Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Borna Das filmreife Graffiti-Paar
Region Borna Das filmreife Graffiti-Paar
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 10.10.2017
Farbe ist ihnen wichtig, der Untergrund darf auch Folie sein: Susann Seifert und Ralf Hecht in Aktion. Ein Video sehen Sie auf lvz.de/borna. Quelle: Foto:
Landkreis Leipzig

E

„Erst mal war das für mich alles böse, die Sprayer waren Straftäter, Drogenabhängige undsoweiter, ich hatte sämtliche Stereotype übernommen“, erzählt sie. Nach und nach lernte die damals 24-Jährige einige aus der Szene kennen, „und ich fand sie ganz nett“. Auch wurde sie neugierig, „was denn nun eigentlich der Spaß am Sprühen ist“.

Sie entschied sich für einen Test. Am Jugendtreff Rote Zora durfte legal gesprüht werden. Es sei ihr damals schon ein bisschen peinlich gewesen, wie sie lachend sagt, aber dort suchte sie sich ein freies Fleckchen Wand und sprühte los. Eine Libelle und Herzen wählte sie als erste Motive. „Es hat mir gefallen, es war irgendwie cool.“ So besorgte sie sich große Pappen, kaufte noch ein paar Sprühdosen bei Ralf Hecht im Laden und legte auf ihrer heimischen Dachterrasse los. „Man kann dabei herrlich abschalten, bekommt den Kopf frei, also mir tat das richtig gut“, meint sie.

Entspannt lächeln bei Kommentaren zu ihrer Liebesgeschichte

Inzwischen lief die Anti-Graffiti-
Aktion weiter. Für die Stadt ermittelte sie in der illegalen Szene, es gab auch viele Gespräche mit Bürgern, denen sie immer wieder als wirksames Mittel empfahl, Graffiti-Schmierereien am besten schnell wieder zu entfernen, das sei die beste Prävention. Zu der
Kampagne gehörte aber auch die
Organisation von Projekten zum
legalen Sprühen. Je mehr sich Susann Seifert mit der Materie beschäftigte, um so mehr war sie davon fasziniert. Das nächtliche illegale Sprühen sei für sie bis heute nicht in Ordnung, „aber ich habe damals darüber nachgedacht, ob einzig und allein die Gesetzeskeule das Problem lösen kann“. Es sei ihr
um die Menschen gegangen, die sie aus der Sprayerszene kennen lernte. Ja, einige hätten auch Probleme gehabt, aber sie fühlte sich ihnen
nah.

Besonders dem Sprayer Ralf Hecht. Die Besuche in seinem Laden waren nun nicht mehr rein dienstlicher Natur. Lockenwickler und Schminke kamen im Vorfeld intensiver zum Einsatz, sagt sie. Das Dekolleté wurde tiefer, sagt er. Beide lachen. Sie kennen die Kommentare zu ihrer Liebesgeschichte bestens und können heute entspannt dazu lächeln. Doch einfach war es damals nicht. Sie sprach von sich aus mit ihrem Chef – und wurde versetzt. Er, das war ihre Bedingung, musste aufhören illegal zu sprühen.

Workshops sollen Positives wie Negatives zu Graffiti aufzeigen

Der heute 36-jährige Altenburger kam eher durch Zufall mit den Farbdosen in Berührung, erzählt er. Als er in der siebenten Klasse war, sprach ihn ein älterer Schüler an. Ihm waren seine gelungenen Arbeiten aus dem Kunstunterricht aufgefallen. Ob er denn nicht Lust hätte, bei den Sprayern mitzumachen. Ralf ging einige Male hin, die Jungen besorgten sich über Katalogbestellung Dosen, probierten Techniken aus. Und irgendwann suchten sie leere, große Flächen, anderswo...

Doch nun wurde aus illegal wieder legal. Heute verdienen die beiden gemeinsam mit Graffiti ihr Geld. Anfangs managten sie ihre Präventionsveranstaltungen neben ihren Jobs, doch bald schon wurde dies zum Haupterwerb, auch dank des Sponsorings des regionalen Energieversorgers EnviaM. Heute ist das Paar in ganz Mitteldeutschland in Schulen unterwegs. Ein, zwei, manchmal sogar drei Tage laufen die Projekte, wobei das Thema Graffiti umfassend beleuchtet werden soll. Sie erzählen ihre persönliche Geschichte, sprechen über die Historie dieser speziellen Kunst. Es geht um Wahrnehmung: Wie wirkt ein legales, wie ein illegales Bild?

Farbküche am Markt für Kreative zum Ausprobieren

Ein Komplex widmet sich den Sprayern. Wie sind sie organisiert? Welche Motive haben sie? Was macht das mit einem, wenn man illegal unterwegs ist? Verfolgungsparanoia und Störung des Tag- und Nachtrhythmus’ werden angesprochen. Auch die Crew als Familienersatz sowie der rechtliche Teil spielen eine Rolle. Das Kapitel „Erwischt – und dann?“ erwähnt die Folgen des illegalen Sprühens.

„Wir wollen Positives wie Negatives aufzeigen. Wir möchten auch rüberbringen, dass man so ein Talent nutzen und, wenn man an der Sache richtig dran bleibt, im besten Fall damit sein Geld verdienen kann“, sagt Susann Seifert. Höhepunkt der Workshops sei für die Schüler stets, wenn sie selbst zu den Farbdosen greifen dürfen.

Inzwischen hat das Paar einen Laden „Farbküche" am Altenburger Markt. Ein langer Tisch, bestückt mit Farben, Stiften und Papier, wartet auf seine Kreativen, die inzwischen zahlreich kommen. An den Wänden hängen nicht nur Graffiti, auch viele Fotos und andere Bilder. Sie
stammen unter anderem von psychisch Kranken, mit denen die „Farbküche“ über den Verein Horizonte zusammen arbeitet. „Für mich ist das alles eine erfüllende Arbeit. Ich hab’ das Gefühl, dass wir hier was bewegen kön-
nen. Und es ist befriedigender, als
am Schreibtisch Bescheide zu schreiben“, sagt die
Ex-Ordnungs-
amtsmitarbeiterin und lächelt zufrieden ihren Ralf an.

Von Claudia Carell

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wer ein Müllfahrzeug steuert, braucht Nerven. In vielen Siedlungen geht es eng zu. In viele Straßen kommt der Laster nur, wenn er rückwärts fährt. Das birgt Gefahren. Die zu verringern, muss der Entsorger Kell 500 dieser Passagen jetzt genauer untersuchen.

10.10.2017

Peter Petters (Linke), Mitglied des Röthaer Stadtrates und des Kreistages, freut sich über den vorläufigen Verbleib der Selbstbedienungsfiliale der Sparkasse in Espenhain. Er sieht darin einen Erfolg der „vielen Initiativen und Aktivitäten der Bürger der Stadt Rötha und der Ortsteile“. Allerdings nur einen teilweisen, denn „leider schließt die Sparkasse Rötha“.

07.10.2017

Sie wird bisweilen auswärts präsentiert und ansonsten liebevoll im alten Gerätehaus in der Röthaer Straße in Borna gepflegt: die Löschtechnik aus DDR-Zeiten, die im Prinzip noch einsatzbereit ist. Die hat ihren Reiz, die Technik aus der Epoche von Trabant und Wartburg.

09.10.2017