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Borna Der Weg ins Lesen und Schreiben
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17:38 20.12.2009
Borna/Geithain

„Ich will dranbleiben“, steht für die Mitvierzigerin nun fest.

„Wenn ich irgendwo ein Schild sehe, lese ich es jetzt, bis ich es verstehe“, erzählt Renate Neumann. Sie steht mitten im Leben, ist immer aktiv, aufgeschlossen und freundlich. Kaum jemand weiß, dass Lesen ihr schwerfällt und dass sie bis Oktober kaum schreiben konnte.In der Schule fiel ihr beides schwer, die Lehrer nahmen sie mit, weil sie in anderen Fächern gut war. „Ich habe mir alles gemerkt“, erzählt Neumann, dennoch sei es für sie jeden Tag ein Grauen gewesen, zum Unterricht zu gehen. Sie blieb mehrfach sitzen, ging mit dem Abschluss der 7. Klasse ab.In der Arbeitswelt kam Renate Neumann trotz ihres Handicaps gut zurecht. Die Formeln und alles andere lernte sie in der Lehre auswendig, arbeitete nach deren erfolgreichem Abschluss als Maschinistin, bis das Unternehmen nach der Wende zumachte. Sie bewarb sich als ungelernte Verkäuferin – die Bewerbung hatte ihre große Tochter geschrieben – und wurde sofort eingestellt. Jetzt arbeitet sie in einem Landwirtschaftsbetrieb – auch gern viel und lange, betont sie. Denn die Arbeit macht ihr Spaß. Nur ihre Vorgesetzte im Geschäft habe schließlich gemerkt, was los war, nachdem sich Renate Neumann um das Schreiben von Quittungen immer wieder herummogelte. „Sie hat sehr verständnisvoll reagiert“, erinnert sich Neumann. In der Familie übernahm ihr Mann stets den Schreibkram. Als ihre kleine Tochter die Probleme der Mutter mitbekam, wollte sie ihr helfen. „Das schaffst Du nicht“, sagte Renate Neumann damals.Doch nun nahmen die Mutter und ihre inzwischen erwachsene Tochter die Sache nach reiflicher Überlegung in Angriff. Die Tochter wandte sich an das Alpha-Telefon, eine Anlaufstelle des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung, die Angehörige und Freunde Betroffener berät. Dort bekam sie die Nummer der Volkshochschule (VHS) in Borna. Vier Wochen später saßen die beiden Frauen im Büro von Kathrin Schöttel, Fachbereichsleiterin Sprachen bei der VHS Leipziger Land.In der Bornaer Geschäftsstelle der Volkshochschule startete Anfang Oktober ein Projekt für funktionale Analphabeten. Trotz absolvierter Schulpflicht sind sie oft nicht in der Lage, eine Zeitung zu lesen, ein Formular auszufüllen oder einen Brief zu schreiben. „Die Ursachen sind vielfältig. Die meisten möchten aus Scham nicht darüber sprechen, oft wissen kaum die nächsten Angehörigen von dem Problem. Auch eine Arbeitsstelle zu finden, ist für Betroffene in der Regel schwierig“, weiß Schöttel.Ziel des Kurses sei, die Teilnehmer langfristig zum Weiterlernen anzuregen, sie beispielsweise an eine entsprechende Lernplattform im Internet heranzuführen. Unterstützt wird dieses Projekt mit Mitteln des sächsischen Kultusministeriums. Gelder für seine Fortführung hat die VHS Leipziger Land für 2010 beantragt. Für zwei Gruppen mit jeweils sechs Teilnehmern – Männer und Frauen zwischen 20 und Mitte 50 – ging der Kurs unter Leitung der Dozentinnen Kerstin Pöhls beziehungsweise Luisa Bierstedt gerade zu Ende.Der Kontakt mit anderen Betroffenen tat Renate Neumann gut. So erfuhr sie beispielsweise, dass die Führerscheinprüfung auch mündlich abgelegt werden kann. „Mein nächstes Ziel ist, die Fahrerlaubnis zu machen, um überall hinzukommen und flexibel zu sein“, strahlt sie. In der Leipziger Volkszeitung liest sie jetzt jeden Tag ein Stück mehr, und SMS auf dem Handy zu schreiben, gehört für die Mitvierzigerin inzwischen zum Alltag. Stolz erzählt sie, wie sie die erste Textnachricht ihres Lebens kurz nach Kursbeginn an ihre Tochter schickte. Für Renate Neumann steht fest: „Ich will dranbleiben – schon für meinen kleinen Enkel, damit ich ihm später mal ein Buch vorlesen oder in der Schule helfen kann.“Tipp: Wer zum Thema Alphabetisierung für Erwachsene Kontakt aufnehmen will, kann sich ab 5. Januar an Kathrin Schöttel bei der Volkshochschule Leipziger Land in Borna wenden, Telefon 03433/80 21 88.

Inge Engelhardt

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