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Der schwärzeste Tag in der jüngeren Bornaer Geschichte

Der schwärzeste Tag in der jüngeren Bornaer Geschichte

Borna. Die Stadt Borna dürfte gestern einen der schwärzesten Tage in ihrer jüngeren Geschichte erlebt haben. Anders als bei der Jahrhundertflut vor elf Jahren wurde die Stadt diesmal stark in Mitleidenschaft gezogen - mit überfluteten Kellern, Stromabschaltungen und Evakuierungen.

Teilweise drohte die Gefahr, dass auch das Stadtzentrum mit dem Markt überschwemmt werden würde. Das war bis zum Abend nicht der Fall.

Es herrschte Ruhe gestern gegen 11 Uhr in der Innenstadt. Zu einem Zeitpunkt, an dem in Borna üblicherweise der Lärmpegel auf sein beträchtliches mittägliches Maß ansteigt. Dafür stiegen die Pegel der Wyhra und sogar der des kleinen Mühlgrabens. Dabei waren viele Bornaer bereits gegen 3.30 Uhr von der Polizei geweckt worden. Das war der Zeitpunkt, als für die Stadt Katastrophenalarm ausgerufen wurde und die Anwohner etwa in der Seumestraße und Am Breiten Teich aufgefordert wurden, ihre Autos in Sicherheit zu bringen - auf höher gelegene Parkplätze. Die Folge: Auf dem Parkplatz an der Apfelwiese oder auch bei Aldi in Borna-Ost standen die Karossen dicht an dicht.

Am späten Vormittag nahm die Gefahr für die Innenstadt zu. Der Getränkehandel von Thomas Steinhäuser wurde zur Insel. Das Wasser kam aus dem Mühlgraben, der üblicherweise ein kleines Rinnsal ist. Es floss immer stärker auf die Mühlgasse, die sich mehr und mehr mit Wasser füllte. Eine halbe Stunde später wurde Sand auf den Parkplatz hinter dem Behördenzentrum abgekippt. Freiwillige Helfer wie Daniel Göserich griffen zur Schippe und füllten die Säcke, die dann von einer Menschenkette weitertransportiert und am Wasser abgelegt wurden. Nach einer Weile war das Wasser so weit zurückgedrängt, dass zumindest die Mühlgasse für die nächsten Stunden passierbar war. Ein kleiner Erfolg gegen das steigende Wasser, der andernorts allerdings ausblieb.

Etwa in der Angerstraße. Die liegt recht nah an der Wyhra, die ohnehin wie ein reißender Strom wirkt und gar nicht an das Flüsschen erinnert, das sie eigentlich ist. Von der Sachsenallee floss das Wasser am späten Mittag mehr und mehr Richtung Bahnhofstraße. Die Grundstücke hinter dem schwarzen Netto-Markt laufen voll. Im Haus Angerstraße 8 stand das Wasser bis zur Oberkante des Kellers. Die Wassermassen hatten auf der Rückfront des Gebäudes eine Scheibe eingedrückt, so dass die Brühe ins Haus kam. Neben dem Gebäude ist alles voll, so dass die Bewohner dort mit einem Boot evakuiert werden mussten.

Ähnlich ist es rund um den Breiten Teich. Am Nachmittag wurde die Straße Am Breiten Teich gesperrt, weil sie vom Schillerpark und den benachbarten Kleingärten mit großen Wassermengen gespeist wird. Der Schillerpark läuft ohnehin schon bei geringeren Wassermengen voll.

An der Dinterschule ebenso wie am Teichgymnasium wurde der reguläre Unterricht bereits am Vormittag beendet. Wie Schulleiter Frank Ziemann sagte, wurden die Kinder bis Mittag von ihren Eltern abgeholt. Heute findet kein regulärer Unterricht statt. Für Kinder, die nicht zu Hause bleiben können, gibt es eine Notbetreuung. Ziemann rechnete damit, dass morgen wieder wie üblich unterrichtet werden kann. Am Teichgymnasium wurden die Schüler gebeten, ihre Eltern zu informieren, damit die sie abholen konnten. Betroffen waren etwa 400 Mädchen und Jungen. Allerdings, so Schulleiterin Margitta Schade, seien etwa 250 Kinder am Morgen gar nicht zum Unterricht erschienen, weil sie es, mangels Schulbusverkehrs, gar nicht bis zur Schule schafften. Inwieweit heute wieder Unterricht ist, war gestern dagegen noch unklar.

Wichtige Straßen waren gesperrt. Nachdem die Deutzener Straße bereits seit Tagen dicht war, ging auch zwischen Neukirchen und Wyhra nichts mehr. Der südliche Bornaer Ortsteil war nur noch von Thräna aus zu erreichen, "jedenfalls mit großen Feuerwehrfahrzeugen", wie Oberbürgermeisterin Simone Luedtke (Linke) sagte. Sie befand sich im Krisenstab, den die Stadt bei der Feuerwehr in der Röthaer Straße eingerichtet hatte, einem der höher gelegenen Punkte in der Stadt. Das Rathaus war bereits am Vormittag ebenso geräumt worden wie das benachbarte Finanzamt. Michel Zurbrügg, Abteilungsleiter in der Behörde, hatte seine Mitarbeiter nach Hause geschickt. Nicht nur, weil zeitweise das Gebäude in der Gefahr schien, voll Wasser zu laufen, sondern auch weil die Mitarbeiter, die teilweise aus Chemnitz oder gar dem Erzgebirge kommen, zu Hause selbst mit dem Hochwasser zu kämpfen haben.

Dass die Wyhraaue rund ums einstige Freibad weitgehend überflutet war, konnte niemanden überraschen. Das galt auch für die Gärten im Wyhra-Viertel. Nur wenige Meter hinter dem letzten Neubaublock stand das Wasser auf Wiesen und Wegen, für die Kleingärtner dort allerdings keine neue Erfahrung.

Land unter hieß es zwischen Plateka und Zedtlitz. Die Kindertagesstätte im Zwölfbogenweg war geschlossen, die Kinder waren in der Schule Neukirchen untergekommen. Viele Häuser standen im Wasser. Etwa das von Dieter Noeske in der Platekaer Straße 28. Dort sind vier Erwachsene und zwei Kinder zu Hause. Am Mittag, als Dieter Noeske wehmütig zu seinem Eigenheim schaute, war dort Sohn Mirko zugange und versuchte, die unangenehme Flüssigkeit mittels Pumpe zumindest teilweise wieder aus dem Haus zu bekommen.

Dabei kommt das Wasser nicht nur von außen. Es kommt von unten in die Keller, "und es kommt auch zur Toilette wieder raus", sagte Uwe Berger vom Abwasserzweckverband Espenhain, der für die südlichen Bornaer Ortsteile zuständig ist. Gefahr auch für die technischen Anlagen des AZV, etwa in einem Gebäude in Zedtlitz. Die Schaltkästen könnten volllaufen, so Berger, und die müssten dann tagelang wieder austrocknen.

Problematisch auch die Stromversorgung in Teilen der Stadt. Wie Hendrik Franke von der Städtische-Werke-Borna-(SWB)-Netz GmbH sagte, waren die Kleingärten rund ums ehemalige Freibad sowie Richtung Adria ohne Strom. Im Laufe des Tages wurde der Strom auch in Teilen der Tummelwitzer, der Witznitzer und der Jahnstraße abgeschaltet, ebenso Teile der Bahnhofstraße, der Altenburger Straße und der Abtsdorfer Straße, wo viele Keller vollgelaufen waren. Das bedeute, so Franke, dass die Bewohner auch noch eine gewisse Zeit ohne Strom bleiben dürften, wenn das Wasser wieder abgeflossen ist. Bevor die Häuser wieder ans Netz gehen, muss die Installation von einem Fachmann geprüft und abgenommen werden. Von den insgesamt 12 000 Stromkunden der Städtischen Werke waren gestern Nachmittag mehrere Hundert ohne Strom.

In der Abtsdorfer Straße kämpften die Mitarbeiter des Druckhauses Borna mit dem Wasser, das direkt hinter dem Gebäude von der Wyhra kam. Die Feuerwehr versuchte, das Wasser abzupumpen. Das Problem im Druckhaus: ein Raum mit der Technik im Keller, die nur sehr wenig über dem Fußboden steht und bei steigendem Wasser zu kollabieren drohte.

Wer konnte, verbarrikadierte sein Geschäft oder sein Haus mit Sandsäcken. Das machten gestern sämtliche Händler in der Innenstadt, so dass kein Geschäft geöffnet hatte. Am Markt räumten Melanie Knoche und Daniela Patzig Kuchen und sonstige Backwaren aus der Filiale der Bäckerei Hennig. Die Lebensmittel wurden in Sicherheit gebracht - "in unsere Filiale in der Magdeborner Straße", so Melanie Knoche.

Im betreuten Wohnen der Volkssolidarität am Dinterplatz wurde das Erdgeschoss geräumt, so weit es ging. Knackpunkt dabei: die festeingebauten Teile der Küche, die erst in der vorigen Woche dort angebracht worden waren. Die Bewohner blieben in ihren Wohnungen, wurden aber auch dort mit Essen versorgt und beruhigt.

Die Stadt zeigte sich auf mögliche Evakuierungen vorbereitet. Nachdem in der Nacht zu gestern Einwohner aus Thräna in der Grundschule West in der Deutzener Straße untergekommen waren, wurde im Laufe des Tages die Dreifelderhalle zur potenziellen Notaufnahme umfunktioniert. Am Morgen waren 1000 Sandsäcke in der Stadt angeliefert worden, die allerdings im Laufe des Tages nicht vollständig reichten. "Es gab einen kleinen Engpass", so die Oberbürgermeisterin, der allerdings behoben wurde, als weitere 15 000 Sandsäcke nach Borna geschafft wurden.

Und es gab konkrete Hilfe. Etwa vom Hotel "Drei Rosen", das die Helfer in der städtischen Einsatzleitung in der Röthaer Straße ebenso mit Essen versorgte wie die Heliosklinik.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.06.2013

Nikos Natsidis

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