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"Das war Gänsehaut pur"

"Das war Gänsehaut pur"

Hautnah hat der Geithainer Erik Rößner die Ereignisse auf dem Maidan-Platz in Kiew miterlebt. Seit Sommer letzten Jahres gibt er in der ukrainischen Hauptstadt Deutschkurse.

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Der Geithainer Erik Rößner hielt auf Fotos fest, wie die Ukrainer am 1. Dezember vorigen Jahres zum Maidan strömten. Es war der erste große Demonstrationssonntag.

Quelle: Erik Rößner

Kiew/Geithain. Die politischen Ereignisse sind ständiges Thema unter seinen Schülern.

Wiktor Janukowytsch sei nicht ihr Präsident, das hörte Erik Rößner von Anfang an von allen. Im November begannen dann die Proteste auf dem Maidan. Die beiden Büros, in denen der Deutsch-Unterricht stattfindet, liegen nur 600 beziehungsweise 800 Meter von dem Platz entfernt, dessen Name um die Welt ging. Nachdem am 30. November die Berkut, eine Spezialeinheit der ukrainischen Polizei, friedliche Studentenproteste mit Gewalt auseinandergetrieben hatte, nahmen die Proteste am 1. Dezember Massencharakter an.

Erik Rößner war an jenem Sonntag dabei. Er lief mit einer Freundin zum Maidan, was ewig dauerte, weil die Straßen voller Menschen waren. Viele trugen ukrainische Fahnen. "Auf dem Maidan standen wir Schulter an Schulter, das war Gänsehaut pur", erzählt der Geithainer. Alle hätten für etwas eingestanden; ein Platz voller Menschen, die Hand auf der Brust die Nationalhymne singend. Vielleicht war es so zur Wende in Leipzig - Erik Rößner weiß es nicht, da war er erst zwei Jahre alt. Gewalt habe er bei den Protesten in Kiew selber nicht erlebt. Doch als er sah, wie Barrikaden aufgebaut wurden und die Berkut aufmarschierte, hatte er schon das Gefühl, dass es ernst wird.

Die Ereignisse auf dem Maidan waren bei all seinen Schülern das Thema, sie wollten darüber sprechen. Erik Rößner hielt sich mit Statements zurück. "Die Ukrainer müssen ihre Probleme selber lösen", sagt er.

Lediglich drei Tage im Februar fiel der Unterricht aus, als Menschen starben, als Bürgerkrieg drohte, als die Metro geschlossen war. "Eine bizarre Situation", erinnert sich der Geithainer, Angst habe er allerdings nicht gehabt. "Verlass auf keinen Fall die Wohnung!", warnten ihn Freunde. Das auswärtige Amt forderte ebenfalls alle Deutschen auf, zu Hause zu bleiben, wenn sie in Kiew nahe des Zentrums wohnen. Etwa 20 Minuten Metro-Fahrt liegt Erik Rößners Wohngemeinschaft vom Zentrum entfernt, er teilt sie sich mit einer Russin. Der Hass gegen die Russen werde von den ukrainischen Medien sehr geschürt, sagt er. Vergleiche zwischen Putin und Hitler kann der Deutsche nicht nachvollziehen. Er sieht in Kiew ARD, ZDF, hört deutsches Radio. Die Berichterstattung in deutschen Medien empfindet er teilweise als einseitig gegen Russland gerichtet.

Kiewer Freunde von ihm haben unterdessen den Einberufungsbefehl zur ukrainischen Armee erhalten. Schüler von zwölf, 13 Jahren sagen "Wir gehen runter, vertreiben die Russen von der Krim". Aus Sicht von Erik Rößner war die Nichtratifizierung des Assoziierungsabkommens mit der EU im November nur der Anlass für die Proteste. "Den Menschen ging es um die Würde der Ukrainer", so sein Eindruck. Natürlich wollten viele Ukrainer auch zur EU gehören, sagt er, wünschten sich Reisefreiheit und ein Heimatland nach EU-Modell.

Mit Spannung sieht der Deutsche nun den Wahlen in seinem Gast-Land entgegen. Viele wüssten nicht, wem sie ihre Stimme geben sollen, erzählt er. Doch der Geithainer weiß: "Dieses Land hat unglaubliches Potenzial." Er wünscht den Ukrainern, dass sie die sozialen Probleme lösen und die Korruption in den Griff bekommen. Er wünscht, dass es allen besser geht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.04.2014
INGE ENGELHARDT

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