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Der Übergangsbürgermeister von Borna

Der Übergangsbürgermeister von Borna

Ohne Leute wie ihn wäre der Übergang von der realsozialistischen DDR zur heutigen Bundesrepublik kaum derart reibungslos verlaufen. Männer wie der Bornaer Übergangsbürgermeister Paul Atts waren es, die bereits unter den alten Verhältnissen aktiv und später in der Lage und Willens waren, das Ruder festzuhalten, als die erste Garde auf allen politischen Ebenen bereits ihre Machtpositionen räumen musste.

Borna. Wer heute, zwei Jahrzehnte später, mit dem damals 46-Jährigen spricht, bekommt schnell mit, dass er es mit einem ehrlichen Mann zu tun hat. Mit einem, dem große Gesten eher fremd sind und der sich nicht verbiegt. Das war schon zu tiefsten DDR-Zeiten so, als der gelernte Dreher zum stellvertretenden Bürgermeister in Borna aufstieg. Und es zeigte sich, als es in den Monaten des Runden Tischs, jener übergangsweisen Zwischenform des halbdemokratischen Regierens zwischen Dezember 1989 und März 1990, darauf ankam, den normalen Fortgang des Alltags vor Ort zu sichern. Erfahrungen mit Widrigkeiten hatte Atts, einst in der Regiser Zentralwerkstatt beschäftigt, bereits vor dem Ende der Honecker-DDR. Nach mehreren Studien, auch einem zum Staatswissenschaftler („Das hätte selbst zum LPG-Vorsitzenden gereicht.“) wurde er in Borna Stadtrat für Versorgungswirtschaft. Ein, mit Verlaub, klassischer Anschissposten, „denn da war ich zuständig für alles, was schief lief“. Wenn eine Straße in Borna kaputt war, „dann war das meine Sache“, so Atts. Und Straßen waren im Sozialismus trotz einer erheblich geringeren Zahl an Autos noch viel mehr kaputt als heute. Atts hatte also einen Posten, der ihn durchaus ans damalige System band („Ich bin nicht dagegen geschwommen.“), ihn aber zugleich auch in einer kritischen Distanz hielt. „Ich konnte im DDR-System leben, ohne etwas groß vermisst zu haben.“ Die üblichen Phrasen, die viele DDR-Bürger etwa bei der Auswertung der regelmäßigen Plenen der SED-Spitze über sich ergehen lassen mussten, störten ihn allerdings immer wieder. Zu Atts’ Dasein vor dem Herbst 1989 gehörte auch, dass er sich dem allgemein üblichen Empfang von ARD und ZDF verweigerte, „weil ich meinen Sohn nicht in Gewissenskonflikte bringen wollte“. Die zunehmende Fluchtbewegung über Ungarn, Tschechoslowakei und Polen bekam Atts natürlich dennoch mit, und zwar ganz konkret in seinem Aufgabengebiet im Rathaus. Es fehlte mehr und mehr an Backwaren, „wir hatten zu wenig Bäcker“. Auch musste er sich um die Wohnungen von Leuten kümmern, die Richtung Westen abgehauen waren. Atts ist auch heute noch so ehrlich, dass er zugibt, damals durchaus der Überzeugung gewesen zu sein, die Flüchtlinge würden es in der Bundesrepublik keineswegs besonders guthaben. Dabei war ihm wie auch seinen Kollegen im Rathaus klar, „dass es so nicht mehr weitergehen konnte“. Der erste Mann im Rathaus, Bürgermeister Rudolf Urban, war vorsichtshalber krank geworden, als sich die Vertreter des Volkes im Herbst 1989 tatsächlich vor ihrem Volk verantworten mussten. Als es dann Ende Oktober und im November mehrere Rathausgespräche gab, schlug Atts’ Stunde. Dabei handelte es sich um Foren, in den die Regierenden mit den von ihnen bisher Regierten zwangsweise den Dialog suchten beziehungsweise suchen mussten. Für Atts, als Verantwortlicher für Versorgung im Rathaus gewohnt im Umgang mit Schwierigkeiten, war es leichter, sich vor dem aufgebrachten Publikum im Stadtkulturhaus zu behaupten, wohin die Rathausgespräche aus Platzgründen verlegt wurden. „Ich sprach dort frei“, während gelernte DDR-Funktionäre in der Regel streng an einem Zettel zum Vorlesen klebten. Und die aufgebrachten Bornaer brachten vor, was sie aufregte. Etwa, warum die Champignons aus der Zucht in der Röthaer Straße ins Leipziger Nobelhotel „Merkur“ geliefert wurden, aber vor Ort nicht zu haben waren. Immer wieder ging es um Versorgungsfragen, und da war Atts, von Amts wegen gewohnt, im Feuer zu stehen, der richtige Mann. In der Folge der Gesprächsrunden landete er für die Stadtverwaltung am Runden Tisch. Was folgte, war eine Zeit, die er heute noch als angenehm in Erinnerung hat. „Es ging ja um ein gemeinsames Ziel.“ Zugute kam Atts, dass er mit Pfarrer Ernst Scheibe, dem Moderator des städtischen Runden Tischs, bereits bekannt war. Während seine Rathauskollegen in den Leuten aus der bisherigen Opposition teilweise regelrecht Feinde sahen, hatte der amtierende Bürgermeister eine andere Optik. Nicht zuletzt auch deshalb, weil SED-Mitglied Atts mitbekam, dass seine Partei am Ende doch nichts anderes wollte als eine Restauration der alten Verhältnisse. In der Konsequenz gab er sein Parteibuch ab, und vier, fünf Leute im Rathaus folgten ihm. In der Zeit vor den Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 reiste der Bornaer Bürgermeister mehrfach nach Westdeutschland. Es war die Zeit, in der erste Kontakte geknüpft wurden. Für seinen eigenen Posten wollte Atts am Ende doch nicht kandidieren – auch, weil er glaubte, dass er in jedem Fall Arbeit finden würde. Deshalb lehnte er das Angebot seines Nachfolgers Lutz-Egmont Werner (CDU), Berater oder Pressesprecher im Rathaus zu bleiben, ab. Später führte Atts jahrelang ein Fitnessstudio in der Leipziger Straße, dass er 2005 aufgab. Mittlerweile betreibt er, mit 66 Jahren, einen Haus-Hof-Garten-Service in Ramsdorf. Mit seiner Vergangenheit in der Politik hat der ehemalige Bürgermeister abgeschlossen. Wenn er an die Wendezeit zurückdenkt, „dann habe ich ein gutes Gefühl“.

Nikos Natsidis

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Bundesland: Sachsen

Landkreis: Leipzig

Fläche: 62,44km²

Einwohner: 20.382 Einwohner (Dezember 2016)

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Ortsvorwahlen: 03433

Stadtverwaltung: Markt 1, 04552 Borna

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