns völlig zweitrangig“, sagt Uwe Herrmann vom Kirchenvorstand. Das Werk sollte zügig in die Kirche zurückkehren und die Lücke im Altar füllen, bekräftigt Pfarrer Krebs. Seither passierte nicht wirklich viel.Die Appelle Eichhorns auf Rückgabe des Kunstwerks blieben bislang erfolglos. Der Mann aus Bernau ist inzwischen anwaltlich vertreten. Der Jurist ließ wissen, dass einer Rückgabe im Prinzip nichts entgegensteht. Im Gegenzug solle sich die Röthaer Kirchgemeinde aber erkenntlich zeigen – mit einer Spende zugunsten der Kirchgemeinde Portitz/Hohenheida. Der fühle sich sein Mandant verbunden. Ein Angebot, das die Röthaer Kirchgemeinde nur ungern akzeptieren will. Trotzdem ist sie an einer einvernehmlichen Regelung interessiert. Der Einbruch von einst ist übrigens auch rein rechtlich Geschichte. Selbst wenn sich ein Diebstahl nach mehr als sechs Jahrzehnten nachweisen ließe, er wäre längst verjährt. Notfalls werde es aber auch zur Klage kommen, sagt Eichhorn, ebenfalls Rechtsanwalt. Noch will er diesen letzten Schritt nicht gehen. Noch hofft er auf das Wunder.

Saskia Grätz

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