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Der Geithainer Eberhard von Cancrin starb beim DDR-Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953

Der Geithainer Eberhard von Cancrin starb beim DDR-Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953

Der Geithainer Eberhard von Cancrin starb am 18. Juni 1953. Auch heute noch sind Einzelheiten zu den näheren Umständen seines Todes im Zusammenhang mit dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni nicht restlos geklärt.

Geithain/Borna. Erstmals ausführlicher aufgearbeitet hat sie der Geithainer Dr. Gottfried Senf für das Ende 2004 erscheinende Buch Geithain Journal II. Mit der Wende 1989/90 eröffneten sich neue Möglichkeiten der Archivnutzung. Frau von Cancrin begeht in diesem Jahr ihren 87. Geburtstag. Gespräche mit ihr halfen, dass nach über 50 Jahren die folgende, relativ ausführliche Darstellung entstehen konnte. Der Text erscheint als leicht gekürzter Vorabdruck heute und dann in den folgenden Wochen auf der Seite Heimatgeschichte. Am Morgen des 18. Juni 1953 fuhr der Geithainer Arbeiter Eberhard von Cancrin - wie seit acht Jahren - mit dem Zug zu seiner Schicht im Kohlebunker der Brikettfabrik Espenhain. Er kam am Abend nicht von der Arbeit zurück, auch nicht am folgenden Tag. Nachfragen seitens der Ehefrau im Betrieb, bei der Polizei in Geithain und Borna, beim Gericht und zuletzt sogar bei der Mordkommission in Leipzig blieben stets ergebnislos. Immer nur die kalte Antwort: „Wir wissen nichts!" Wie oft verbarg sich wohl dahinter eher „Wir dürfen nichts sagen!"? Die Ungewissheit dauerte bald sieben Wochen, keine Antwort auf eine Frage, keinerlei amtliche Benachrichtigung! Dass der Ehemann und Vater nicht mehr leben könnte, wurde anfangs überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Erst am 8. August 1953 erhielt Frau von Cancrin die amtliche Nachricht, dass ihr Mann am 18. Juni 1953 verstorben sei und die Urne mit seiner Asche abgeholt werden könne. Die Urnenbeisetzung war an eine behördliche Auflage gebunden: Es durften höchstens 15 Personen teilnehmen! Von Anfang an bis zum Ende der DDR herrschte in Geithain „das große, verordnete Schweigen" über den Tod des 43-jährigen Eberhard von Cancrin. Infolge dessen entstanden um den Fall bar jeder sachlichen Grundlage Legenden und Gerüchte. Hatte jemand das „von" im Namen, rückte er in DDR-Zeiten ganz schnell in Richtung „Großgrundbesitzer, Ausbeuter, Reaktionär". Und da der 17. Juni 1953 nach offizieller DDR-Sicht ein „faschistischer Putsch" war, waren in der offiziellen Berichterstattung die Akteure, insbesondere die nach dem 17. Juni Verurteilten oder Hingerichteten alles, nur keine Arbeiter! Die Aufnahme des Themas in das Geithain Journal II erfolgt so im Interesse der Familie von Cancrin. Außerdem gehört der Komplex zur Geithainer Zeitgeschichte. Eine erneute „Ausblendung", so geschehen etwa in der Festschrift von 1986 zur 800-Jahr-Feier der Stadt Geithain, wäre unredlich. Frau von Cancrin erinnert sich, dass ihr Mann nach Rückkehr von der Arbeit am 17. Juni erregt vom Unmut seiner Kollegen sprach. Sie habe ihn zu beruhigen versucht. Er ist offenbar dann am Morgen des 18. Juni bei oder nach Beginn der Schicht, allein oder mit anderen, von der Bornaer Dienststelle des MfS verhaftet, aber bereits kurze Zeit (im Bereich von einigen Stunden) später an die Russen (Geheimdienst oder reguläre Wachmannschaften im Werk) übergeben worden. So könnte es entsprechend persönlichen Erinnerungen und vorliegenden internen Dokumenten abgelaufen sein. Der Bericht über den Abtransport der verhafteten acht Belegschaftsmitglieder mit zwei Jeeps zur Espenhainer Kippe ist ein Erinnerungsbericht eines Zeitzeugen von 1990, also knapp 37 Jahre nach dem Ereignis. Was sich aber auf der Kippe - oder wo auch immer - genau ereignete (gab es dort noch Gespräche bzw. Verhöre, verbale Auseinandersetzungen usw.), ist bis dato nicht bekannt. Fortsetzung folgt. Eberhard von Cancrin wurde am 8. September 1910 in Rothspalk, einem Dorf zwischen Güstrow und Teterow, geboren. Die Eltern besaßen dort ein Bauerngut. Die Folgen von Inflation und Weltwirtschaftskrise veranlassten Familie von Cancrin 1929 zur Auswanderung nach Chile. Auch dort versuchten es die Cancrins mit dem Aufbau einer kleinen Landwirtschaft. Die folgenden Jahre in einer vollkommen fremden Umgebung waren hart und mühselig. Daheim in Deutschland hatte sich seit 1933 Entscheidendes geändert. Nur wenige in Deutschland erkannten von Anfang an, wohin Hitlers Weg führen würde. Auch vom Ausland her wurde die Entwicklung in Deutschland, zumal bis Ende der 30er Jahre, durchaus nicht immer negativ kommentiert. Die traditionell deutschfreundliche Stimmung in Südamerika kann beigetragen haben, dass sich junge deutsche Auswanderer für die Entwicklung in Deutschland interessierten und sich ebenfalls blenden ließen. Das mag ein Grund sein, weshalb Eberhard von Cancrin wieder nach Deutschland zurückkehrte. Im Frühjahr 1939 gingen er und zwei Freunde in Hamburg von Bord. Es klappte sofort mit einer Arbeit, sogar in seiner mecklenburgischen Heimat. Die Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock-Marienehe suchten wie überall in der deutschen Wirtschaft und erst recht in der Rüstungsindustrie verzweifelt Arbeitskräfte. Im Herbst des Jahres begann mit dem Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg. Von Cancrin wurde zunächst nicht einberufen, arbeitete weiter im Flugzeugwerk und lernte seine spätere Frau kennen. Sie heirateten 1940. Ein Jahr später wurde Tochter Gabriele geboren. Die Einberufung war 1940 auch für von Cancrin nur noch eine Frage der Zeit. Die Tatsache, dass er vor kurzer Zeit erst aus Chile nach Deutschland kam, war wohl der Grund für seine Einberufung zur Deutschen Polizei und nicht zur Wehrmacht. Im Frühjahr 1945 erwies sich das als Vorteil. Die Kriegsgefangenschaft blieb ihm erspart. Aus Italien kommend, verschlug es ihn zunächst in die Gegend um Kassel. Frau von Cancrin und Tochter Gabriele lebten in Folge des Krieges seit Februar 1945 in Geithain. Im Mai 1945 war die Stadt noch von Amerikanern besetzt. So verwundert nicht, dass von der amerikanischen Kommandatur in Kassel der Passierschein nach Geithain ausgestellt wurde. Es war dort u. a. vermerkt: „Eberhard von Cancrin (Oberwachtmeister) war Mitglied der deutschen Polizei." Er war die ersten Monate sogar noch bei der neugebildeten Geithainer Ortspolizei tätig. „Polizeipräsident" von Geithain war zu dieser Zeit Herbert Kopp. Dessen Wirken in der Stadt ist älteren Geithainern noch heute mehr als unangenehm im Gedächtnis. So konnte Frau von Cancrin ihren Mann damals verstehen, als er bereits im September 1945 seine Anstellung kündigte. Wie viele Geithainer, fand er in Böhlen/Espenhain eine neue Arbeit. In der Brikettfabrik Espenhain, einem SAG-Betrieb, war er bis zum 18. Juni 1953 im Kohlebunker als Mühlenwärter tätig. Die Geburt ihrer zweiten Tochter Christine im Jahre 1950 wurde von den Eltern als Glück empfunden.

G. Senf

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