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Borna Der Rentenkampf der Espenhainer Bergleute
Region Borna Der Rentenkampf der Espenhainer Bergleute
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00:21 10.11.2018
Ein Blick auf das Espenhainer Werk zur DDR-Zeit: Für schwere Arbeit, wie zum Beispiel in der Schwelerei, wurde den Beschäftigten die volle Bergarbeiterrente zugesagt – das galt aber nur bis Ende 1996. Betroffene wehren sich dagegen seit mehr als 20 Jahren. Quelle: LVZ-Archiv
Borna

Werner Friedrich trägt stolz seine dunkle Bergmannsuniform. Sie ist aus dem edlen DDR-Stoff Präsent 20 gefertigt, damals hat er 170 Ost-Mark dafür bezahlt. „Ich bin Bergmann, wer ist mehr?“, sagt der 75-Jährige heute noch.

Der Bornaer begann mit 14 Jahren als Schlosserlehrling im Espenhainer Werk. Bald kam er in die Schwelerei des Betriebes. Dort standen dreißig Schwelöfen, 25 Meter hoch und zehn Meter breit. Mit 13 000 Tonnen Kohle pro Tag sollen sie betrieben worden sein. Die Arbeitsbedingungen seien „ganz schrecklich“ gewesen.

Werner Friedrich (li.) und Günter Freitag von der Solidargemeinschaft in ihren Bergmannsuniformen vorm Bornaer Rathaus. Quelle: Claudia Carell

Neben dem immensen Krach atmeten die Arbeiter jede Menge Schwelgas ein. Das stank wie faule Eier, erinnert er sich. Obwohl er nach jeder Schicht ausgiebig duschte, schlief er zu Hause manchmal auf der Couch im Wohnzimmer statt im Ehebett. „Der Gestank drang in die Haut ein, das bekam man manchmal einfach nicht ab.“

Dauernd war an den Schwelöfen etwas kaputt. Rund 1400 Bomben sollen im Zweiten Weltkrieg auf das Espenhainer Werk gefallen sein, danach wurde es in Windeseile wieder aufgebaut. Mit Mängeln. Tag für Tag waren Friedrich und seine Kollegen mit Schweißbrennern in der Schwelerei unterwegs, um Lecks abzudichten. „Von vorn kam das Gas raus, von oben rieselte Glut, das war eine hundeschwere Arbeit“, sagt er. In drei Schichten.

Ehrgeiz: „Wir haben alles gegeben“

Aber: „Wir hatten den Ehrgeiz, dass die Anlage läuft. Wir haben alles gegeben.“ Von der Betriebsleitung sei ihnen vermittelt worden, wie wichtig die Schwelerei-Produkte für die Wirtschaft des Landes sind. Man habe das Gefühl gehabt, eine wichtige Arbeit zu leisten. Es gab Anerkennung, in Worten und Prämien.

Werner Friedrich spricht von einem „guten Kollektiv“. Er verlor seinen Vater im Krieg, fand in seinen älteren Kollegen Vaterersatz. Manchmal hatte der junge Mann aber auch die Nase voll – „von all dem Dreck“ und wollte aufhören, doch dann hörte er: „Mach’ die 15 Jahre, dann bekommst du die gute Rente.“ Die Bergarbeiterrente, die auch Arbeitern in der Braunkohlenveredelung zustand, wenn sie so einen schweren Job hatten wie er, mindestens 15 Jahre lang.

Hunderte betroffenen Bergleute machen seit Jahren auf das ungelöste Problem der Bergarbeiterrente aufmerksam.

Giftglocke hing über Espenhain

Friedrich blieb viel länger. 27 Jahre in der Schwelerei, insgesamt 43 Jahre im Werk Espenhain. Dass das eine Dreckschleuder war, wussten die Einheimischen, auch wenn damals keine Messdaten veröffentlicht wurden. „Über Espenhain hing meist eine Giftglocke, brauner Nebel“, berichtet er. „Bei ungünstigem Wind war es so schlimm, dass die Polizei tagsüber Fackeln aufstellte, damit die Autofahrer sahen, wo die Straßenränder sind.“

Nach der Wende, 1991, war im Werk Schluss – tausende Mitarbeiter arbeitslos. Der Bornaer bekam eine ABM im Abriss seiner einstigen Arbeitsstelle. „Ich hab’ unsere Schwelerei mit Schweißbrenner und großer Technik klein geschnitten“, sagt er.

Böses Erwachen bei Rentenantrag

Mit 58 Jahren ging er in Vorruhestand und beantragte seine Rente mit 60 – im festen Glauben, die volle Bergbaurente zu erhalten. Denn nach einem DDR-Ministerratsbeschluss von 1962 konnten Bergleute und eben auch lang gediente Schwelerei-Arbeiter mit 60 Jahren in Rente gehen.

Wer bis Ende 1996 seinen Rentenantrag einreichte und 60 war, hatte Glück. Dann wurde eine so genannte Stichtagsregelung außer Kraft gesetzt. Friedrich wurde später 60. „Das bedeutet 18 Prozent weniger Rente“, sagt er. Um genau diese 18 Prozent, rund 500 Euro pro Monat, gibt es seit 21 Jahren einen Kampf. Die derzeitige Rente der Betroffenen würde im Schnitt bei 1300 Euro liegen.

Verantwortlich für die Stichtagsregelung war der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm. Er glaubte, dass die Rentensysteme von DDR und BRD bis Ende 1996 angeglichen sein würden. Ein Fehler, wie er Jahre später offen in den Medien und auch gegenüber den Bergleuten zugab.

219 Vereinsmitglieder bereits verstorben

1997 gründete sich der Verein Solidargemeinschaft der Bergleute Braunkohlenveredelung Espenhain-Borna, um sich dagegen zu wehren. Anfangs gehörten dazu 600 Betroffene. „Heute sind wir nur noch 381“, sagt Günter Freitag. Der 80-Jährige arbeitete fast ein halbes Jahrhundert in der Montanindustrie und ist ein Motor des Vereins.

Es sei heute „unstrittig, dass die Tätigkeit in der Braunkohlenveredlung Krebserkrankungen zur Folge hat“, sagt er. Dies zeige auch der Tod von 219 Mitgliedern der Solidargemeinschaft. Die meisten seien an Krebs gestorben. Derzeit würden fünfzehn weitere in Palliativstationen oder Krankenhäusern liegen oder zu Hause gepflegt werden.

Viele Rückschläge vor Gericht

Aber für die noch Lebenden lohne sich seiner Meinung nach der Kampf weiterhin. Obwohl es bisher viele Rückschläge gab. Obwohl ihnen ins Gesicht gesagt wurde, die Bergarbeiterrente für sie sei eine „Fiktion“. Obwohl der Bundestag einen entsprechenden Antrag der Linken-Fraktion abgelehnt hat. Obwohl die Betroffenen sich durch alle Instanzen geklagt haben: vom Sozialgericht Leipzig über das Landessozialgericht Sachsen bis zum Bundessozialgericht sowie beim Bundesarbeitsgericht – ohne Erfolg.

„Das Problem ist, dass unser Anspruch zwar im Einigungsvertrag steht, aber nicht in das Sozialgesetzbuch IV übernommen wurde“, erklärt Freitag und fügt hinzu: „Trotzdem! Wir haben darauf einen gesetzlichen Anspruch – eben wegen des Einigungsvertrages.“

Es gibt nicht nur Niederlagen. Unterstützung erhalten die Bergleute seit Jahren von den SPD-Politikern Petra Köpping, Wolfgang Tiefensee und Daniela Kolbe. „Ihr Kampf ist Symbol dafür, dass die ostdeutschen Biografien noch nicht Teil der gesamtdeutschen Geschichte geworden sind. Im Westen muss man endlich zuhören“, sagte Petra Köpping, Ministerin für Gleichstellung und Integration in Sachsen, bei einer der Veranstaltungen der Solidargemeinschaft in Borna.

Zig mal reiste der Vereinsvorstand nach Berlin zu Gesprächen, 16 Lösungsvorschläge erarbeitete man in dieser Zeit, so Freitag. 2011 schien ein Kompromiss greifbar, doch dann hätten die Verantwortlichen die Posten gewechselt und die Sache sei im Sande verlaufen.

Treffen mit Arbeitsminister nächstes Ziel

Derzeit sei wieder Hoffnung in Sicht. Im September dieses Jahres fand ein Treffen mit Albert H. Weiler, dem rentenpolitischen Sprecher der CDU, in Berlin statt. Dieser habe nun mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Kontakt aufgenommen und sieht, so heißt es in einem Schreiben, die Forderung der Bergleute als „berechtigt“ an. Nächstes Etappenziel sei ein Treffen mit dem Arbeitsminister in Berlin.

Werner Friedrich zieht hin und wieder gern seine Bergmannsuniform an. Er hängt bis heute an seinem Berufsstand, trotz der miserablen Arbeitsbedingungen damals. Und er will sein Recht, auch nach all der Zeit: „Das ärgert uns, bis wir in die Grube fahren.“ Es geht ihm ums Geld und um die ideelle Anerkennung seiner Arbeitsleistung.

Weil er eine „dichterische Ader“ hat und gern was schreibt, wenn einer seiner Lieben Geburtstag hat, verfasste er auch ein Gedicht zu diesem ernsten Thema. Es beginnt mit dem Vers: „Ich bin Bergmann, wer ist mehr?“

Ich bin Bergmann, wer ist mehr?

Ich bin Bergmann, wer ist mehr? So ging ein Spruch, doch lang ist’s her. Wir haben unser Arbeitsleben dem Kohle-Bergbau hingegeben. Von Gift umwabert, von Staub umhüllt, haben wir unsere Pflicht erfüllt. In drei Schichten, Tag und Nacht aus Kohle Koks und Teer gemacht. Die schwere Arbeit nicht gescheut, auf freie Tage uns gefreut.

Und wussten alle, dass am Ende uns winkt die gute Bergmannsrente. Das war Gesetz und fest versprochen, mit 60 ruhn die Bergmannsknochen. Da ist die Bergmannskraft vergeben, da darf man noch ein bisschen leben. Doch alle haben es nicht geschafft, von Gift und Gas dahin gerafft, das ist so schlimm und brachte Leid, so mancher ging schon vor der Zeit. Die Schwefelhölle, die so stank, machte manchen Kumpel krank.

Doch so plötzlich kam die Wende, die Arbeitswelt war auch zu Ende. Bei Rentenanspruch, der hat Glück, der Rest blieb ratlos dann zurück. Die Verantwortlichen hier im Osten, die suchten schnell sich neue Posten. Was kümmern sie die Kumpels Rechte, wenn ein Gesetz sie fressen möchte. Dem Rechtsnachfolger kümmert’s nicht, uns Recht zu sichern wäre Pflicht. Doch in der schönen neuen Zeit, da sieht man selber, wo man bleibt.

Der Bergmann, der den Dreck gefressen, ist nun verraten und vergessen. Selbst vor Gericht nimmt’s seinen Lauf, man gibt das falsche Spiel nicht auf. Und in der sauberen Politik, da hatten wir bislang kein Glück. Den Bergmann tröstet diese Sorte, die heuchlerisch verdreht die Worte. Wir würden gern, doch geht es nicht, übt doch lieber den Verzicht. Ham keine Zeit, uns zu verspäten, heute erhöhn wir die Diäten.“ Des Kumpels letzte Petition. Abgewiesen! Blanker Hohn.

Inzwischen weiß nun auch der Dümmste, das ist noch lange nicht das Schlimmste. Man weiß genau im Hohen Haus, die Kumpel sterben langsam aus. Ihr gutes Recht und was versprochen, das ist nun lange schon gebrochen. Die Gesetze drehen sie dann zum Nachteil für den kleinen Mann. Dort oben, wo man sich gut kennt, da holt man sich den letzten Cent. Von dem man meint, es sei so recht, uns Kumpel wird dabei schlecht. Doch so lange wir zusammen stehen, wird unser Kampf auch weiter gehen. Schon gegen dieses miese Spiel mit dem Gerechtigkeitsgefühl. Es zwingt zum Kämpfen uns so sehr. Ich bin Bergmann, wer ist mehr?

Von Claudia Carell

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