Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Das filmreife Graffiti-Paar

Schülerprojekte mit viel Farbe Das filmreife Graffiti-Paar

Ihre Liebesgeschichte ist filmreif. Susann Seifert war Ordnungsamtsmitarbeiterin mit dem Spezialgebiet Graffiti-Bekämpfung. Dabei ermittelte sie auch gegen den illegalen Sprayer Ralf Hecht – und verliebte sich in ihn. Heute sind sie ein Paar. Auch im Landkreis Leipzig erzählen beide Jugendlichen von der Faszination und den Abgründen dieser speziellen Kunst.

Zentral am Markt in Altenburg hat das Graffiti-Paar seinen Laden. Am großen Tisch nehmen gern Kreative Platz und probieren sich aus.

Quelle: Andreas Döring

Landkreis Leipzig. E

„Erst mal war das für mich alles böse, die Sprayer waren Straftäter, Drogenabhängige undsoweiter, ich hatte sämtliche Stereotype übernommen“, erzählt sie. Nach und nach lernte die damals 24-Jährige einige aus der Szene kennen, „und ich fand sie ganz nett“. Auch wurde sie neugierig, „was denn nun eigentlich der Spaß am Sprühen ist“.

Sie entschied sich für einen Test. Am Jugendtreff Rote Zora durfte legal gesprüht werden. Es sei ihr damals schon ein bisschen peinlich gewesen, wie sie lachend sagt, aber dort suchte sie sich ein freies Fleckchen Wand und sprühte los. Eine Libelle und Herzen wählte sie als erste Motive. „Es hat mir gefallen, es war irgendwie cool.“ So besorgte sie sich große Pappen, kaufte noch ein paar Sprühdosen bei Ralf Hecht im Laden und legte auf ihrer heimischen Dachterrasse los. „Man kann dabei herrlich abschalten, bekommt den Kopf frei, also mir tat das richtig gut“, meint sie.

Entspannt lächeln bei Kommentaren zu ihrer Liebesgeschichte

Inzwischen lief die Anti-Graffiti-
Aktion weiter. Für die Stadt ermittelte sie in der illegalen Szene, es gab auch viele Gespräche mit Bürgern, denen sie immer wieder als wirksames Mittel empfahl, Graffiti-Schmierereien am besten schnell wieder zu entfernen, das sei die beste Prävention. Zu der
Kampagne gehörte aber auch die
Organisation von Projekten zum
legalen Sprühen. Je mehr sich Susann Seifert mit der Materie beschäftigte, um so mehr war sie davon fasziniert. Das nächtliche illegale Sprühen sei für sie bis heute nicht in Ordnung, „aber ich habe damals darüber nachgedacht, ob einzig und allein die Gesetzeskeule das Problem lösen kann“. Es sei ihr
um die Menschen gegangen, die sie aus der Sprayerszene kennen lernte. Ja, einige hätten auch Probleme gehabt, aber sie fühlte sich ihnen
nah.

Besonders dem Sprayer Ralf Hecht. Die Besuche in seinem Laden waren nun nicht mehr rein dienstlicher Natur. Lockenwickler und Schminke kamen im Vorfeld intensiver zum Einsatz, sagt sie. Das Dekolleté wurde tiefer, sagt er. Beide lachen. Sie kennen die Kommentare zu ihrer Liebesgeschichte bestens und können heute entspannt dazu lächeln. Doch einfach war es damals nicht. Sie sprach von sich aus mit ihrem Chef – und wurde versetzt. Er, das war ihre Bedingung, musste aufhören illegal zu sprühen.

Workshops sollen Positives wie Negatives zu Graffiti aufzeigen

Der heute 36-jährige Altenburger kam eher durch Zufall mit den Farbdosen in Berührung, erzählt er. Als er in der siebenten Klasse war, sprach ihn ein älterer Schüler an. Ihm waren seine gelungenen Arbeiten aus dem Kunstunterricht aufgefallen. Ob er denn nicht Lust hätte, bei den Sprayern mitzumachen. Ralf ging einige Male hin, die Jungen besorgten sich über Katalogbestellung Dosen, probierten Techniken aus. Und irgendwann suchten sie leere, große Flächen, anderswo...

Doch nun wurde aus illegal wieder legal. Heute verdienen die beiden gemeinsam mit Graffiti ihr Geld. Anfangs managten sie ihre Präventionsveranstaltungen neben ihren Jobs, doch bald schon wurde dies zum Haupterwerb, auch dank des Sponsorings des regionalen Energieversorgers EnviaM. Heute ist das Paar in ganz Mitteldeutschland in Schulen unterwegs. Ein, zwei, manchmal sogar drei Tage laufen die Projekte, wobei das Thema Graffiti umfassend beleuchtet werden soll. Sie erzählen ihre persönliche Geschichte, sprechen über die Historie dieser speziellen Kunst. Es geht um Wahrnehmung: Wie wirkt ein legales, wie ein illegales Bild?

Farbküche am Markt für Kreative zum Ausprobieren

Ein Komplex widmet sich den Sprayern. Wie sind sie organisiert? Welche Motive haben sie? Was macht das mit einem, wenn man illegal unterwegs ist? Verfolgungsparanoia und Störung des Tag- und Nachtrhythmus’ werden angesprochen. Auch die Crew als Familienersatz sowie der rechtliche Teil spielen eine Rolle. Das Kapitel „Erwischt – und dann?“ erwähnt die Folgen des illegalen Sprühens.

„Wir wollen Positives wie Negatives aufzeigen. Wir möchten auch rüberbringen, dass man so ein Talent nutzen und, wenn man an der Sache richtig dran bleibt, im besten Fall damit sein Geld verdienen kann“, sagt Susann Seifert. Höhepunkt der Workshops sei für die Schüler stets, wenn sie selbst zu den Farbdosen greifen dürfen.

Inzwischen hat das Paar einen Laden „Farbküche" am Altenburger Markt. Ein langer Tisch, bestückt mit Farben, Stiften und Papier, wartet auf seine Kreativen, die inzwischen zahlreich kommen. An den Wänden hängen nicht nur Graffiti, auch viele Fotos und andere Bilder. Sie
stammen unter anderem von psychisch Kranken, mit denen die „Farbküche“ über den Verein Horizonte zusammen arbeitet. „Für mich ist das alles eine erfüllende Arbeit. Ich hab’ das Gefühl, dass wir hier was bewegen kön-
nen. Und es ist befriedigender, als
am Schreibtisch Bescheide zu schreiben“, sagt die
Ex-Ordnungs-
amtsmitarbeiterin und lächelt zufrieden ihren Ralf an.

Von Claudia Carell

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Borna
Borna in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Leipzig

Fläche: 62,44km²

Einwohner: 20.382 Einwohner (Dezember 2016)

Bevölkerungsdichte: 326 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04552

Ortsvorwahlen: 03433

Stadtverwaltung: Markt 1, 04552 Borna

Ein Spaziergang durch die Region Borna
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Willkommen an Bord: Am 22. Oktober 2017 luden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse ein. Hier gibt es einen Rückblick. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

12.12.2017 - 08:02 Uhr

Fußballer des SV Tresenwald Machern veanstalten wieder ihr traditionelles Hallenturnier für Nachwuchsmannschaften.

mehr
  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr